Monster Magnet
Die Kosmospeitsche - Return Of The Spacelord - Lebe deine Träume!
von: Marcel Anders
vom: 14.01.2004
Image ist alles. Das gilt für Dave Wyndorf wie für keinen anderen.
Schließlich ist der Monster Magnet-Chef im wahren Leb...
Monster Magnet
Die Kosmospeitsche - Return Of The Spacelord - Lebe deine Träume!
von: Marcel Anders
vom: 14.01.2004
Image ist alles. Das gilt für Dave Wyndorf wie für keinen anderen.
Schließlich ist der Monster Magnet-Chef im wahren Leben ganz anders,
als in seinen orgiastischen Songs, den frivolen Videos oder den fulminanten
Live-Shows. Da mimt er das große Rock'n'Roll-Animal, das gar nicht genug Alkohol,
Drogen und Sex bekommen kann. Eine nette Illusion, wie Wyndorf zugibt.
"In einer Band zu spielen, ist eine großartige Ausrede, um nie erwachsen zu
werden. Du kannst leben, wie du willst, kannst tun und lassen, was dir gefällt
und kriegst alles umsonst. Sofern du es darauf anlegst. Aber das tue ich schon
lange nicht mehr. Ich genieße nur die Freiheiten, die mir dieser Job bietet,
alles andere habe ich hinter mir. Ich nehme schon seit Jahren keine Drogen,
trinke keinen Alkohol und habe auch weniger Sex, als alle denken. Eben, weil
ich das nicht brauche - ich singe lieber darüber. Das ist viel spannender."
Weise Worte aus dem Mund eines 44jährigen, schmächtigen, kleinen Männchens,
das im verschlafenen Provinznest Redbank in New Jersey wohnt, allein erziehender
Vater einer 11jährigen Tochter ist und vollends in seiner Familie aufgeht.
"Ich habe sieben Brüder und Schwestern, die alle Kinder haben und in der direkten
Nachbarschaft wohnen, und das finde ich toll. Ich nutze jede freie Minute, um
etwas mit ihnen oder meiner Tochter zu machen. Und natürlich versuche ich auch,
ihnen einen guten Musikgeschmack zu vermitteln. Keine Britneys, sondern
richtig gute Musik - von den Eurythmics bis Pink Floyd. Sachen,
von denen sie etwas haben."
Wobei er selbst - das gibt er offen zu - immer noch das größte Kind ist.
Ein passionierter Film- und Comic-Freak, der vor allem Marvel-Produkte sammelt,
auf "Hulk", "Spiderman" oder "Daredevil" steht und sich
seit Jahren intensiv mit der Materie befasst.
"Gute Comics sind eine Kunst, von der ich gar nicht genug bekommen kann. In
meinem Haus habe ich ein Extra-Zimmer für meine Sammlung, sie ist riesig. Und
das Interessante ist, dass viele Storys nach dem 11. September 2001 viel spannender
geworden sind. Marvel hat sogar die "Avengers" neu aufgelegt, was ich
großartig finde."
Und einen immensen Einfluss auf sein eigenes Songwriting hat. Denn auf seinem
neuesten Album "Monolithic baby!" treibt der Sänger und Gitarrist das
Spiel mit den Wünschen, Träumen und Illusionen auf die Spitze. Da geht es um
geile Nymphomaninnen, die einem das Hirn aus dem Körper vögeln, um Superhelden,
die die Welt vor dem Armageddon retten, um riesige Pillen, die einen ins kunterbunte
Nirvana schicken, um wüste Saufgelage mit halluzinogenen Drinks oder um monstermäßige
Bikes, auf denen man über dem Asphalt schwebt.
"Das sind Dinge, von denen jeder Mann träumt",
grinst Wyndorf.
"Auch ich schwelge gerne darin, aber nur in meiner Musik. Sie ist ein Medium,
um meine Wünsche auszuleben und einen Riesenspaß zu haben. Denn für die Länge
eines Songs darf ich jemand sein, der ich nicht bin. Ich kann in eine Rolle
schlüpfen und lache mich dabei halbtot, wie überzeugend ich das tue. Eben, als
wäre es Realität. Und du kannst mir glauben: Ich schüttle mich vor Lachen, wenn
ich Songtitel wie 'Slut machine' schreibe - ich habe ja nicht mal ein
Motorrad."
Dafür aber ein sportives Rennrad, mit dem er täglich ein Dutzend Meilen
abreißt, um in Form zu bleiben und noch viele Jahre haarsträubenden Nonsens
zu schreiben. Wobei er zwischenzeitlich kurz davor war, das berühmte Handtuch
zu werfen und die Gitarre an den Nagel zu hängen. Eben, wegen des ständigen
Theaters mit seiner ehemaligen Plattenfirma A&M/Interscope, die zuletzt
immer weniger mit seinem psychedelischen Space-Rock anfangen konnte.
"Eine bizarre Situation",
sinniert Dave.
"Durch die ganzen Umstrukturierungen und Merger ist da niemand mehr, den ich
kenne, mit dem ich schon lange arbeite oder der zumindest etwas für meine Musik
übrig hat. Da sitzen jetzt irgendwelche BWL-Studenten, die sich nur für das
interessieren, was gerade angesagt und hip ist. Und im Rock-Bereich sind das
nun mal Nu Metal-Bands. Die haben mir ernsthaft nahe gelegt, dass ich unseren
Sound modernisieren und noch ein bisschen heftiger werden soll, oder gleich
ins Retro-Rock-Lager wechsle. Nur: Was haben Monster Magnet mit den Strokes
zu tun? Gar nichts! Nach ein paar von diesen Meetings hatte ich die Nase voll."
Dave suchte sich ein neues Label - und landete beim Hannoveraner
Renommier-Indie SPV. Ganz einfach, weil er sich hier uneingeschränkten Supports
und oberster Priorität sicher ist, und weil - so betont er nur zu gerne - Deutschland
ohnehin sein wichtigster Markt ist. Und das soll er auch bleiben, selbst wenn
er in den USA ohne Deal dasteht.
"Damit kann ich leben",
lacht Dave.
"Das Wichtigste ist erst einmal, die Leute zu bedienen, die sich wirklich auf
meine Songs freuen, die Fans sind. Und denen gebe ich das vielleicht stärkste
Monster Magnet-Album aller Zeiten."
Was nicht übertrieben ist: "Monolithic baby!" zählt zweifellos zu
den Highlights der inzwischen 15jährigen Bandgeschichte. Einerseits wegen der
fetten Analogproduktion, andererseits wegen der exquisiten Songs. Bei beidem
hat sich Wyndorf schlichtweg selbst übertroffen. Eine Frage der Motivation:
"Ganz ehrlich?",
lacht er.
"Ich war so sauer, dass ich kräftig Dampf ablassen musste. Ich wollte es allen
zeigen: Unserem alten Label, den Kritikern, die unsere letzte Platte nicht so
toll fanden, und nicht zuletzt John und Joe."
Die langjährige Rhythmussektion hatte er im Frühjahr 2003 vor die Tür gesetzt
- weil sie ihm zu lethargisch, faul und undiszipliniert war.
"Ich brauche niemandem, dem ich ständig auf die Füße treten muss, sondern Jungs,
die genauso hungrig sind, wie ich. Die wissen, worum es bei dieser Band geht,
die Spaß daran haben und die nicht allein aufs Geld schielen."
Denn das, so Wyndorf ohne mit der Wimper zu zucken, sei bei Monster
Magnet immer noch nebensächlich.
"Klar, kann ich gut davon leben, aber ich bin nicht reich, und möchte es auch
gar nicht werden. Viel wichtiger ist, dass ich etwas tue, was ich liebe, und
dass ich mich kreativ austoben kann. Das ist das Größte auf Erden. Und ich kann
nur jedem raten, es genauso zu tun: Lebe deine Träume, sonst hast du nie gelebt."
Ein echter Philosoph ...