Der Ayreon-Boss Arjen Lucassen ist schwer verliebt. In seine Ehefrau? Ja natürlich, in seine Angetraute Jolanda sowieso. Aber es gibt für ihn eine weitere Liebe, eher platonisch, oder sagen wir besser: musikalisch. Marcela Bovio heißt das Subjekt der...
Der Ayreon-Boss Arjen Lucassen ist schwer verliebt. In seine Ehefrau? Ja natürlich, in seine Angetraute Jolanda sowieso. Aber es gibt für ihn eine weitere Liebe, eher platonisch, oder sagen wir besser: musikalisch. Marcela Bovio heißt das Subjekt der Begierde. Die bildhübsche Mexikanerin ist die Sängerin seiner neuen Truppe Stream Of Passion, zu der auch Bassist Johan van Stratum und Schlagzeuger Davy Mickers, beides Landsleute von Lucassen, sowie der mexikanische Pianist Alejandro Millan gehören. Last but not least bleibt noch Solo-Gitarristin Lori Linstruth, eine gebürtige Schwedin, die jahrelang in Los Angeles in einer All-Girls-Band spielte und für die Soloarbeit bei Stream Of Passion verantwortlich ist. In dieser Besetzung haben Lucassen & Co. das Debutalbum "Embrace the storm" eingespielt, mit dem es jetzt direkt auf die (Erfolgs-)Spuren von Nightwish oder Within Temptation gehen soll. Denn das weiß auch Lucassen: Metal mit Frauengesang ist momentan schwer angesagt. Was Stream Of Passion jedoch von oben genannten Formationen unterscheidet und wie es zu dieser ungewöhnlichen Konstellation kam, erzählen uns Lucassen und Marcela Bovio persönlich. Die schwierigste Frage zuerst: Wie nennt ihr eigentlich die Musikrichtung eures Debuts "Embrace the storm"?
Lucassen: "Es gibt für diese Musik keinen direkt zutreffenden Begriff, außer vielleicht Progressive Gothic."
Bovio: "Ich denke, es ist mehr Rock als Metal, dabei aber sehr heavy und immer auch ein bisschen mysteriös. Ich mag diese geheimnisvolle Atmosphäre, diesen ganz außergewöhnlichen Tiefgang in den Stücken. Für mich trifft deshalb eher ein Begriff wie Dark Heavy Rock zu."
Könntet ihr die Musik denn etwas genauer beschreiben?
Lucassen: "Das Besondere an dieser Band ist die Vielfalt der Stile und die auch für mich oftmals überraschenden Ideen der anderen Bandmitglieder. Da gibt es manchmal TripHop artige Rhythmen, die an Massive Attack erinnern, da gibt es die jazzigen Pianoparts, die mitunter über die von mir geplante Tonart weit hinausgehen oder den Nu Metal-Ansatz unseres Bassisten, dessen Vorbilder Korn sind."
Arjen, wie ist dein Kontakt zu Marcela überhaupt zustande gekommen?
Lucassen: "Als ich mit den Arbeiten am vorigen Ayreon-Album ,The human equation' anfangen wollte, machte ich über meine Homepage einen Aufruf, dass sich Sänger und Sängerinnen als Gastmusiker bewerben können. Unter den Bewerbern war auch Marcela, deren Stimme mir auf Anhieb gut gefallen hat. Ich habe sie dann zu mir nach Holland eingeladen, um mit ihr an ,The human equation' zu arbeiten. Dabei hat sich herausgestellt, dass Marcela nicht nur eine großartiger Sängerin sondern auch ein fabelhafter Mensch ist. Nach der Fertigstellung des Albums sind wir deshalb in Kontakt geblieben und haben die Gründung einer neuen Band verabredet."
Marcela, bist du von klein auf eine überzeugte Rockmusikerin?
Bovio: "Ja und nein. Ich liebe Rockmusik, aber meine Einflüsse sind weitaus vielschichtiger. Ich mag so ziemlich alles von Pink Floyd bis hin zu richtigem Jazz á la Pat Metheny. Ich denke, diese Vielfalt hört man in meinem Gesang sehr deutlich."
Hattest du jemals Gesangsunterricht?
Bovio: "Ja, fünf Jahre lang ging ich zu einer klassischen Gesangsausbildung. Das hat mich und meine Stimme geprägt."
Die Geschichte eurer Bekanntschaft ist damit erklärt. Wie aber habt ihr beispielsweise Lori Linstruth kennen gelernt?
Lucassen: "Lori meldete sich über meine Homepage, weil sie Probleme mit ihrer Gitarre hatte. Ich ging auf ihre Website und entdeckte die wohl beste Solo-Gitarristin der Welt. Ihr Ausdruck ist unglaublich, in jedem ihrer Soli erzählt sie eine kleine faszinierende Geschichte."
Wie verliefen die ersten Schritte der Zusammenarbeit für "Embrace the storm"?
Lucassen: "Wir wussten anfangs natürlich nicht, was am Ende dabei herauskommen würde. Ich wusste nur, dass Marcela außergewöhnlich gut ist, aber wie gut sie wirklich singen kann, war mir zunächst nicht bewusst. Ich sagte zu ihr: 'Ich schreibe ein paar Sachen auf der Akustikgitarre und wir schauen mal, was dabei heraus kommt.' Die ersten sechs Stücke schickte ich zu ihr nach Mexiko. Marcela schrieb dann Melodien und Texte dazu. Anschließend überlegten wir uns: Soll es ein Akustik-Album werden? Soll es ein elektrisches Werk werden? Und: Soll es überhaupt heavy klingen?"
Bovio: "Ich fand Arjens Ideen von Beginn an toll. Es war deshalb verhältnismäßig leicht für mich, gute Gesangsmelodien zu kreieren. Und deshalb schrieben sich die Texte ja auch fast von alleine."
Die Musik eures Debuts ist latent melancholisch. Sind auch die Texte eher traurig?
Bovio: "In vielen Liedern geht es um sehr persönliche Gefühle wie Verlassen werden, Enttäuschung und unglückliche Liebe. Aber nicht alles in meinen Texten ist traurig. Es gibt immer auch einen Lichtschimmer von Hoffnung und Glück."
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Ayreon und Stream Of Passion? Immerhin ist der Hauptkomponist und Produzent bei beiden Formationen der gleiche.
Lucassen: "Da ich der Produzent von ,Embrace the storm' bin, ist der Sound natürlich dem von Ayreon durchaus ähnlich. Ich glaube, dass man auch hören kann, dass ich bei den Arrangements meine Finger im Spiel habe. Und natürlich habe ich auch eine ganz spezielle Vorliebe für bestimmte Harmoniefolgen, die bei Ayreon, Star One und jetzt auch Stream Of Passion für Fans wohl ohne Probleme herauszuhören sind."
Arjen, wirst du mit Stream Of Passion dich selbst überwinden und auf Tournee gehen?
Lucassen: "Ja natürlich. Das würde ich mit Ayreon ja auch gerne. Doch da wäre es organisatorisch viel zu aufwendig, mit allen Gästen eine Live-Formation zusammenzustellen. Gerade deshalb habe ich mir für Stream Of Passion gezielt junge, ungebundene und hungrige Musiker gesucht. Dies ist eine richtige Band, also werden wir auch live spielen."
Und ist deine Ehefrau von der neuen Affäre ihres Mannes überzeugt?
Lucassen: "Ja. Aber sie war anfangs skeptisch, weil die Musik von Stream Of Passion in eine völlig andere Richtung geht, als sie es von mir gewohnt ist. Doch seit die Scheibe fertig ist, läuft sie in Jolandas Auto rund um die Uhr."