Heimliche Riesen
von Marcel Anders (05.04.2006)Sie sind die Band der Widersprüche: Ein Quartett aus Los Angeles, das sich am liebsten hinter seiner Musik versteckt, völlige Anonymität genießt und die Kunst über den Kommerz stellt. Gleichzeitig sind Tool aber auch Rockstars, die Millionen von CDs ...
WeiterlesenSie sind die Band der Widersprüche: Ein Quartett aus Los Angeles, das sich am liebsten hinter seiner Musik versteckt, völlige Anonymität genießt und die Kunst über den Kommerz stellt. Gleichzeitig sind Tool aber auch Rockstars, die Millionen von CDs umsetzen und die größten Arenen der Welt füllen. Eine Diskrepanz, die zur Veröffentlichung des vierten Albums "10.000 days" offensichtlicher wird, denn je.
Denn mit ihrem ersten Lebenszeichen seit "Lateralus" gehen Sänger Maynard Keenan, Gitarrist Adam Jones, Bassist Justin Chancellor und Drummer Danny Carrey einmal mehr auf radikalen Verweigerungskurs. So wird den wenigen Journalisten, die nach Unterzeichnen eines seitenlangen Vertrags zum Interview zugelassen werden, zwar das komplette Album vorgestellt, aber weder Song- noch Albumtitel mitgeteilt. Angeblich, so Maynard, weil sie noch nicht so weit seien und man lieber nichts, als etwas Falsches publik machen möchte. Was logisch klingt, aber nicht ist. Denn weshalb geht eine Band auf Promo-Tour, wenn sie gar kein Produkt bewerben möchte? Ein Irrsinn, der alle Beteiligten zu verständnislosem Kopfschütteln veranlasst. Die Plattenfirma wegen der horrenden Kosten eines solchen Trips, die Band wegen der stockenden Interviews mit verstörten Pressevertretern, und letztere, weil sie sich schlichtweg vorgeführt fühlen. Denn Maynard und Danny schweigen sich über Inhalt und Texte des neuen Werkes aus, das erst Tage später auf "10.000 days" getauft wird.
Ein Titel, der genauso kryptisch anmutet wie die Story, die sich über insgesamt elf Stücke erstreckt: Hauptcharakter ist ein aufgeklärter, liberaler US-Amerikaner. Einer, der das tägliche Morden im Fernsehen beobachtet ("I need to watch things die from a good, save distance"), aber so abgestumpft ist, dass er dabei nichts mehr empfindet, und sich seiner Lethargie eigentlich schon ergeben hat. "If I could, I would wish it all away", heißt es im zweiten Song, der (so stellt sich später heraus) den Namen "Jambi" trägt. Bis etwas Seltsames passiert: Er erfährt eine Art Eingebung und wird zum Retter der Menschheit. Nur dass er mit dieser Rolle so gar nicht klarkommt. "Such a heavy burdon to be the one", heißt es in "Rosetta stoned". Und dann? Weißes Rauschen. Stimmen-Gewirr. Das große Grollen. Alles im finalen "Viginti tres". Damit konfrontiert, geht Maynard in die künstlerische Defensive: "Ich weigere mich, die Texte in irgendeiner Form zu erklären. Ganz einfach, weil ich möchte, dass sich jeder, der das Album hört, sein eigenes Bild macht und nicht mit einer vorgefertigten Meinung an die Sache herangeht. Denn wenn du alles genau erklärst, zerstörst du auch das Spannende daran. Also gib den Leuten keine Hilfestellung. Die brauchen sie gar nicht. Wenn sie etwas erkennen wollen, tun sie das auch." Musik zur Selbsterfahrung und spirituellen Reise in einen höheren Bewusstseinszustand. Ein Ansatz, der perfekt zur Umsetzung passt. Denn musikalisch ist "10.000 days" einmal mehr das volle Progressive Rock-Brett, das jeden King Crimson-Fan feuchte Höschen bereiten dürfte. Mit epischen Stücken, die bis zu elf Minuten dauern, und aus mehreren Teilen im Stile einer Suite bestehen. Nur, dass hier im Gegensatz zu Yes oder Emerson, Lake & Palmer keine instrumentale Selbstbefriedigung betrieben, sondern mit knallig-kantigem Bass, trockenen Drums, messerscharfen Gitarrensalven und manischem Gesang ein düster-bedrohlicher Torso beschworen wird. Mit endlosen, sphärischen Intros/Outros, hörspielartigen Interludes, Tribal-Rhythmen und immer neuen, abenteuerlichen Stil- und Tempowechseln. Eine Musik, die ihren Hörer gleich mit den ersten Akkorden gefangen nimmt, einmal kräftig auf den Kopf stellt und dann - gegen Ende - abrupt zurück in die Realität entlässt. Natürlich mit zahlreichen Fragezeichen und der wohl kalkulierten Unfähigkeit, das Erlebte auch nur halbwegs verarbeiten zu können. Was laut Maynard aber gerade der Spaß daran ist: "Die Reise ist das Ziel. Und das Tolle ist, dass diese Musik bei jedem Menschen andere Gefühle und Gedanken auslöst. Sie ist wie ein Aphrodisiakum." Ein mentaler Türöffner. Entweder zur gezielten Realitätsflucht oder aber zu einem geschärften Bewusstsein. Womit klar ist, wo Tool heute stehen: Sie sind längst nicht mehr Teil der MTV-Landschaft, zu der sie noch Anfang/Mitte der '90er mit revolutionären Animationsvideos ("Prison sex", "Stinkfist") zählten, und auch nicht mehr Galionsfigur des amerikanischen Alternative Rock. Sondern sie haben die jugendliche Rock-Arena längst verlassen, weil sie, so Maynard, mit Mitte 40 einfach nicht mehr dazu gehören. "Ich weiß nicht, was im Kopf eines 21-jährigen vorgeht. Und ehrlich gesagt, möchte ich das auch gar nicht", setzt der schmächtige, kleine Sänger an. "Denn diese Generation hat keinen Respekt vor dem geistigen Eigentum anderer. Sie nimmt sich einfach, was sie will und ist nicht bereit, das entsprechend zu honorieren. Was für uns als Band nur deshalb kein Problem ist, weil wir unser Geld mit Live-Spielen verdienen. Von Plattenverkäufen allein könnten wir nicht überleben." Was mit der Grund sein dürfte, warum sich Tool immer mehr einem reifen, erwachsenen Publikum nähern. Eben, indem sie sich auf Alben statt Singles konzentrieren, keine Radio-Edits und kaum noch Videos anfertigen, und den Drang nach Eroberung neuer Märkte und Käuferschichten längst ad acta gelegt haben: "Früher waren wir der Ansicht, dass sich Erfolg an den Umsatzzahlen ablesen lässt, und es insofern wichtig ist, von jedem neuen Album entsprechend mehr Stückzahlen zu verkaufen. Aber das ist in Zeiten, da die Umsätze derart im Keller sind, einfach Blödsinn. Insofern konzentrieren wir uns auf die Bühne - und auf das Publikum, das wir bereits erreicht haben." Die Bekehrung der Bekehrten. Oder der Kultstatus als Status Quo. Womit die Vier prima leben können - und ihren Helden von King Crimson, ob freiwillig oder nicht, dicht auf den Fersen sind. Ein Gedankengang, der bei Maynard zum ersten Mal so etwas wie ein feines Lächeln auslöst. "Ich habe mich jahrelang mit Händen und Füßen gegen diesen Begriff gewehrt", setzt er an. "Aber wenn man ihn wörtlich nimmt, also als Rockmusik mit einem Ansatz, der den Hörer auf ein neues Level führt, dann trifft das wohl zu. Wobei sich die Frage stellt, ob wir dafür nicht einen neuen Begriff entwickeln sollten. Einen ohne negative Bedeutung. Denn wir wollen nicht, dass jemand sagt: "Tool sind Progressive Rock", und dabei unwillkürlich an Styx denkt. Damit haben wir nun wirklich nichts zu tun. Auch nicht mit Yes oder Genesis. Um Gottes Willen." Und so dient die Rückbesinnung auf alte Ansätze und Formen lediglich einem Ziel: Der Abgrenzung vom musikalischen Hier und Jetzt, mit dem Maynard & Co. nach eigenem Bekunden nichts (mehr) anfangen können - und wollen. Sie zeigen sich angewidert vom Punk/Pop-Boom um Bands wie Simple Plan, Sum 41 oder Avril Lavigne. Haben kein Verständnis für Casting-Shows, Boybands, Retro-Rocker oder HipHopper und ziehen sich folgerichtig immer mehr in ihre Nische, mit ihrer Musik und einem kleinen Kreis von Gleichgesinnten zurück. "Ich kaufe zwar immer noch viele CDs, lerne aber kaum noch neue Sachen kennen, schon gar nicht durch die Medien", verrät Maynard. Momentan schwärmt er vor allem für die Band Autolux aus Los Angeles. Kollege Danny dagegen für Isis und Mastodon, mit denen er - natürlich - auch befreundet ist. Doch ansonsten stehen Tool genauso allein auf weiter Flur wie bei ihrer Gründung vor 16 Jahren. Sie passen in kein musikalisches Genre, sind keine Medien- oder Kritikerlieblinge (wofür sie selbst sorgen), sondern geben sich vorzugsweise unnahbar und unzugänglich. Es sei denn, für den erklärten Fan, der die entsprechende Zeit und Muse aufwendet, um sich intensiv in ihre Klangkunst, ihre symbolträchtige Artwork und ihre düster-morbiden Clips hineinzudenken. Wofür denn auch der Großteil der insgesamt drei Jahre, die sie an "10.000 days" gewerkelt haben, draufgegangen ist. "Wir lassen uns einfach Zeit, damit auch wirklich alles stimmt. Und das gilt für sämtliche Teilbereiche", so Danny. "Adam ist gelernter Graphiker und kümmert sich um die Covergestaltung und die Videos, was ewig dauert. Und die Musik basiert auf mehreren Tausend Stunden Jams, die wir aufgenommen und dann zusammengestückelt haben. Wie in einem großen Puzzle". Das präsentieren sie ab Anfang Juni auch wieder live. Mit drei Hallenkonzerten in Hamburg (06.06.), Berlin (07.06.) und Düsseldorf (08.06.) sowie zwei Open Airs (Rock am Ring, Rock im Park). "Eigentlich ist das nur eine Entschuldigung, um ein paar Spiele der Fußball-WM sehen zu können", gibt Danny unumwunden zu. "Wir haben nämlich Karten für England gegen Paraguay, für die wir ein Heidengeld bezahlt haben. Hoffentlich lohnt sich das auch." Tool und Fußball? Progressive Rock und La Ola-Wellen? Noch eine klaffende Diskrepanz. Doch mal ehrlich: Was ist an dieser kauzigen Band schon normal? Etwa, dass Maynard inzwischen ein eigenes Weingut in der Nähe von Phoenix/Arizona betreibt? Oder, dass alle vier Mitglieder spätestens seit dem fünfjährigen Rechtsstreit mit ihrem ex-Label Zoo Records (1996-2001) begonnen haben, sich mit Nebenprojekten und Zweitbands zu befassen? Nicht wirklich. Wobei nicht alle gleichermaßen erfolgreich sind. Drummer Danny trommelt zum Beispiel schon seit Jahren für die Chaos-Rocker von Pigmy Love Circus, mit denen er auch mehrere Platten aufgenommen hat. Allerdings ohne nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Genau wie mit seinem Elektronik Ausflug Zaum, der bereits nach wenigen Monaten scheiterte - weil der Keyboarder lieber bei Guns N'Roses anheuerte. Und sein aktuelles Projekt Volto, das noch im Rehearsal-Stadium steckt, bezeichnet er lächelnd als "Jazz-Fusion-Extravaganza". Ganz anders Maynard. Das schmächtige Kerlchen verschaffte sich Ende der '90er ein lukratives zweites Standbein mit A Perfect Circle. Eine Allstar-Truppe um den Gitarristen Billy Howerdel, der zudem James Iha (ex-Smashing Pumpkins), Jeordie White (ex-Marilyn Manson) und Josh Freese (ex-Vandals) angehörten, und die mit "Mer de noms" (2000), "Thirteenth step" (2003) und "eMOTIVe" (2004) drei gefeierte Alben vorlegte. Dabei scheint die weitere Zukunft unklar: Howerdel nimmt gerade ein Solo-Album auf, der Rest der Truppe betätigt sich in neuen Bands, und Keenan verweigert jedwede Aussage zum Stand der Dinge. "Lass uns über Tool reden. Dafür sind wir hier." Typisch ...