Schandmaul
Goes Classic
von: Sonja Angerer
vom: Juni 2005
Am 27. April 2005 fand im ehrwürdigen Circus Krone-Bau ein denkwürdiges Konzert statt - dort wo schon die Beatles ihre Fans zum Kreischen und die Rolling Stones ihre Anhänger zu mi...
Schandmaul
Goes Classic
von: Sonja Angerer
vom: Juni 2005
Am 27. April 2005 fand im ehrwürdigen Circus Krone-Bau ein denkwürdiges Konzert statt - dort wo schon die Beatles ihre Fans zum Kreischen und die Rolling Stones ihre Anhänger zu mittelschweren Aufständen animierten: Schandmaul in der Akustik-Version, unterstützt vom Puchheimer Jugendorchester unter der Leitung von Peter Michielsen. Nun gut, ganz so berühmt-berüchtigt wie die Auftritte der Beatles und Stones war's wohl nicht, trotzdem war das Konzert vor rund 2.500 Fans und Medienvertretern ein Wendepunkt in der Kariere der Mittelalter-Rocker aus dem Münchner Raum:
"Sogar die großen Tageszeitungen und Musikmagazine, die uns bisher immer ignoriert haben, berichteten ausführlich",
freut sich Frontmann Thomas Lindner beim EMP-Interview im Münchner Cafe Mozart, einige Wochen später und wenige Kilometer Luftlinie von der geschichtsträchtigen Auftrittsstätte entfernt.
"Muss wohl an der Halle liegen, die ist eben sehr berühmt."
Da allerdings stellt er das Licht des munteren Sechsers doch erheblich unter den Scheffel, schließlich war das Konzert nicht etwa ein kurzfristiger Spontaneinfall, sondern ein von langer Hand geplanter Coup, der es der Band erlaubte, nicht nur die Fans mit nie gehörten Versionen ihrer eingängigen mittelalter-inspirierten Stücke zu erfreuen, sondern auch das Material zur neuen CD/DVD "Kunststück" aufzuzeichnen. Doch der Reihe nach:
"Die grundsätzliche Frage kam im letzten Sommer auf. Das hatten wir schon ziemlich lange gespielt, und wir wollten wissen: Was machen wir als nächstes? Wir entscheiden uns, nicht sofort wieder mit den Arbeiten für ein neues Studioalbum zu beginnen, sondern mal etwas ganz Besonderes zu machen. Bei Gesprächen mit Fans stellte sich heraus, dass die sich schon lange mal ein Unplugged-Set wünschten. An einem day-off auf der letzten Tour probierten wir das mal im kleinen Rahmen anlässlich eines Fan-Treffens aus. Das kam super an, war uns aber letztlich zu wenig - wir wollten mehr bieten. Also entschieden wir uns, Streicher hinzuzufügen",
so der Sänger.
"Und ahnten gar nicht, was wir uns damit antun",
grinst Schlagzeuger Stefan Brunner.
"Denn alle Songs mussten umarrangiert und in komplett neue Gewänder gehüllt werden. Alles in allem haben sich die Arbeiten gut neun Monate lang hingezogen."
Die Arrangements, immerhin keine ganz triviale Aufgabe, erarbeitete die Band übrigens selbst.
"Dann sind wir mit dem Jugend-Kammerorchester in Verbindung getreten, Anna (Kränzlein, Violine, Anm. d. Red.) hat da früher gespielt",
erklärt er. Bei den Puchheimer handelt es sich übrigens um einen ziemlich renommierten Klangkörper - sie wurden 2004 mit dem deutschen Jugendorchesterpreis ausgezeichnet. Die Proben begannen im Januar 2005 ("600 Seiten Partitur", wundert sich Stefan, der nach eigenen Angaben keine Noten lesen oder schreiben kann, immer noch). Doch anstatt über Wochen an den Stücken zu feilen, gingen Schandmaul erst einmal mit einem Quartett auf eine Kurztour, um die neue arrangierten Stücke in Live-Situationen durchzutesten und zu optimieren.
"Die Termine haben uns nicht nur mehr Sicherheit gegeben, sondern uns auch die Angst genommen, dass das Klassik-Projekt bei den Fans Befremden auslösen, man uns Kommerzialisierung vorwerfen könnte. Doch das Gegenteil war der Fall."
Als es schließlich an die Aufnahmen im Circus Krone ging, wurde erst einmal zwei Tage lang aufgebaut und sieben Kameras installiert,
"aber der Aufwand hat sich gelohnt",
freut sich Thomas. "Kunststück" wird in drei Versionen auf den Markt kommen: Als Limited Edition mit CD & DVD, sowie CD und DVD jeweils einzeln. Neben dem gesamten 90 Minuten langen Konzert wurde für die DVD zudem umfangreiches Bonusmaterial, etwa von der Quartett-Tour, verarbeitet. Alle Tonträger sind mit dem dezenten Logo des Deutschen Zentrums für Musiktherapie geschmückt. Was es damit auf sich hat?
"Wir hatten in den letzen Jahren viele Anfragen für Benefizkonzerte", erklärt Thomas. Deshalb entschlossen wir uns, eine Organisation zu finden, die wir kontinuierlich unterstützen und mit der wir uns identifizieren, statt wahllos für eine ganze Reihe von wohltätigen Zwecken aufzutreten." Uns ist wichtig, etwas mit aufzubauen, so dass man eines Tages auch Resultate sehen kann",
ergänzt Stefan. Auf die Heidelberger Einrichtung wurde die Band durch einen Fernsehbericht aufmerksam.
"Dort forschen sie an Methoden, wie man chronischen Schmerzpatienten, unheilbar Kranken, aber auch an Schlaganfall, Migräne und Tinitus Leidenden mit Hilfe der Musik Linderung bringen kann. Die Heilungsquote ist unheimlich hoch, dabei treten Nebenwirkungen nicht auf, weil keine Medikamente verabreicht werden",
ist er überzeugt. Das Engagement der Band wurde in Heidelberg erfreut angenommen, gegenseitige Besuche in der Therapieeinrichtungen und bei Konzerten festigten die Band.
"Wir machen Zentrum jetzt erst einmal ein bisschen publik, auf unserer neuen DVD wird auch ein Abschnitt darüber zu sehen sein",
erklärt Thomas.
"Später soll auf unserer Homepage auch ein Forum für Chats mit den Professoren eingerichtet werden."
Ebenfalls in Planung sind Konzerte um Geld speziell für unterprivilegierte Patienten einzuwerben, denn nicht alle Leistungen des Zentrums werden von den Krankenkassen bezahlt. 2006 soll daher in Heidelberg ein Benefiz-Festival mit mehreren Bands stattfinden, doch "genaueres steht noch nicht fest." Ziemlich fest gezurrt aber ist der Zeitplan von Schandmaul für den Rest von 2005. Obwohl es sich um das "verflixte siebte Jahr" in der Bandgeschichte handelt,
"jetzt müssten wir uns eigentlich auflösen",
so Stefan grinsend zu Thomas. Danach sieht es glücklicherweise nicht aus, nach einer umfangreichen Tour im Sommer soll gegen Ende des Jahres schon wieder der Weg ins Studio beschritten werden, wo ein neues Album an den Start gebracht wird. Das alles, wohlgemerkt, ohne große Unterstützung durch Musikfernsehen und Radio:
"Wenn die Dudelsack und deutsche Texte hören, ist es bei denen meist schon aus",
beklagt sich Thomas. Aber das kann sich ja noch ändern ...