Über Nightwishs Werdegang braucht man eigentlich keine Worte zu verlieren.
Die finnische Band um Fronfrau Tarja Turunen gehört mit Sicherheit zu
den großen Acts der letzten Jahre. Was immer die Band veröffentlicht hat, die
Begeisterung vo...
Über Nightwishs Werdegang braucht man eigentlich keine Worte zu verlieren.
Die finnische Band um Fronfrau Tarja Turunen gehört mit Sicherheit zu
den großen Acts der letzten Jahre. Was immer die Band veröffentlicht hat, die
Begeisterung von Presse und Fans war ihr sicher. Kaum eine andere Band ging
selbstbewusster in der musikalischen Verbindung aus Klassik, Bombast und virtuosen
Metal-Elementen auf als Nightwish. Alben wie "Oceanborn", "Wishmaster"
oder eben "Century child" bewegen sich auf einem Level das andere Bands
kaum in der Lage sind zu erreichen. Visuell gibt es ebenfalls nur hochkarätiges
für die Fans. "From wishes to eternity" oder "End of innocence",
beides DVDs, sind Selbstläufer. Auch auf dem Live-Sektor lassen sich die finnischen
Superstars nicht lumpen und gehen souverän ihren Weg. Trotz des facettenreichen,
komplexen Songwritings wissen sie rund um den Globus zu überzeugen. So stellt
sich anno 2004 jeder Fan die Frage, wie denn wohl das neu angekündigte Nightwish
Album klingen mag.EMP hatte die Chance sich vorab das neue Album in der finnischen Hauptstadt
Helsinki anzuhören. Während draußen Schnee- und Regenschauer bei etwa
3-4 Grad runterprasselten, saß man in Tuomas Holopainen (Keyboards) Stammkneipe
"Loose" und wartete gespannt, was da in einigen Minuten aus den Boxen knallen
würde. Nightwishs Label hatte zur ersten Hörprobe von "Once" geladen.
Die Band war bis auf Tarja, die anderen Verpflichtungen nachging, komplett
anwesend. Das Gros des Materials, "Once" umfasst elf Songs, war fertig
gemixt, während der Rest im Rough Mix zu hören war. "Once" verlangt vom
Hörer eine höhere Aufmerksamkeit als die Vorgänger, das steht zumindest nach
der ersten Hörprobe fest. Aber das war gewollt, wie uns Hauptsongwriter Tuomas
Holopainen im nachfolgenden Interview wissen lies ... War es erklärtes Ziel
von Nightwish sich mit diesem Album musikalisch zu verändern, da aufgrund
des großen Erfolgs mehr und mehr Nachahmer in den Markt drängen, oder hat man
seiner musikalischen Kreativität keinerlei Grenzen gesetzt?
"Zuerst muss ich erwähnen, dass ich bisher immer versucht habe mit jedem Album
Veränderungen, Neues, in die Band einzubringen ohne jedoch gewisse Trademarks
außen vor zu lassen, denn mir als Hauptsongwriter ist es unheimlich wichtig
nicht zu stagnieren. Als wir mit dem Songwriting des neuen Albums begannen,
hatte ich die Idee eines großen Orchesters das den Sound maßgeblich dominieren
sollte. Zudem wollte ich unbedingt einen Song in finnisch auf dem Album haben,
da ich diese Idee schon lange mit mir herumtrage. Ebenso wie das Stück wo der
Indianer zu hören ist. Diese Elemente sollen eigentlich das Album prägen. Ich
denke wir haben die Ideen gut verwirklicht. Die Songs sollen wie "Short Movies"
wirken, also mehr wie eine Art Filmmusik und weniger wie Rock Musik. Ich nenne
es Filmmusik unter dem Mantel von Heavy Metal. Das sind die Gründe, warum die
Songs anders klingen als von vielen erwartet. Dass es viele Nachahmer unser
Musik gibt, daran habe ich während des Songwritings nicht im geringsten gedacht.
Das ist für mich auch kein Problem, wenn ich ehrlich bin. Die machen ihr Ding,
wir unseres. Auf der anderen Seite können wir ja stolz auf uns sein, dass wir
so viele Bands beeinflusst haben, auch wenn sie sich nicht sonderlich kreativ
zeigen. Und wie du schon sagtest, mit diesem Album haben wir einen großen Schritt
in eine andere Richtung getan."
Man muss sich mit diesem Album wesentlich intensiver und länger auseinandersetzen
als zu erwarten war!
"Stimmt genau. Es ist das bisher ungewöhnlichste, ja schwierigste Album das
wir aufgenommen haben."
Besteht dabei nicht die Gefahr, dass man die Fans überfordert?
"Ich persönlich mag eher Alben die Überraschungen in sich bergen, als Alben
die zwar gut zu hören sind, aber nach einigen Durchgängen viel zu vertraut klingen.
Das Album ist eine Herausforderung für die Fans und ich bin mir sicher, dass
sie nach einigen Durchgängen die Vision des Songs begreifen."
Ein echt abgefahrener Song ist "Wish I had an angel", der total nach
Achtziger Jahre Pop Rock klingt und am Ende sogar mit Drumcomputer und Rammstein-ähnlichem
Riff mächtig überrascht! Interessant, aber doch sehr ungewöhnlich für Nightwish,
oder?
"Mag sein, aber genau diesen Überraschungseffekt wollten wir mit diesem ,neuen'
Sound erzeugen. Ich habe bisher so etwas noch nicht probiert und der Song gab
uns die Chance etwas tanzbares aufzunehmen. Wir wollten was Neues machen und
dabei kam dieser Song heraus. Ich denke das wird auch die zweite Single des
Albums werden! Die Leute werden wohl geschockt sein, aber darüber mache ich
mir keine Gedanken, ich will einfach mein Ding machen."
Du bist der Hauptsongwriter bei Nightwish. Kannst du mit jeder Idee kommen,
die dann anstandslos vom Rest der Band akzeptiert wird, oder kommen auch Einwände?
"Wir sind eine sehr demokratische Band, ich bin eher ein happy Dictator! Man
akzeptiert im Großen und Ganzen die Ideen die ich vorbringe und gerade bei diesem
Song gab es keinerlei Diskussionen, jeder mochte ihn sofort."
Bei "Creek Mary's blood" fiel mir auf, dass du im zweiten Teil des
Songs diesen gigantischen Melodiebogen von John Miles' "Music"
mit eingebaut hast. Sehr gelungen, klingt eigentlich wie der ursprüngliche Höhepunkt
des Songs!
"Ah ja, aber ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich diesen Song leider
nicht kenne. Ich kann dir dazu keinerlei Angaben machen, aber das ist doch ein
interessanter Zufall. Ich werde mir den Song mal besorgen."
In diesem Song kommt auch der von dir erwähnte Indianer vor. Wer ist das
und woher kennt ihr diesen Native American?
"Ich bin schon seit Kindesjahren von der indianischen Geschichte fasziniert
und fühle mich von deren Einstellung zur Natur und ihren Ansichten über das
Leben angezogen. Es war einfach eine Frage der Zeit bis ich ein Song über und
mit einem Indianer machen würde. Der Punkt ist aber der, dass ich mit einem
echten Native American Musiker arbeiten wollte und diesen haben wir in John
Two-Hawks vom Stamme der Lakota gefunden. Er ist in den USA ein sehr bekannter
Musiker der schon sechs Alben veröffentlicht hat, sowie der Autor eines Buches
mit dem Titel 'Good medicine'. Bei 'Creek Mary's blood' singt
und spielt er Flöte. Das Gedicht das er in der Sprache der Lakota vorträgt stammt
übrigens von mir! Wir haben ihm vor Beginn der Zusammenarbeit unsere Demos rübergeschickt
und haben ihn dann eingeflogen, wonach er in kürzester Zeit seinen Part erledigt
hat. Er ging förmlich auf in dem Stück, das ja komplett fertig geschrieben war,
schon mit dem Hintergedanken, dass ein Indianer den fehlenden Part übernehmen
würde."
Habt ihr das gesamte Album in Finnland aufgenommen?
"Bis auf die Orchesterparts haben wir alles in Finnland aufgenommen. Die Orchesterparts
haben wir in zwei Sessions in London aufgenommen, Mit einem richtig guten Orchester,
denn mit den Leuten, mit denen wir bei 'Century child' zusammengearbeitet
haben, waren wir im nachhinein nicht zufrieden. Für dieses Album wollte ich
das bestmögliche Orchester haben das man bekommt. Es hat zwar eine Hölle Geld
gekostet, aber die Arbeit war jeden Cent wert. Die Arrangements haben mich zwei
Monate gekostet und aufgenommen war alles in zwei Tagen! Diese Musiker waren
unglaublich, die mussten noch nicht einmal üben. Du hast ihnen die Noten gegeben
und sie haben ohne Fehler perfekt gespielt. Das war ein großartiges Erlebnis
für mich."
Einer der Songs auf "Once", "Kuolema tekee taiteilijan", wurde
in finnisch eingesungen. Hatte das einen besonderen Grund?
"Ein Experiment das wir zuvor noch nicht gemacht haben und das mir schon lange
im Kopf herumschwirrte. Der Song ist eher im traditionellen Stil von Nightwish
gehalten und vermittelt in diesem Zusammenhang ganz gut, woher wir kommen."
Für viele ist schlicht und ergreifend Tarja Nightwish. Der Rest der
Band wird eher als Statisten angesehen. Bist du oder der Rest der Band deswegen
gekränkt, gerade auch weil du der Hauptsongwriter bist?
"Nein, nicht im geringsten. Aber die wahren, echten Nightwish Fans wissen,
dass dies nicht so ist und dass jedes Bandmitglied wichtig für das Gesamtergebnis
ist. Mich persönlich kränkt das nicht im geringsten."
Wie groß ist eigentlich Tarja's Einfluss im Songwrting, oder speziell
bei den Texten?
"Sie hat eigentlich gar keinen Einfluss! Die Songs und Texte werden zum allergrößten
Teil von mir geschrieben."
Und sie akzeptiert dies bedingungslos? Sie steht immerhin im Mittelpunkt
des Geschehens?!
"Ja, (grinsend) das ist wahrlich unglaublich, aber so ist es. Ab und an hat
sie eine Idee die sie mit mir dann austauscht, aber das ist eher selten. Sie
hatte auch keinerlei Probleme nicht mehr ganz so extrem hoch zu singen bei den
neuen Stücken. Sie hat das sehr gut gehandelt."
"Once" wird laut eurem Label, in vielen verschiedenen Versionen auf
den Markt kommen. Wessen Idee war das denn? Für die Fans stehen harte Zeiten
an, wenn sie alle Versionen ihr Eigen nennen möchten!
"Ich bin mir selbst nicht sicher wie viele verschiedene Versionen veröffentlicht
werden, ehrlich. Das ist alleinige Sache des Labels. Die 'Nemo' Single
wird es in drei oder vier verschiedenen Ausführungen geben, aber auch darauf
haben wir keinen großen Einfluss. Wir werden zwar gefragt, aber letztendlich
ist das Label für diese Komponente des Deals verantwortlich."
Die angesprochene Single "Nemo" handelt aber nicht von dem putzigen
kleinen Fisch des gleichnamigen Films ... ?
"Nein, nein, (lacht) nicht im geringsten. Du wirst es nicht glauben, aber das
ist ein sehr persönlicher Song über mich selbst. Vielleicht kennst du diese
Situationen nicht zu wissen wo du bist, wohin du willst, was gerade vorgeht.
Darüber handelt der Song."
Zu "Nemo" wird es ein Videoclip geben. Kannst du schon näheres dazu
sagen?
"Klar, Antti Jokinen hat Regie zu diesem Clip geführt. Das war absolut
Hollywood Style! Er hat schon mit Größen wie Shania Twain, Celine
Dion oder Eminem gearbeitet. Es gibt eine kleine Story im Clip, man
sieht die Band u.a. im Schneesturm spielen etc. ... Die Aufnahmen waren ein
echtes Erlebnis. Absolute Professionalität in jeder Sekunde. Solche Eindrücke
prägen."
Nach der Veröffentlichung des neuen Albums wird die Band zum ersten Mal
in ihrer Karriere in den USA touren. Tuomas, das ist der größte und wichtigste
Musikmarkt der Welt. Machst du dir Gedanken, was da alles in die Hose gehen
kann, oder stehst du der ganzen Sache grundsätzlich optimistisch gegenüber?
"Es wird unsere erste Tour in den USA sein und wir werden gleich headlinen.
Wir hatten letztes Jahr dort zwei Shows gespielt die zwar ausverkauft waren,
aber es bleibt dennoch der schwierigste Markt den man sich vorstellen kann.
Es funktioniert nach anderen Regeln und ist nicht mit Europa zu vergleichen.
Ich denke dennoch, dass wir dort interessant genug für den Markt sind. Wenn
man sieht, wie Evanescence dort begeistert aufgenommen werden, dann stehe
ich der Tour sehr optimistisch gegenüber. Meine Erwartungen? Volle Häuser und
super Shows. Während der 14 Shows wird uns übrigens Lullacry begleiten."
Vor einigen Monaten wurden Nightwish Boxsets veröffentlicht, die angeblich
... (Tuomas fällt mir sofort überraschend aufgebracht ins Wort)
"Ah, diese verfluchten Boxsets kamen aus Frankreich und wir konnten nichts
dagegen tun, zumal die Firma dort die Rechte dazu hatte. Wir sind aber mit einem
Anwalt dagegen angegangen. Das ist eine ziemlich vertrackte Situation und ich
hasse diesen Businesskram. So etwas bringt mich dennoch auf die Palme. Spinfarm
musste auf diese Boxsets reagieren und hat dementsprechend ebenfalls solche
Boxsets in der Mache. Als Musiker will ich mich eigentlich nicht um solche Dinge
kümmern müssen, meine ganze Aufmerksamkeit gilt der Musik, aber leider komme
ich nicht drum herum, mich auch mit solchen Problemen auseinander zusetzen.
Am liebsten würde ich von diesem ganzen Businesskram nichts mitkriegen, das
wäre die ideale Situation. Ich bin in solchen Sachen eine ziemlich naive Person
und somit gebe ich all diese Probleme an unseren Manager weiter. Ewo
wird es schon richten.