Savatage
Götterdämmerung
05.02.01
Matthias Mineur
Weit über drei Jahre haben Savatage ihre Fans wieder einmal warten lassen. Wer noch 1997 bei der Veröffentlichung des fabelhaften "The wake of Magellan" gehofft hatte, dass in nicht allzu weiter...
Savatage
Götterdämmerung
05.02.01
Matthias Mineur
Weit über drei Jahre haben Savatage ihre Fans wieder einmal warten lassen. Wer noch 1997 bei der Veröffentlichung des fabelhaften "The wake of Magellan" gehofft hatte, dass in nicht allzu weiter Ferne der nächste Geniestreich der Musiker aus Tampa, Florida das Licht der Welt erblicken würde, sah sich getäuscht. Mit gewohnter Akribie, aber auch mit immer neuen Erfolgsmeldungen ihres Sideprojektes Trans-Siberian Orchestra, kurz TSO, konfrontiert, zog Monat um Monat ins Land, bevor die Herren Jon Oliva, John Lee Middleton, Chris Caffery und Jeff Plate nun endlich die Töne ihres aktuellen Meisterwerkes "Poets and madmen" preisgeben. Bei der Aufzählung der Musiker dürfte so mancher Fan stutzen. Wo - so stellt sich die Frage - bleibt die Erwähnung von Gitarrist Al Pitrelli und
Sänger Zachary Stevens? Insider wissen jedoch bereits seit langem, dass Al Pitrelli bereits im vergangenen Jahr Savatage in Richtung Megadeth verlassen hat, bei denen er den ausgestiegenen Marty Friedman ersetzt. Rein kommerziell und auch hinsichtlich der Einkommensmöglichkeiten ist Pitrelli sicherlich die Leiter einige Stufen nach oben gefallen. Ob er dort allerdings menschlich wie musikalisch glücklich wird? Nicht wenige Gerüchte besagen, dass der begnadete Sologitarrist diesen lukrativen Schritt (man munkelt von 2000 Dollar Wochenlohn) schon bedauert hat, und bereits mit einer Rückkehr zu Savatage liebäugelt.
"Wir haben uns nicht in Unfrieden getrennt",
gibt auch Chefdenker Jon Oliva der möglichen Wiederaufnahme der Zusammenarbeit eine reelle Chance.
"Wer weiß, ob wir ihn nicht schon sehr schnell wieder in der Band sehen."
Ein Nachfolger für Pitrelli wurde bei Savatage indes noch nicht bestätigt. Natürlich kursieren diverse Gerüchte, verdichten sich Meldungen, dass eventuell Alex Skolnick eine zweite Chance bekommt. Die hatte er ja bereits 1994 zu Zeiten von "Handful of rain" einmal gehabt, konnte sie aufgrund übertriebener Gagenforderungen und nervender Rockstar-Allüren allerdings nicht nutzen. Doch Oliva ist nicht nachtragend.
"Wir haben uns vor einigen Wochen nett unterhalten. Ich denke, er hat sich sehr zu seinem Vorteil verändert, sitzt nicht mehr auf einem so hohen Ross, wohl auch, da sich seine Karriere nicht dermaßen entwickelt hat, wie er es damals offenbar vermutet hatte. Alex ist aber auch reifer geworden, die Zeit, als Johnny Lee und ich ihn hätten erwürgen können, ist lange vorbei. Der Fehler war damals allerdings nicht nur bei ihm zu suchen. John Goldwater, unser Manager zu jener Zeit, hatte ihm Versprechungen gemacht, die er einfach nicht einhalten konnte. Goldwater hat ja auch uns um eine Menge Kohle gebracht. Wie gesagt, die Dissonanzen mit Alex sind ausgeräumt, letztlich muss nun Chris Caffery entscheiden, wen er neben sich auf der Bühne haben will."
Die Frage, ob Skolnick oder irgendein anderer Hexenmeister sich zukünftig als neues Savatage-Mitglied titulieren darf, wird spätestens Ende Januar beantwortet werden, denn ab dann laufen die Vorbereitungen für die bevorstehende Welttournee. Bis dahin wird auch geklärt sein müssen, wer den Part von Sänger Zachary Stevens übernimmt. Stevens hatte schon vor etwa einem Jahr durchblicken lassen, dass er sich mit dem Gedanken trägt, Savatage adé zu sagen.
"Natürlich ist es ein großer Verlust für uns, dass Zakk nicht mehr dabei ist. Andererseits kann ich seine Entscheidung verstehen, denn wir haben in diesem Jahr wirklich ein sehr kraft- und zeitraubendes Tournee-Programm vor uns. Zumal ich denke, dass es dringend Zeit für Savatage wird, endlich einmal wirklich umfangreich zu touren. Das hat in all den Jahren, in denen die Band nun schon existiert, immer gefehlt. Aber Zakk hat nun einmal Familie, und will seine Frau und seine kleine Tochter nicht so lange alleine lassen. Bis zum Herbst vergangenen Jahres schien er sich nicht komplett gegen uns entschieden zu haben. Am 20. September erwarteten wir ihn im Studio, damit er seine Parts einsingt. Doch einen Tag zuvor rief er plötzlich an: "Sorry, seid mir nicht böse, aber ich werde nicht kommen. Ich steige aus". Sofort riefen mich die Jungs an, und erklärten mir vorsichtig, dass ich postwendend zurück ins Studio kommen müsse, um auch das restliche Material einzusingen."
Die damit verbundenen Probleme liegen auf der Hand: Obwohl beide Herren, sowohl Oliva als auch Stevens, über eine kräftige eher rauhe Stimme verfügen, ließen sich jene Gesangsparts, die ursprünglich auf Stevens zugeschnitten waren, bei einem Frontmann Oliva so nicht mehr realisieren. Also wurden die betroffenen Stücke kurzerhand umgearbeitet, und auf Olivas außergewöhnliches Timbre zugeschnitten.
"Es ist ja zum Glück keine neue Situation für Savatage, dass wir zu viert arbeiten. Das hat es in der Bandgeschichte schon öfter gegeben."
Entgegen anders lautender Gerüchte haben Savatage noch keinen geeigneten Nachfolger für Stevens gefunden. Ein möglicher Kandidat ist zwar John West, der aktuelle Royal Hunt Sänger, doch entschieden ist momentan noch gar nichts.
"Natürlich ist bei unseren Überlegungen auch der Name John West gefallen. Immerhin ist er mit Savatage befreundet, und hat schon einmal bewiesen, dass er menschlich gut zu uns passen würde. Man muss allerdings auch immer erst probieren, ob die Klangfarbe eines neuen Sängers überhaupt zu den Songs passt. Wir werden im Januar mit drei bis vier bekannteren Sängern gezielt Auditions durchführen, die alle noch in bestehenden Bands singen. Die Namen werde ich aber zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht bekanntgeben, damit es nicht schon im Vorfeld böses Blut gibt. Immerhin könnte es ja passieren, dass wir einer funktionierenden Band den Frontmann ausspannen. Mit solchen Dingen muss man schon sehr sensibel umgehen. Einer der Kandidaten ist allerdings ein absoluter Nobody, den niemand von uns vorher kannte. Paul O'Neill bekam ein wahnsinnig interessantes Demo von ihm zugeschickt. Wir waren mächtig beeindruckt. Die Frage ist natürlich, wie der Typ klingt, wenn er mit uns im Proberaum die Savatage-Nummern singen soll. Und bei einer solchen Aufgabenstellung bin ich
mit meiner Prognose eher vorsichtig."
Denkbar wäre für Boss Jon Oliva offenbar auch noch eine andere Variante: Falls Savatage im Januar nicht endgültig fündig werden, würde zunächst - so wie früher - er selbst sämtliche Gesangsparts übernehmen, mit der Option, dass Stevens eventuell zumindest einen Teil der Tour mitfahren könnte. Vermutlich nicht unbedingt die Ideallösung, aber zumindest ein Konstrukt, das bei vielen Fans auf Zustimmung treffen wird.
"Für mich gibt es da überhaupt keine Zweifel: Wenn Zakk sich die Sache noch einmal überlegt, er sich also vielleicht noch einmal umentscheiden will, stehen ihm bei Savatage alle Türen offen. Ich bin und war Zakk niemals böse. Ich weiß, wie sehr sein Herz an Savatage hängt, und wie schwer ihm eine solche Entscheidung gefallen ist. Wir kennen ihn seit über zehn Jahren, in dieser Zeit hat sich eine enge Freundschaft zwischen ihm und Savatage aufgebaut. Und die wischt man nicht so einfach mir nichts dir nichts weg."
Auch Paul O'Neill, quasi deep throat of Savatage, die geheime Kraft im Hintergrund also, sieht Stevens Entscheidung sogar unter einem durchaus positiven Aspekt.
"Ein- und Ausstiege hat es in den vergangenen Jahren schon des öfteren gegeben. Man denke nur einmal an das ganze Hickhack mit Chris Caffery. Manchmal sind solche Pausen sehr heilsam, man tankt Kraft, bekommt neue Ideen, macht eine Art Frischzellenkur durch. Dann kehren diese fabelhaften Musiker zur Gruppe zurück, und können ihr nun die gesamte Kraft widmen."
Wie auch immer die Zukunft der Band aussehen wird, die Aktualität heißt "Poets and madmen", ein fabelhaftes Metal-Opus, ein Parforceritt durch die Welt des symphonischen Powermetals, und nach "Dead winter dead" und "The wake of Magellan" bereits das dritte Konzeptalbum in Folge. Das Thema des Albums beruht auf einer wahren Begebenheit, auf der tatsächlichen Geschichte eines amerikanischen Fotografen, dessen Arbeit in Krisengebieten zu derart schweren Traumata führte, dass er später Selbstmord beging. Die Story von "Poets and madmen" liest sich konkret wie folgt: Drei Jugendliche brechen unwissentlich in eine mittlerweile geschlossene Psychiatrie ein. Sie entdecken einen Schrank mit Akten ehemaliger Patienten. Einer dieser Patienten war einst ein erfolgreicher Pressefotograf, der u.a. bei Bürgerkriegen in Zentralafrika im Einsatz war, und aufgrund der Brutalität dieser Kriege, speziell aufgrund des Schicksals
eines kleinen Mädchens, das nach einem kräftezehrenden Fussmarsch in ein 100 Kilometer entferntes Dorf elendig verhungerte, seinen Verstand verloren hat. Er verfiel Alkohol und Drogen, und landete schließlich in der Psychiatrie. Nachdem die Anstalt geschlossen wurde, kehrte der Photograph zur Ruine zurück, um dort Zuflucht und Ruhe zu finden. Einer der Jugendlichen, die ihn in der Psychiatrie entdeckt haben, hält fortan Kontakt zu ihm und seinem Schicksal, kehrt immer wieder in das alte Gebäude zurück, um dem Photographen Bier und Zigaretten zu bringen. Eine bewegende Thematik, die ebenso spannend erzählt, wie musikalisch umgesetzt wird. Savatage rücken auf "Poets and madmen" ein wenig von der stärker orchestralen Ausrichtung á la "The wake of Magellan" bzw. "Dead winter dead" ab, und zeigen sich kraftvoll und metallisch wie seit vielen Jahren nicht mehr.
"Ich denke, es ist ein wirklich spannender Querschnitt aus all dem, was wir in den vergangenen fünfzehn Jahren gemacht haben",
umschreibt Oliva die neuen Songs, die noch bis in den frühen Januar hinein einen letzten Feinschliff bekamen.
"Sicherlich geht es nicht ganz bis zu dem Stil von "Hall of the mountain king" zurück, aber mit dem Geist der ersten Alben, die wir ab 1985 veröffentlicht haben, hat "Poets and madmen" durchaus eine Menge gemeinsam."
Er meint damit Stücke wie "I seek power", das eine ungewohnt düstere und unheilvolle Stimmung transportiert, und seinen Höhepunkt in einem fesselnden Gitarrensolo besitzt. Auch "Man in the mirror", mit seiner epischen Grundausrichtung, tendiert durchaus in Richtung der Klangwelt von Black Sabbath, während der längste Song des neuen Albums, ein Epos
namens "Cantations" geradezu progressive Elemente in sich trägt, und mit einem stampfenden Rhythmus besonders den Headbangern gefallen wird. Die erste Single wird voraussichtlich das Stück "Do you see, Comissar" sein, das mit einem eindringlichen Klavierpart beginnt, und anschließend symphonische Klänge offenbart. Speziell das intelligente und an Facetten reiche Arrangements macht "Do you see, Comissar" zu einem typischen Savatage-Song allererster Güte, ein Stück, das die Fans möglicherweise an Großtaten wie "Streets" und "It doesn't matter anyway" erinnern wird. Die von Oliva erwähnten Querverweise an ganz frühe Savatage-Alben findet man auf "Poets and madmen" zwar nur mit der Lupe, wahr ist allerdings, dass die Band ihre metallische Ader wieder freigelegt hat, und alle Songs ebenso höchsten Ansprüchen genügen werden, wie das zur Zeit sensationell verkaufende zweite TSO-Opus "The christmas attic". Denn während die Savatage-Anhänger seit 1997 händeringend auf die nächste Studioscheibe warteten, etablierten Paul O'Neil und Jon Oliva mit dem Trans-Siberian Orchestra ein - zumindest kommerziell - noch weitaus größeres Projekt. Den Instrumentalsong "Christmas eve Sarajewo 12/24" von "Dead winter dead" nutzten die beiden Musiker als Mittelpunkt einer Rock-Klassik Scheibe namens "Christmas eve and other stories", und starteten damit in Amerika einen unerwarteten Siegeszug. Das Orchestra kombiniert Rock mit symphonischen Instrumenten, und spricht auch Dank der pompösen Bühnenumsetzung ein riesiges Publikum an. Dass Savatage damit jedoch mitnichten ins zweite Glied zurückgestuft wurden, zeigt sich auch daran, mit welchem Engagement die Band an ihrem neuesten Opus "Poets and madmen" gearbeitet hat. Fans, ihr könnt euch darauf freuen.