EMP Redaktion
von Sonja Angerer(16.03.2006)Der Opener "Gott ist ein Popstar", gleichzeitig auch die erste Single-Auskopplung, verlockt den Hörer erst mal auf einen falschen Pfad. Im neuen Oomph!-Album geht es weit weniger um Ironie und Zeitkritik, als vielmehr recht ernsthaft um all die Dinge, die der Albumtitel vorgibt: Glaube ("Land in Sicht", "Ich will deine Seele"), Liebe ("Träumst du") und ziemlich viel Tod ("Tanz in den Tod", "Spiel mir das Lied vom Tod"). Dass sich die Morricone-Interpretation schon allein wegen des Zitats aus dem klassischen Western-Soundtrack zum Hit entwickeln wird, darf getrost angenommen werden. Während "Gott ist ein Popstar" deutliche Referenzen auf die EBM-Vergangenheit des Trios enthält, bewegen sich die restlichen zehn Tracks zwischen den Polen Industrial, Metal und Gothic - letzteres führt dann zu so schönen wie außergewöhnlichen Stücken wie "Eine Frau spricht im Schlaf", einer Ballade mit Mittelalter-Referenzen. Heißer Klassiker-Anwärter dürfte auch der Gollum-Song namens "Mein Schatz" sein, ein wahrhaft machtvolles Brett. Ein Chart-verdächtiges Album!
Interview

Die Art und Weise wie man unabhängige Kunst auf den Punkt bringt
von Peter Kupfer (10.05.2012)Oomph! hatten schon immer ein Händchen dafür, ihre Fans zu überraschen und auch Sänger Dero zieht direkt das Forrest Gump-Zitat mit der Pralinenschachtel im Hinblick auf das neue Album "Des Wahnsinns fette Beute" aus dem Ärmel. Doch alles der Reihe n...
WeiterlesenOomph! hatten schon immer ein Händchen dafür, ihre Fans zu überraschen und auch Sänger Dero zieht direkt das Forrest Gump-Zitat mit der Pralinenschachtel im Hinblick auf das neue Album "Des Wahnsinns fette Beute" aus dem Ärmel. Doch alles der Reihe nach: "Nach ,Monster' benötigte man Zeit, sich weiter zu entwickeln um ein ,deutliches neues Zeichen zu setzen'", wie Dero sagt. "Wer sich keine Zeit nimmt sich zu entwickeln, der wiederholt sich auch künstlerisch und musikalisch. Dieses Schicksal wollen wir selbst nicht erfahren." Die Zeit nahm man sich und so hat man wieder das geschafft, was man anderen Bands nur wünschen kann: Man hat sich nicht zu einer Fließbandband entwickelt, die nur die Fans bedienen will. Die Songs entstanden nach einer Pause der Mitglieder, in der ein jeder, in seinem stillem Kämmerchen, Ideen gesammelt hat. "Das Album ist vielleicht gerade deshalb so vielseitig geworden, wie es nun ist." Somit spielt man nicht mit den Karten, die Dero indirekt bei anderen Bands kritisiert, da gewisse Schemen immer wieder auftreten. "Kunst bewegt sich unabhängig von den Gedanken, die viele Fans oder Kritiker haben könnten, sondern spiegelt vielmehr den Status Quo des Künstlers wieder. Auch wenn man Gefahr geht viele Fans zu verlieren oder zu verprellen. Aber dies ist für mich künstlerisch am wertvollsten." Auffallend sind positivere Elemente, die Dero durch "Lebenserfahrung" und "genügend Zeit" begründet, um gerade diese augenzwinkernden Texte zu schreiben. Darüber hinaus wollte man wieder "etwas Unerwartetes" machen, wie es so oft der Fall war. Der rote Faden, den Kritiker vielleicht vermissen, wandelt die Band in ihren Erfolg um. Auch Faith No More hatten laut Dero immer etwas Unerwartetes und dies ist vielleicht auch der Grund, weshalb man Oomph! mit genannter verglichen hat. Das musikalische Rad wird immer wieder neu gedreht, was aber offensichtlich ist, wenn man sich die ersten beiden Alben der Band zu Gemüte führt. "Wir haben uns nie in irgendeine Schublade stecken lassen und wir haben uns auch nie von irgendeiner Szene vereinnahmen lassen und ich glaube auch, dass dies gerade über all die Jahre künstlerisch zufrieden gestellt hat. Das hat uns eventuell auch nie zu Überlegungen im Hinblick auf eine Auflösung geführt. Man muss es einfach immer wieder frisch und spannend halten", so der Frontmann zu ihrer Art und Weise, wie man der Langeweile entflieht. Dennoch hat man sich zu einem Garant für Qualität in fast 25 Jahren entwickelt, was durch die Erfolge unterstrichen wird. Aber wo liegt nun der genaue Unterschied zum vorherigen Album. "Der größte Unterschied ist ein fast durchgängiger ironischer, fast schon karikativer roter Faden. Natürlich haben wir versucht so vielseitig zu sein, das wir sagen: ,das Leben ist nicht nur lustig und auch nicht nur traurig' und unsere Reflektion war noch nie so vielseitig". Gerade diese Reflektion macht "Des Wahnsinns fette Beute" mit den 16 Songs zu einem musikalischen Potpourri ohne den bandtypischen Wahnsinn auch nur in einer Sekunde aus dem Auge zu verlieren.
Die Monster-AG
von Yvonne Zymolka (19.06.2008)Streitbar sind die Abräumer Oomph nicht nur wenn es um knackige Textparolen geht, auch untereinander geht's zu wie in einer alten Ehe, weiß Crap: "Wir haben einfach immer drei unterschiedliche Meinungen zu allem und im Studio ist das extrem zeit- und...
WeiterlesenStreitbar sind die Abräumer Oomph nicht nur wenn es um knackige Textparolen geht, auch untereinander geht's zu wie in einer alten Ehe, weiß Crap: "Wir haben einfach immer drei unterschiedliche Meinungen zu allem und im Studio ist das extrem zeit- und energieraubend. Früher sind wir uns dann fast an die Gurgel gegangen. Jetzt holten wir deshalb Koproduzent Chris Wolf hinzu, der spielte den Schiedsrichter." Neun Monate und unzählige Diskussionen später ist Abpfiff. Das zehnte Werk erblickt das Licht der Welt, feinfühlig auf den Namen "Monster" getauft.
Die Ex-Wolfsburger, denn mittlerweile wohnt man in der Lüneburger Heide "zwischen Farin Urlaub und Heidschnucken", wie Dero erläutert, nehmen bekanntlich kein Blatt vor den Mund, auch wenn das Thema Glauben dieses Mal tabu war. "Lass mich 'raus" schockt dafür gesungen aus der Geburtskanal-Perspektive: "Ich beziehe das auf die Kopfgeburt, Abnabelung und Entfernen von sich selbst, um die eigenen Fehler zu erkennen. Es ist sehr einfach andere zu kritisieren und zu sagen: Du bist das Monster. Aber dies ist nur eine mögliche Interpretation", lässt Dero offen.
Privat pflegt man oft und gerne das politische Gespräch, plauscht über gesellschaftliche Schlagzeilen und legt anschließend musikalisch den Finger in die Wunde. So will "Revolution" eine lethargische Nation zum Protest anfeuern, "es lohnt sich für alles auf die Straße zu gehen und Basisdemokratie zu betreiben", bekräftigt der Frontmann und Flux ergänzt: "In Frankreich oder Griechenland wehren sich die Leute viel schneller in offenen Protesten." Ob Kinderarmut, Aids-Aufklärung, die intime Auseinandersetzung mit sich selbst oder privater Konkurs junger Familien, nichts ist vor den drei Weltverbesserern sicher, "Die Regierung kann sich ja um nichts kümmern, bevor nicht der Haushalt konsolidiert ist", murrt Dero. Oomph dürfen das, denn sie sind nicht nur unterhaltsame Maulhelden, sondern ziehen für den richtigen Zweck auch gerne mal vorne mit am Benefiz-Karren gegen Rechts und für die Katastrophenhilfe. Ob Oomph eine coole Band ist, vermögen sie nicht zu beantworten. Überraschendes Lob gibt's dafür von Dero an die Genre-Kollegen Rammstein, "seit sie sich selbst ein bisschen auf die Schippe nehmen, haben sie sehr an Wertschätzung bei mir gewonnen. Jede Band sollte über sich selbst lachen können." Flux: "Das müssen wir dann wohl noch schnell lernen." Und jetzt grölen alle lauthals zusammen, in schönster Dreieinigkeit.
Wir sind nach wie vor unabhängig!
von Sonja Angerer (10.04.2006)Mit "Glaube, Liebe, Tod" legen Oomph! einen Nachfolger für das erfolgreiche Album "Wahrheit oder Pflicht" (2004) vor. Sänger Dero ist trotzdem ganz entspannt.
"Erfolg ist relativ - Lars Ulrich von Metallica soll mal gefragt worden sein, ob er ,Load'...
WeiterlesenMit "Glaube, Liebe, Tod" legen Oomph! einen Nachfolger für das erfolgreiche Album "Wahrheit oder Pflicht" (2004) vor. Sänger Dero ist trotzdem ganz entspannt.
"Erfolg ist relativ - Lars Ulrich von Metallica soll mal gefragt worden sein, ob er ,Load' (1996) als Flop betrachtet, weil sich die CD im Gegensatz zum ,Schwarzen Album' (1991) nur etwa acht Millionen mal verkauft hat", kommentiert der Sänger die Frage nach den kommerziellen Erwartungen an das neue Album. Immerhin steuert "Wahrheit oder Pflicht" zum Zeitpunkt des Gesprächs gerade auf den Platin-Status zu. "Im Laufe unserer mittlerweile 16-jähigen Karriere ging es eigentlich immer aufwärts - langsam, aber stetig. Unsere Label hat uns auch klar gemacht, dass sie nicht unbedingt eine weitere Platin-Single von uns erwarten. Wir gingen also zügig nach der Tour, aber ganz entspannt daran, für das neue Album Stücke zu schreiben - zunächst zwei Runden, in denen jeder in seinem Home-Studio vor sich hin komponierte, dann noch eine Reihe von Sessions, in denen die Stücke zusammen Gestalt annahmen." Aufgenommen hat das Trio das Album schließlich wie schon gewohnt im bandeigenen Studio, eine Tatsache, auf die Dero sehr stolz ist: "Wir sind nach wie vor unabhängiger als irgendeine andere Band , die ich kenne - kaum jemand textet, komponiert, produziert und mischt alles selbst. Das Album ist wirklich unser Baby." Dass das Baby mit "Glaube, Liebe, Tod" einen recht schwermütigen Roten Faden für das knappe Dutzend Tracks abbekommen hat, erklärt er so: "Das war eigentlich gar nicht so geplant, obwohl man ja, je älter man wird, intensiver mit Themen wie Krankheit und Tod konfrontiert wird. Darüber hinaus stellen die Begriffe die drei Grundpfeiler der Menschheit dar, wir stehen damit in einer Jahrtausende alten philosophischen Tradition."
Weit weniger in die Vergangenheit griffen Dero, Flux und Crap mit der Bearbeitung des Morricone-Klassikers "Spiel mir das Lied vom Tod" (1969). Wobei sich das Projekt als schwieriger als zunächst gedacht erwies: "Morricone stellte die Bedingung, dass keine Samples verwendet, sondern alles neu eingespielt und Text und Bearbeitung freigegeben werden mussten. Das hat einige Zeit in Anspruch genommen, wurde letztlich aber von ihm genehmigt, worüber wir froh und stolz sind - Morricone war schon immer einer unserer bevorzugten Komponisten und der Film ist natürlich toll."
Mit "Eine Frau spricht im Schlaf" gibt es auf dem Album sogar eine echte Premiere: die erste Oomph!-Ballade. "Ich hab schon lange versucht, ein Lied in Gedichtform zu schreiben, diesmal hat es endlich gepasst, Text und Musik gingen eine Symbiose ein."
"Mein Schatz" hat dagegen hat trotz der "Herr der Ringe"-Anklänge ein sehr aktuelles Thema, erzählt Dero: "Es geht um Macht und Manipulation, konkret zu betrachten bei Herrn Schröder - man konnte sehen, wie er in der relativ kurzen Zeit seiner Regierung rapide gealtert ist, und wie schwer es ihm fiel, schließlich von der Macht zu lassen. Ich bin mir sicher, hätte er noch ein halbes Jahr regiert, wäre er vollends zu Gollum geworden."