Gothic

Die Geschichte der schwarzen Szene


Alles begann mit Musik. In Deutschland waren es Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre unter anderem Robert Smith und Siouxsie Sioux, Depeche Mode oder Anne Clark, die DĂŒsternis ins Reich der Töne brachten. Kalte KlĂ€nge, schwarze Klamotten, dunkle Schminke, verwischter Lippenstift, toupierte Haare. Dazu gab es teils skurrile Texte voller Melancholie und Schrecken. Die vermeintlich heile Welt, die man bis dato auf der BĂŒhne und im Alltag darstellte, wurde ins Gegenteil verkehrt. Im Post-Punk und im New Wave regierten KĂ€lte, Minimalismus, Weltschmerz, Dunkelheit und Bedrohung.


Eine Wohltat fĂŒr viele Jugendliche, die sich damals mit ihren GefĂŒhlen in dieser Musik wiederfanden. Es tobte ein kalter Krieg zwischen den GroßmĂ€chten, die Umweltzerstörung war ein großes Thema und in den Nachrichten sprach man offiziell von einem drohenden Atomkrieg. Nicht alle, die sich damals in dunklen Kellern zu gruftiger Musik bewegten, hatten bewusst eine Ideologie oder offene Rebellion im Sinn. Viele Jugendliche wollten auch einfach nur anders sein oder es ihren musikalischen Idolen nachmachen. FĂŒr andere war die Szene ein stiller, trauriger, schwarzer Protest. Der Ursprung der Schwarzen Szene lag zwar im englischen Post-Punk, in Deutschland fand die Subkultur aber erst Anfang der 80er Jahre zusammen. Und das sowohl in der BRD als auch in der DDR. In der DDR wurden die sogenannten Ghouls oder Darks scharf von der Staatssicherheit beobachtet. Trotzdem war Robert Smith von The Cure auch im Arbeiter- und Bauernstaat fĂŒr die schwarze Subkultur ein stilistischer und musikalischer Held, dessen Outfit man nachmachen wollte.


DĂŒstere Outfits waren das direkte Gegenteil der bunten Mode der 80er Jahre und somit auch Ausdruck einer Gegenkultur, die die allgegenwĂ€rtigen Neonfarben ablehnte. Passend zu den blass geschminkten Gesichtern und dem dunklen Kajalstrich gab es Firmen wie Bogey`s, die in den Jugendzeitschriften mit dĂŒsterer Mode warben.


Pumphosen, spitze Schuhe, weite Oberteile fĂŒr die Waver, RĂŒschenhemden, Glitzer und Seide fĂŒr die New Romantics, die mit dem Verwischen der Geschlechter spielten, und KĂŒnstlern wie Visage oder Boy George von Culture Club nacheiferten. Schon damals bestand die Subkultur aus verschiedenen Strömungen wie den leichenblassen Gruftis in wallendem Schwarz, den kĂŒhlen Wavern, den New Romantics in melancholischem Bunt und den EBMlern im kĂ€mpferischen Outfit, deren Bands EinflĂŒsse der lĂ€rmenden Industrial Musik aufnahmen.


Weil man in DDR all das nicht kaufen konnte, wurde man hier erfinderisch. So mussten Priesterkleidung und vor allem die schwarzen Schiedsrichterhemden herhalten, um nach engagierter Handarbeit als schwarzes Outfit zu dienen.


Anregungen fĂŒr Outfits und Styling holte man sich unter anderem aus der Schauerliteratur. DĂŒster, mysteriös, alt, bedrĂŒckend, erschreckend: Das waren die Merkmale der sogenannten Gothic Literatur des spĂ€ten 18. Jahrhunderts in England. Ein passender Begriff, fand die Musikpresse, und erfand irgendwann den Begriff Gothic Rock, aus dem sich die Bezeichnung Gothic Szene ableitete. Auch Filme, Serien und Comics prĂ€gten das Bild der Schwarzen Szene.


Der Gesellschaft machten die skurrilen Jugendlichen natĂŒrlich Angst. Sie fĂŒhrten den Menschen den Tod und das Böse vor Augen, stellten gesellschaftliche Normen auf den Kopf, brachen Tabus und provozierten mit ihrem Aussehen. Schnell erzĂ€hlte man sich Geschichten ĂŒber finstere Rituale, GrabschĂ€ndungen, Satanismus und Okkultismus. Die Szene widerlegte diese Vorurteile nicht, denn sie wollte Distanz zur normalen Gesellschaft und da konnte es nicht schaden, wenn die „Normalos“ aus Furcht Abstand hielten. Außerdem waren viele christliche und okkulte Symbole nicht nur herrlich mysteriös, sondern bestens dazu geeignet, ein Statement abzugeben. Im Gegensatz zum Punk oder zu den Hippies wollte die Schwarze Szene jedoch keine politische VerĂ€nderung, sondern ihre Ruhe. Es waren weder Politik noch Religion, die diese Szene vereinte, sondern die Musik und das GefĂŒhl der DĂŒsternis. Die Kinder der Nacht wollten unter ihresgleichen sein, ihre Musik hören und sich nicht erklĂ€ren mĂŒssen.


Was in den 80er Jahren von vielen Eltern noch als „Phase“ ihrer Kinder abgetan wurde, ist heute zu einem Lifestyle gewachsen. Wer damals dabei war, ist es oft heute noch. Jede neue Generation brachte musikalische und optische EinflĂŒsse ihrer Zeit mit. Heute gibt es zahlreiche Gothic Festivals, Gothic Partys und eine Szene, die alle Altersklassen und sehr viele Musikrichtungen vereint. Wie alle Subkulturen kĂ€mpft auch die Gothic Szene mit der Kommerzialisierung und ihrer AuthentizitĂ€t. Dennoch tritt sie auch heute noch zurĂŒckhaltend und defensiv auf und konzentriert sich auf sich selbst.


Wusstest du schon...?

Wusstest du schon...?
Gothics führen Opfer-Rituale durch.
Gothics schänden Friedhöfe.
Gothics schlafen im Sarg.
Gothics lachen nicht.
Gothics sind selbstmordgefährdet.
Gothics sind Satanisten.
Gothics sind rechtsradikal.
Gothics gehören zur SM-Szene.
Gothic Männer sind schwul.
Gothics trinken Blut.

Gothics fĂŒhren Opfer-Rituale durch


Wer einen Gothic fragt, ob in der Schwarzen Szene auch Katzen oder gar Kinder geopfert werden, erntet meist ein herzhaftes Lachen mit der Gegenfrage: „Wozu sollte das gut sein?“ Die Szene ist keine Glaubensgemeinschaft und muss somit nicht einmal theoretisch irgendwem irgendwas opfern - außer vielleicht ziemlich viel Haarspray fĂŒr eine Frisur oder ziemlich viel Zeit, um das Makeup ordentlich hinzubekommen.


Gothics schÀnden Friedhöfe


Dass sich Gothics gerne auf Friedhöfen aufhalten, steht außer Frage. Gruften und GrĂ€ber drĂŒcken Ruhe, Melancholie, Trauer und Tod aus. Friedhöfe sind der ideale Ort, um Stille zu genießen, sich zu gruseln und sich Geschichte und Geschichten hinzugeben. Gothics lieben Friedhöfe, weil sie in der VergĂ€nglichkeit eine tiefe Schönheit sehen. Es gibt nichts, was Frieden, Stille, Melancholie und Schönheit auf einem Friedhof mehr stört als eine GrabschĂ€ndung.


Gothics schlafen im Sarg


Wer schon einmal in einem Sarg gelegen hat, der weiß, dass es bequemere Möglichkeiten gibt, die Nacht zu verbringen. Der Sarg ist sicher bei einigen Gothics ein beliebtes MöbelstĂŒck, aber doch eher als Truhe oder umgebaut zum Regal. Als Bett eignet sich ein Sarg in der Regel nicht.


Gothics lachen nicht


Bei allem Styling und aller Vorliebe fĂŒrs Traurige und Morbide sind Gothics ganz normale Menschen, die Freunde treffen, sich unterhalten, Party machen und natĂŒrlich auch lachen. Aber psssst! Das machen sie natĂŒrlich nur (un)heimlich.


Gothics sind selbstmordgefÀhrdet


Einige Gothics sind mit Sicherheit auch selbstmordgefĂ€hrdet, denn die Szene ist genauso vielfĂ€ltig wie die „normale“ Gesellschaft. Und auch dort gibt es Menschen, die mehr oder weniger mit sich und ihrem Leben zu kĂ€mpfen haben. Es ist aber nicht charakteristisch fĂŒr Gothics, selbstmordgefĂ€hrdet zu sein. Die oft zitierte Todessehnsucht gibt es so nicht.


Gothics sind Satanisten


Die Schwarze Szene ist keine Glaubensgemeinschaft und deshalb gibt es auch keine Religion, die fĂŒr sie charakteristisch ist. Es gibt AnhĂ€nger aller Glaubensrichtungen, viele Atheisten, Agnostiker und Leute, die sich ĂŒber eine Religionszugehörigkeit noch nie Gedanken gemacht haben. Wie in der „normalen“ Gesellschaft eben auch. Es stimmt allerdings, dass sich einige Gothics auch mit dem Satanismus und mit Schwarzer Magie auseinandersetzen. Wer Krimis mag, ist aber noch lange kein Mörder und wer die satanische Bibel liest, noch lange kein Teufelsanbeter.


Gothics sind rechtsradikal


Die Schwarze Szene ist keine politische Organisation, so dass hier das Gleiche gilt wie fĂŒr die Religion. Wie in der „normalen“ Gesellschaft gibt es auch unter Gothics AnhĂ€nger aller politischen Richtungen und solche, die sich fĂŒr Politik ĂŒberhaupt nicht interessieren. Einigen Splittergruppen und Bands der Schwarzen Szene wird eine NĂ€he zu rechtsradikalen Parteien nachgesagt, anderen Splittergruppen eine NĂ€he zu linksradikalen Parteien. Die politische Gesinnung der breiten Masse liegt aber wahrscheinlich - wie so oft - irgendwo in der Mitte.


Gothics gehören zur SM-Szene


Es gibt beim Outfit einige Überschneidungen der Gothic Szene mit der SM-Szene. Gothic Bands wie Umbra et Imago bedienen sich gerne im SM-Bereich, um ihre BĂŒhnen-Performance zu gestalten. Auf Festivals sieht man Gothics, die ihre Partnerinnen oder Partner an der Leine fĂŒhren, aber charakteristisch fĂŒr die Schwarze Szene ist das Spiel von „Master and Servant“, wie es Depeche Mode einst sangen, nicht. Die Gothic Szene und die SM-Szene existieren völlig unabhĂ€ngig voneinander.


Gothic MĂ€nner sind schwul


Ja, einige Gothic MĂ€nner sind schwul, andere nicht. So wie es in der Gesellschaft eben ist. Meist grĂŒndet sich die Annahme, dass Gothic MĂ€nner homosexuell sind, auf dem optischen Verwischen der Geschlechter, das in der Szene eine lange Tradition hat. Outfit, Makeup und Styling sind in der Gothic Szene kein Ausdruck von sexuellen Orientierungen. Der Schein kann trĂŒgen.


Gothics nehmen Drogen


Nicht mehr und nicht weniger als alle anderen Menschen auf diesem Planeten. Es ist aber nicht charakteristisch fĂŒr die Szene, Drogen zu nehmen oder ĂŒbermĂ€ĂŸig Alkohol zu trinken. Die einzige typische Droge der Schwarzen Szene ist die Musik.


Gothics trinken Blut


Wer schon einmal einen blutenden Stich im Finger abgeleckt hat, der weiß, dass es weit besser schmeckende rote GetrĂ€nke gibt als Blut. Rotwein zum Beispiel, oder Kirschsaft. Deshalb greifen auch Gothics lieber zu letzteren GetrĂ€nken und lassen das Blut, wo es hingehört. Eine Ausnahme bilden diejenigen, die sich wirklich fĂŒr Vampire halten, aber die finden selbst die Gothics skurril. Wenn man ein fĂŒr sie Szene charakteristisches GetrĂ€nk benennen sollte, dann ist das der giftgrĂŒne Absinth.

Todessehnsucht

Gothics kleiden sich dĂŒster, mögen Friedhöfe und Totenköpfe, hören traurige Musik und beschĂ€ftigen sich mit dem Tod. Viele selbsternannte Experten konstruieren daraus eine Art Todessehnsucht. Selbstmordgedanken oder eine Sehnsucht nach dem Tod sind aber in der Gothic Szene allenfalls GesprĂ€chsthemen, aber keine Handlungsvorlagen. Man genießt eher die Schönheit der VergĂ€nglichkeit und akzeptiert den Tod als Teil des Lebens. WĂ€hrend das Sterben in der Gesellschaft ein Tabu-Thema ist, setzt sich die Szene damit auseinander. Die daraus resultierende Melancholie, KĂ€lte und Dunkelheit zeigen sich auch in den Lyrics und dem Tanzstil der Szene. „Memento Mori“ (Sei Dir der Sterblichkeit bewusst) und Vanitas, die VergĂ€nglichkeit alles Irdischen, sind bekannte und beliebte Motive.


Die NĂ€he zu Totenköpfen, Friedhöfen und allem Morbiden entspringt natĂŒrlich nicht immer einer verkopften Analyse. Das Dunkle, Mystische und Verbotene hat auch einfach so eine Anziehungskraft, der man sich gerne hingibt. In der Szene findet eine Konfrontation mit den AbgrĂŒnden der Menschheit und mit GefĂŒhlen statt, die allgemein als negativ angesehen werden. Dies alles geschieht natĂŒrlich nicht in Form von okkulten Lehrstunden oder blutigen Ritualen, sondern wird durch Musik, Lyrics, Filme, BĂŒcher und Kunst transportiert.


Literatur

Gothics haben die BeschĂ€ftigung mit der dunklen Seite dieser Welt nicht erfunden. Schriftsteller haben sich schon immer mit dem Tod, mit Angst und Schrecken beschĂ€ftigt und dabei nebenbei einen Pool an Inspirationen fĂŒr die Gothic Szene geschaffen. DĂŒstere Outfits, Nicknames, Bandnamen, Song-Lyrics - ihr Ursprung liegt sehr oft in BĂŒchern. Als BegrĂŒnder des literarischen Gothic Genres gilt Horace Walpole mit seinem Roman „Das Schloss von Otranto“. Gothic Fiction spielte mit fantastischen Elementen, bedrohlichen RĂ€umen, Aberglauben und UnterdrĂŒckung. Auch die Religionskritik spielte eine Rolle. Geister, Scheintote, und mysteriöse Gestalten tauchten auf.


Im Zuge der schwarzen Romantik gegen Ende des 18. Jahrhunderts kamen Melancholie, Sehnsucht, Wahnsinn und Faszination des Bösen hinzu. Sehr berĂŒhmte Geschichten der eng verwandten Horrorliteratur sind Dracula und Frankenstein. Auch die jĂŒngeren Vampir- und Hexenserien von Anne Rice finden in der Gothic Szene begeisterte Leser. Die Horrorliteratur brachte Monster, Werwölfe, Vampire, Hexen, DĂ€monen und Zombies ins Spiel. Romanserien wie Vampira, Der Hexer, Geister-Schocker oder John Sinclair wurden erdacht und auch Comics des dunklen Genres fanden ihren Weg in die Grufti-Regale.


Filme, Fernsehserien & Radio

Was könnte besser als Stilvorlage dienen als eine Filmfigur? Die Gothic Szene entnimmt ihre Outfits nicht nur der Literatur, sondern auch Kinofilmen, Fernsehserien und sogar Radioserien und Hörspielen. Der wohl bekannteste Horrorstreifen aus der Stummfilmzeit ist Nosferatu, der auf Bram Stokers Dracula basierte. Fernsehserien wie die Addams Family griffen schaurige Motive auf und wĂŒrzten sie mit Humor. Morticia Addams wurde quasi zum Gothic-Girl-Prototyp. Musiker des frĂŒhen Gothic-Genres bedienten sich in ihrer Ästhetik bei den B-Movies, wie beispielsweise den Horrorfilmen der britischen Hammer-Studios.


Zombies, Hexen, Vampire, Werwölfe, DĂ€monen, Geister, Monster - bis heute gibt es auf der Leinwand immer wieder frischen Nachschub fĂŒr besonders gruftige Outfit- und Styling-Ideen. Selbst im Trickfilm ist mit Tim Burton ein Verfechter des Morbiden und Bizarren vertreten. Wenn du genau hinschaust, findest du die Figuren aus all diesen Filmen auf eine ganz eigene Art in der Gothic Szene wieder - in Musikvideos, als Motive auf Klamotten, als Vorlage fĂŒrs Outfit, als Schmuck, Tattoo oder Poster.


Kunst

Die Gothic Szene trifft sich in erster Linie, um Musik zu hören, Leute zu treffen, Bands zu sehen und zu tanzen. Trotzdem haben die großen Festivals auch ein Rahmenprogramm aus Lesungen, Ausstellungen und sogar TheaterstĂŒcken. Die Kunst hat im Laufe der Jahre ihren Platz in der Szene gefunden. Zwei Bereiche stechen besonders heraus: die Fotografie und die Bildhauerei. SelbstverstĂ€ndlich bleiben sich Gothics treu und wĂ€hlen bei Fotoshootings dĂŒstere Kulissen wie Burgen, Friedhöfe, verlassene Orte oder tiefe WĂ€lder.


Die VergĂ€nglichkeit ist ein beliebtes Motiv. Das gilt auch fĂŒr die Bildhauerei, die beim Friedhofsbesuch im Fokus steht. Engel, Götter, Trauer, Tod, Kreuze, tiefe GefĂŒhle: Die Kunst der Bildhauerei wird in Form von alten Grabsteinen und Familiengruften bewundert. Und weil man die nicht mitnehmen kann, werden sie ebenfalls kurzerhand fotografiert. Auf den Festivals gibt es dann entsprechende Fotoausstellungen. Kunsthandwerk darf auch nicht fehlen. Vor allem Schmuck, Mode, Accessoires und Interieur finden sich an den StĂ€nden der dunklen MĂ€rkte, hergestellt in Handarbeit speziell fĂŒrs dĂŒstere Publikum.


Religion

Auch, wenn es keine Religion gibt, die charakteristisch fĂŒr die Szene ist, sind Glauben und Aberglauben beliebte Themen. Der Okkultismus jagt einem mit Übersinnlichem einen Schauer ĂŒber den RĂŒcken, die Wicca-Religion lockt mit mystischer Naturverbundenheit. Der Satanismus rĂŒckt das Böse in den Mittelpunkt und das Heidentum lĂ€sst die Antike und das Mittelalter aufleben. FĂŒr Gothics ist jede Religion interessant und voller Geheimnisse. Meist beschĂ€ftigt man sich aber aus einer respektvollen Distanz mit den Inhalten und urteilt nur selten.


Wer in der Gothic Szene Tarotkarten legt, ist nicht zwangslĂ€ufig der Meinung, tatsĂ€chlich in die Zukunft zu blicken. Wer sich mit schwarzer oder weißer Magie beschĂ€ftigt, glaubt nicht unbedingt, eine Hexe zu sein. Genau wie in der Gothic-Literatur und den Gothic-Filmen haftet auch der BeschĂ€ftigung mit SpiritualitĂ€t, Mystik und Religion in der Schwarzen Szene etwas Fantastisches und Inszeniertes an. Das Ambiente ist es, was man liebt. Dennoch ist echte Religionszugehörigkeit natĂŒrlich nicht ausgeschlossen. Auf großen Festivals, wie dem Wave Gotik Treffen in Leipzig, gibt es inzwischen sogar christliche Gothic-Gottesdienste.


Symbole

Umgedrehte Kreuze, Pentagramme, die Teufelszahl 666. Was hat das alles in der Gothic-Szene zu suchen, wenn es doch nicht zu religiösen Ansichten gehört? Ganz einfach: Viele Symbole sind schlicht Ausdruck einer Gedankenwelt oder Statements. Das umgedrehte Kreuz ist beispielsweise ein stiller Protest gegen die Institution Kirche. Schon in den AnfĂ€ngen der Gothic Literatur war Religionskritik ein Thema. Die Gothics nahmen die Impulse auf und verwandelten Priester- und NonnengewĂ€nder in dĂŒstere Outfits. Andere Symbole wie das Pentagramm oder das Ankh stammen ebenfalls aus den Bereichen Glauben und Aberglauben. Hier geht es nicht immer um den Inhalt und die vermeintliche Wirkung als GlĂŒcksbringer oder Schutzsymbol, sondern schlicht um die dĂŒstere Ästhetik und die Geschichte dahinter. Wer mag, kann seine Symbole natĂŒrlich mit echter Bedeutung belegen. Alles ist möglich.


Politik

Immer wieder werden Stimmen laut, die der Gothic Szene eine rechtsextreme Gesinnung vorwerfen. Und es gibt tatsĂ€chlich Entwicklungen, die auch von der Szene selbst kritisch beĂ€ugt werden. Zweifelhafte Uniformen und Song-Lyrics tauchen bei Konzerten einiger Splittergruppen auf, Symbole mit Nazi-Charakter werden wiederbelebt. Auch die Musik des Genres „Neue Deutsche HĂ€rte“ rĂŒckte mit Bands wie Rammstein oft in die Kritik, genau wie der Neofolk. Neu ist das Thema nicht. Schon die Punks und die Vertreter des Post-Punk spielten mit Nazi-Symbolen.


Was ist nur Provokation und was ist echt? Man weiß es nicht immer genau. Da die Gothic Szene aber keine homogene Gruppe ist, kann man ihr auch keine einheitliche politische Gesinnung zuschreiben. Fakt ist: Wenn Gothics sich treffen, reden sie eher selten bis gar nicht ĂŒber Politik. Ausnahmen bestĂ€tigen die Regel.


Typen

Genauso vielfĂ€ltig wie die Musikrichtungen sind auch die Gothic-Typen, die sich im Laufe der Jahrzehnte herauskristallisiert haben. Die klassischen Waver tragen toupiertes Haar, Pumphose, Hemd und Pikes. Sie sind zwar auffĂ€llig geschminkt, weißen sich aber nicht die Haut und wĂ€hlen eher roten als schwarzen Lippenstift. Die klassischen Gruftis hingegen hĂŒllen sich in tiefschwarze GewĂ€nder, tragen weißes Makeup, schwarzen Lippenstift und rasieren sich die Augenbrauen, um sie diabolisch neu zu ziehen. Bei den Schwarzromantikern geht nichts ohne RĂŒschen, Brokat und Seide. Die Mittelalter-Fraktion mag es natĂŒrlich mit Leinen und Gewand, wĂ€hrend die Cybers die Apokalypse mit Knicklichtern und Plastikzöpfen feiern.


Als besonders kreativ gelten die Steampunks, die ihre Kleidung und ihre Utensilien abenteuerlichen Zeitreisen und der industriellen Revolution mit Dampf- und Flugmaschinen widmen. Nebenher entstehen immer wieder neue Varianten, die teils liebevoll und teils ironisch mit Trend-Namen versehen werden: Pastel Goth, Fetish Goth, Fairy Goth, Hippie Goth oder Health Goth sind nur einige Beispiele. Wie bei der Musik, sind auch bei den Gothic Typen die ÜbergĂ€nge fließend. Die Schwarze Szene wird zwar immer unter dem Begriff „Gothic Szene“ zusammengefasst, die Splittergruppen innerhalb der Szene haben aber wenig bis gar nichts miteinander zu tun. Viele von ihnen identifizieren sich nicht einmal mit dem Begriff „Gothic“.


Lifestyle

Wenn man SzenegĂ€nger fragt, was „Gothic“ ist, dann sagen fast alle: Das ist ein Lebensstil. Doch was soll das heißen? Muss man TotengrĂ€ber, Pathologe oder FriedhofsgĂ€rtner werden, um wirklich ein Gothic zu sein? True oder untrue? Echt oder nur verkleidet? Das ist ein großes Thema in der Szene, denn man möchte sich von der „normalen“ Gesellschaft mit ihren Tabus und befremdlichen Verhaltensweisen abgrenzen. Die Selbstinszenierung ist Ausdruck der Gedankenwelt. Schaulustige, die sich mit schwarzen Klamotten tarnen und sich völlig szenefremd verhalten, sind nicht gerne gesehen.


FrĂŒher war die Frage nach der Szenezugehörigkeit einfach zu klĂ€ren. Man erkannte die Jugendlichen an ihren Klamotten, ihrem Makeup und ihrer Frisur. Doch die Szene ist Ă€lter geworden. Ihre Mitglieder mussten sich irgendwann den Anforderungen des Alltags stellen. Mit weißer Schminke und Grufti-Frisur findet man nur schwer einen Job. Selbstdarstellung ist mit zunehmendem Alter nicht mehr uneingeschrĂ€nkt möglich und bleibt fĂŒr Gothics doch immer ein Sehnsuchtsthema. Ein echter Gothic atmet auf, wenn er in seine Kleidung schlĂŒpfen, seine Frisur und seinen Schmuck tragen kann.


Musik

Wenn es eine Konstante quer durch alle Untergruppierungen der Schwarzen Szene gibt, dann ist es die Liebe zur Musik. Seit den 80er Jahren haben sich viele Musikrichtungen aus dem ursprĂŒnglichen Post-Punk, Industrial und Synth Pop entwickelt. Es ist zwar nicht immer einfach, die Bands der Gothic Szene genau einem Genre zuzurechnen, aber es gibt grobe Schubladen, an denen man sich orientieren kann. Es gibt inzwischen auch einige Musikstile auf dem Gothic-Musikmarkt die gar nichts mehr mit den musikalischen UrsprĂŒngen zu tun haben. Andere Genres haben sich so verĂ€ndert, dass man sie kaum wiedererkennt.


Orte

Wo trifft sich die Gothic Szene? Auf dem Friedhof? Einige „Kinder der Nacht“ mögen sich dort herumtreiben. Allerdings eher, um Fotos zu machen oder in der angenehmen Stille ein Buch zu lesen. Die Gothic Szene entspringt der Musik. Und noch heute sind es Festivals und Konzerte, bei denen Gruftis und Batcaver, Schwarzromatiker und Waver zusammenkommen. Auch Partys in „schwarzen“ Clubs gibt es in einigen StĂ€dten. Jenseits der Musik sind es Burgen, Schlösser, mystische Orte oder schaurige Ausflugsziele, die den Gothic anziehen. Allerdings weniger als Treffpunkt, sondern eher als Ausflugsziel. Die meisten Gothics treffen sich – wie der Rest der Gesellschaft auch – im Internet, um sich auszutauschen oder gemeinsame FreizeitaktivitĂ€ten zu planen.