Auch wenn "True carnage" hierzulande das bestverkaufte Six Feet
Under-Album überhaupt war, die Langrille wurde in Fan- und Kritikerkreisen
kontrovers diskutiert und das nicht ganz zu Unrecht. Beim neusten Keulenhieb
des Florida-Quartetts...
Auch wenn "True carnage" hierzulande das bestverkaufte Six Feet
Under-Album überhaupt war, die Langrille wurde in Fan- und Kritikerkreisen
kontrovers diskutiert und das nicht ganz zu Unrecht. Beim neusten Keulenhieb
des Florida-Quartetts namentlich "Bringer of blood" dürften allerorts
die Mundwinkel wieder nach oben gehen, denn Six Feet Under haben sich
wieder auf ihre Stärken besonnen und schenken selbst der Old-School-Fraktion
einige delikate Todesblei-Cocktails ein. Chris Barnes, Grunzkönig, Bongfetischist
und Träger ziemlich unästhetischer Ohrläppchen, philosophierte bei einem gemütlichen
Plausch über seine Musik, sein Leben und allerhand Nebensächlichkeiten wie eben,
ähem, Ohrläppchen.Als erstes galt es natürlich, "True carnage" zu reflektieren, denn
die Kritik an dem Album sorgte mit Sicherheit auch für Diskussionsbedarf innerhalb
der Band.
"Weißt du, im Nachhinein diskutiert man immer über zurückliegende Platten und
analysiert eventuelle Fehler. Die Fehler, die wir in bezug auf "True carnage"
gemacht haben, betrafen in erster Linie die Produktion und weniger das Songwriting."
Also ist das der Grund dafür, warum ihr für "Bringer of blood" wieder
das Morrisound-Studio aufgesucht habt?
"Wir sind wegen dem Drum-Sound wieder ins Morrisound gegangen, denn
auf "True carnage" entsprach er nicht unseren Vorstellungen. Der Rhythmussound
ist das, was diese Band auszeichnet; alle Songs basieren auf einem treibenden
Rhythmusgerüst. Natürlich war es auch von Vorteil, dass wir die Räumlichkeiten
und die akustischen Verhältnisse des Morrisound-Studios quasi wie unsere
eigene Wohnstube kennen."
Eine eher unschöne Randerscheinung, mit der sich momentan alle Schreiberlinge
und Business-Menschen rumschlagen müssen, ist das schwer in Mode gekommene Verunstalten
der Presse-Vorab-CDs mit grässlichen Piep-Tönen, damit die "heiligen" Alben
nicht vor Erscheinungsdatum kopiert oder ins Internet gestellt werden. Ist es
nicht ein Armutszeugnis, dass eine Szene, die normalerweise zusammenhalten sollte,
sich gegenseitig vollständig misstraut?
"Natürlich, das ist traurig, aber man muss auch die Plattenfirmen verstehen.
Jahrelang haben sie das Spiel mitgemacht und wurden bitterlich verarscht, weil
einige schwarze Schafe Profit aus der Sache machten. Hey, ich habe mit der Sache
nichts zu tun, das ist nicht meine Angelegenheit, aber ich verstehe die Plattenfirmen-Bosse.
Sie haben durch dieses illegale Vorabkopieren eine Menge Kohle verloren."
Angenommen, du wärst ein Plattenfirmen-Boss; würdest du deine Produkte auch
mit Piep-Tönen oder Kopierschutz versehen?
"Nein, ich würde die CDs zu einem vernünftigen Preis in die Läden stellen,
sagen wir unter 9 Dollar, dann erledigt sich das Problem von alleine. Ich hätte
auch kein Problem damit, Presse-Leuten CDs zukommen zu lassen oder sie auf Gästelisten
zu setzen, schließlich berichten sie über uns."
Abgesehen davon sind Six Feet Under-Alben stets qualitativ hochwertig
aufgemacht und erscheinen oft als limitierte Versionen mit Bonusmaterial oder
exquisiter Aufmachung. Da schlagen selbst Presse-Leute zu, denn wer lässt sich
als Fan schon eine limitierte DVD als Bonusbeigabe entgehen?
"Genau das ist der Punkt. Die Technik erlaubt uns so viele Möglichkeiten; warum
sollte man sie nicht nutzen? Ich verstehe die Preispolitik mancher Labels nicht.
Ein fett aufgemachtes Digipack mit 16-fach ausklappbarem Booklet und Bonus-DVD
kostet fast genau so viel wie eine CD im normalen Slipcase mit 2-Seiten-Booklet?
Eigentlich müsste die Billig-Version für unter 9 Dollar angeboten werden, erst
dann stimmen die Relationen wieder."
Kommen wir besser auf den Inhalt dieser Tonträger zu sprechen. Ist "Bringer
of blood" eine Rückkehr zu euren Wurzeln?
"Ich werde ständig gefragt, ob die neue Platte wieder mehr in Richtung unserer
Anfänge geht, aber diese Fragen sind überflüssig. Ich betrachte nicht das Ganze,
sondern interpretiere stets Song für Song."
Mit "Amerika the brutal" habt ihr einen lupenreinen Hardcore/Punk-Feger
eingetrümmert. Liebt ihr es, eure Fans zu überraschen?
"Wir lieben es, uns selbst zu überraschen. Im Leben stellt man sich stets neuen
Herausforderungen und Fragen und genauso ist es auch in der Musikbranche. Stillstand
bedeutet Stagnation und Stagnation bedeutet kreativer Tod."
Was glaubst du, wie lange werden deine Stimmbänder und deine Stimme die
unglaubliche Belastung noch aushalten?
"Dieser extreme Gesangsstil gehört zu meinem alltäglichen Leben wie das Zähneputzen;
das ist keine Belastung für mich. Solange es mir Spaß bereitet, werde ich weiter
singen."
Gehörst du zu den Menschen, die sich Gedanken über ihre Gesundheit machen
oder lebst du frisch, fromm, fröhlich, frei in den nächsten Tag hinein?
"Ich treibe jeden Tag ein wenig Sport und versuche, mich einigermaßen gesund
zu ernähren. Das hält mich aber nicht davon ab, hin und wieder eine Flasche
Wein und ein paar Bier zu trinken oder eine mächtige Tüte durchzuziehen, hahaha.
Wenn man einigermaßen die Balance hält, lebt man gesund und hat trotzdem Spaß
am Leben. Das ist meine Philosophie."
Als Ohrenfetischist mache ich mir allerdings ernsthafte Sorgen über den
Zustand deiner Ohrläppchen. Warum hast du dir seinerzeit die Ohrlöcher so furchtbar
gedehnt?
"Hey Mann, du bist total krank, hahaha. Die Sache mit meinen Ohrläppchen ist
eine sehr persönliche Sache, die auf alten Traditionen und Ritualen beruht.
Dieses Ritual zieht sich durch die Menschheit und reicht von den Azteken bis
hin zu verschiedenen afrikanischen Stämmen. Die Löcher markieren einen Krieger
und sollen ihn stets daran erinnern, für was er kämpft und um was es im Leben
geht."
Aber du stimmst mir zu, dass diese Riesenohrenlöcher für einen Ohrenfetischist
nicht sonderlich attraktiv erscheinen, oder?
"Das ist Geschmacksache, hahaha. Ich habe neulich ein total süßes Mädel getroffen
und das erste, was mich an ihr magisch anzog, waren ihre gedehnten Ohrenlöcher,
hahaha."
Was denkst du, wie sieht dein Leben in 20 oder 30 Jahren aus? Wirst du als
ewig junger Rock'n'Roller im Stile von Lemmy enden oder sitzt du irgendwann
auf deiner Veranda und schaust den Pflanzen in deinem Garten dabei zu wie sie
wachsen?
"Glaub mir, ich beobachte schon jetzt wie meine Pflanzen wachsen, hahaha. Nein,
ich denke, dass ich es noch gut 20 Jahre in diesem Business aushalten werde,
denn Musik ist einfach mein Leben."