Zwei volle Jahre war es still um Sepultura. Das Ende ihres langjährigen
Plattenvertrages mit "Roadrunner", eine Neuorientierung aufgrund anhaltender
Kritik an den vorangegangenen zwei Alben "Against" und "Nation",
dazu die immer schwieri...
Zwei volle Jahre war es still um Sepultura. Das Ende ihres langjährigen
Plattenvertrages mit "Roadrunner", eine Neuorientierung aufgrund anhaltender
Kritik an den vorangegangenen zwei Alben "Against" und "Nation",
dazu die immer schwieriger werdende Marktsituation in Europa und Nordamerika:
So mancher Fan bangte bereits um die Fortexistenz seiner Lieblinge. Doch schon
die Kunde der EP "Revolusongs" mit Coverversionen bekannter Pop- und
Rockgrößen (unter anderem U2, Massive Attack), die in Brasilien bereits
veröffentlicht ist, konnte als eindeutiges Lebenszeichen betrachtet werden.
Wie vital und tatendurstig die Band um den deutschstämmigen Gitarristen Andreas
Kisser tatsächlich ist, zeigt sich jetzt mit ihrem aktuellen Album "Roorback",
einer Kanonade heftigster Riffs und Rhythmen sowie dem wutschnaubenden Gesang
ihres amerikanisches Frontmannes Derrick Green, der das Blut in den Adern
gefrieren lässt. Die neuen Songs gehen stilistisch unmissverständlich zurück
in die rohe Anfangszeit der Band, als mit Alben wie "Beneath the remains"
oder "Chaos A.D." das Härtemaß für echten Metal Dank Sepultura eine ganze
Stufe höher gelegt werden musste. "Roorback" und "Revolusongs",
eine Kombination, die von SPV in limitierter Auflage als Spezial-Package veröffentlicht
wird. Gar nicht limitiert in Wort und Meinung zeigte sich dagegen Andreas
Kisser, der alles Wesentliche über Sepulturas jüngerer Vergangenheit
und geplanter Zukunft erläuterte Lange war es still um euch, dann überraschte uns die Kunde von eurer Covertracks-EP
"Revolusongs". Gab es einen besonderen Anlass für ein solch ungewöhnliches
Projekt?
"Wir haben vor zwei Jahren unsere frühere Plattenfirma Roadrunner verlassen
und uns dann intensiv darum gekümmert, ein passendes neues Label zu finden.
In dieser Phase haben wir zwar eine Menge weiterer Konzerte geben, aber die
Motivation, neue Songs zu schreiben, war nicht da. So entstand die Idee, Lieder
anderer Bands auf den typischen Sepultura-Stil zu trimmen."
Nach welchen Kriterien wurden Stücke oder Bands ausgewählt?
"Die Idee war, Lieder von Gruppen zu nehmen, die auf den ersten Blick keinerlei
Beziehung zu der Musik von Sepultura haben. So kamen wir auf Formationen
wie U2, Massive Attack oder auch Jane's Addiction. Wir
stellten fest, dass wir zwar musikalisch weit von diesen Bands entfernt sind,
deren Texte aber durchaus ähnliche Ansätze wie unsere haben. Dabei fiel mir
wieder ein, dass mich schon früher U2-Texte sehr inspiriert haben. Das
Spannende an 'Revolusongs' war auch die musikalische Herausforderung.
Man kann immer eine Menge lernen, wenn man sich die Stücke anderer Bands anhört.
Man lernt, wie sie arrangieren, welche Rhythmen sie wählen, welche Akkorde.
Das bringt einen als Musiker weiter."
Gab es Ideen von Songs, die wieder verworfen wurden?
"Oh ja. Es gab eine riesige Liste an Bands, die in die engere Auswahl kamen.
Auch Soundgarden, Kraftwerk, The Who, Funkadelic
oder Jimi Hendrix waren mit auf dieser Liste."
Zu U2's "Bullet the blue sky" gibt es einen wirklich tollen
Videoclip.
"Es ist unser erstes richtiges Video mit Derrick. Er selbst kam mit
dieser Idee zu uns und lieferte auch gleich das Skript dazu. Derrick
liebt Kinofilme und zufälligerweise arbeitet seine Freundin als Regisseurin
bei einer Film-Company. So kam eins zum anderen, letztendlich haben sich alle
super professionell verhalten. Das Video läuft häufig in brasilianischen Musiksendungen
und die Reaktionen darauf sind ausgesprochen positiv."
Mir scheint, dass euer neues Album "Roorback" vom Spaß an "Revolusongs"
profitiert. So selbstbewusst und dynamisch habt ihr lange nicht mehr geklungen.
"Mit 'Revolusongs' haben wir uns mental frei gespielt, anschließend
musste ein Werk wie 'Roorback' automatisch so direkt und kraftvoll werden.
Die Songs sind kürzer als früher, sehr roh arrangiert und ebenso harsch aufgenommen.
Es präsentiert mehr als die vorherigen drei Alben ausschließlich uns als Band.
Wir haben drei Alben hintereinander gemacht, auf denen viele Gäste zu finden
und deren Songs dadurch stilistisch weitaus vielschichtiger waren. Auf 'Roorback'
gibt es nur einen einzigen Gast, nämlich einen Percussionisten. Die Songs repräsentieren
eine Rückkehr zu den alten Sepultura-Zeiten, als wir noch einen sehr
direkten, rohen Metal machten. Diesmal haben wir uns ausschließlich auf die
nackten Songs konzentriert und nicht so sehr um irgendwelche Gimmicks drum herum."
Also die direkte Reaktion auf die drei vorherigen Scheiben?
"Ja natürlich. Jedes Album ist immer eine direkte Reaktion auf das vorherige
oder auf gleich mehrere vorherige. Es war eine tolle Erfahrung, auf 'Roots',
'Against' und 'Nation' mit anderen Musikern zusammengearbeitet
zu haben. Aber diesmal wollten wir die Scheibe simpler haben, direkter, brutaler,
mit weniger Jam-Parts. Es ist die direkte Antwort auf das Sepultura-Konzept
der drei vorherigen Scheiben."
Es geht das Gerücht, dass ihr eine exzellente Vorproduktion hingelegt habt,
die schon früh daraufhin deutete, dass "Roorback" eine besonders energetische
Scheibe werden wird.
"Wir machen immer eine Vorproduktion, bevor es an die eigentlichen Arbeiten
eines Albums geht. Auch diesmal wieder heuerten wir Steve Evetts an,
ein guter Bekannter der Band. Mit ihm wurden die Demos zu 'Roorback'
ausgearbeitet, verschiede Dinge ausprobiert und dann das Ganze analysiert. Ein
Demo ist für uns immer ein wichtiger Entwicklungsschritt hin zu dem jeweils
geplanten Album. 75-80% sind dann schon fertig, die restlichen 20-25% können
dann anhand der Vorproduktion erarbeitet werden. Man lässt das Material auf
sich wirken, überdenkt das Eine oder Andere noch einmal, macht kleinere Veränderungen
und geht dann an die Hauptarbeit. Das Demo-Stadium ist außerordentlich wichtig,
um all das zu überprüfen, was man bis dahin komponiert hat."
Haben die neuen Songs einen thematischen roten Faden?
"Nein, 'Roorback' ist kein Konzeptalbum wie etwa 'Nation'. Dennoch
beziehen wir in den Texten Stellung zu aktuellen Themen. Es ist ja wirklich
unfassbar, was zurzeit in Brasilien und der ganzen Welt vor sich geht. Irgendwelche
selbst ernannten Führer bringen die Menschen in unakzeptable Situationen. Niemand
will Krieg, denn der löst keine Probleme sondern verschlimmert sie nur noch.
Statt Frieden gibt es nach einem Krieg immer nur noch mehr Hass, mehr Gedanken
an Rache und Vergeltung. Das alles thematisieren wir auf 'Roorback',
wie es der Name des Album schon andeutet."
Ihr ruft zur Anarchie auf?
"Anarchie wäre vielleicht nicht der richtige Ausdruck, aber natürlich ist Widerstand
wichtig. Ich sehe uns als Musiker in der unbedingten Verpflichtung, für Frieden
einzustehen. Wir sollten uns unserer Verantwortung als Menschen, die im Rampenlicht
stehen, bewusst sein."
Das bedeutet, dass ihr bedingungslos eure politische Meinung vertretet?
"Du fragst, ob wir eine politische Band sind? Irgendwie ist doch alles politisch.
Du zahlst Steuern, du brauchst Personalausweise, Reisepässe, alles ist politisch.
Wir sagen in unseren Liedern, was wir denken. Wir beziehen Stellung! Aber wir
haben noch nie für eine bestimmte politische Partei gespielt und ich glaube,
wir würden das auch nie machen. Ich bin sowieso der Meinung, dass sämtliche
Macht bei den Menschen auf der Straße liegen sollte. Respekt unter Menschen
ist sehr wichtig, aber leider leben wir zurzeit im totalen Chaos. Überall gibt
es Kriege, dazu die Umweltzerstörung. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir
uns direkt auf die Apokalypse zubewegen. Aber man muss positiv denken, die Menschen
immer wieder dazu auffordern, keine Waffen zu tragen, sondern zu versuchen,
alle Konflikte friedlich zu lösen. Martin Luther King ist da für mich
ein großes Vorbild, oder auch Mutter Theresa. Es gibt aber leider auch
die Gegenseite, Diejenigen, die nichts verstanden haben und die Welt mit ihren
kranken Ideen in Gefahr bringen. Ich meine damit Leute wie Saddam Hussein,
George W. Bush und wie sie alle heißen."
Glaubst du, dass der Krieg im Irak die Welt verändern wird?
"Natürlich wird der Irak-Krieg Auswirkungen auf alle Menschen haben. Es wird
unzählige Flüchtlinge geben, der Ölpreis geht nach oben und die Weltwirtschaft
gerät ins Trudeln. Das merkt man in armen Ländern wie Brasilien ebenso stark
wie in reichen Ländern in Europa."
Apropos Europa: Eure Präsenz hierzulande war ja zuletzt nicht eben die stärkste.
Ich hoffe, ihr seid mit "Roorback" angetreten, dies wieder zu ändern!
"In Europa haben wir zwar zurzeit eine nicht ganz so starke Position, in Brasilien
dagegen sind wir noch immer mitten im Geschehen. Wir sind in den Medien sehr
stark vertreten, können in großen Hallen spielen und werden auch im Fernsehen
gezeigt. Wir freuen uns darauf, jetzt wieder in Europa durchzustarten. Es wurde
ja auch dringend Zeit! Roadrunner hat für 'Nation' nicht mehr allzu viel
für uns getan, dadurch waren wir bei Euch in Deutschland bei weitem nicht mehr
so präsent wie in all den Jahren zuvor. Das wird sich jetzt mit SPV wieder ändern,
darauf gebe ich mein Wort."
Eigentlich gehört dazu ja auch ein Videoclip, der euch ebenso im Fernsehen
wieder präsent sein lässt.
"Stimmt. Es wird auch zu 'Roorback' einen Videoclip geben. Wir haben
allerdings noch nicht entschieden, zu welchem Stück. Aber ich tippe, dass es
entweder zu 'Godless' oder zu 'Come back alive' sein wird. Beide
Songs wären sehr gute Kandidaten dafür."
Inwieweit wird auf Tournee Material vom neuen Album berücksichtigt.
"So ganz 100% steht das noch nicht fest, aber wir haben in den vergangenen
Wochen einige Shows in Brasilien gespielt und dabei auch schon brandneues Material
angetestet. Vom neuen Album wurden bereits Stücke wie 'Mindwar' oder
auch 'Corruption' präsentiert. Die Fans haben ausgesprochen positiv darauf
reagiert. Und auch auf der Tour in Europa gibt es einen bunten Querschnitt aus
allen Alben."
Also auch aus denen mit eurem früheren Sänger und heutigen Soulfly-Frontmann
Max Cavalera?
"Ja natürlich, es wird Stücke aller Alben geben, inklusive der von 'Revolusongs'
und 'Roorback'. Ich könnte mir vorstellen, dass wir sogar unsere Versionen
von U2, Massive Attack und Jane's Addiction spielen."