Interview
Industrielle Defibrillation
von Markus Wosgien (02.01.2012)Mit dem bärenstarken "The last sucker", und der anschließenden Tournee, wollten sich Ministry eigentlich aus dem Musikbusiness zurückziehen. Der exzessive Lebensstil von Al Jourgensen forderte seinen Tribut, doch der Adrenalinjunkie konnte es nicht l...
WeiterlesenMit dem bärenstarken "The last sucker", und der anschließenden Tournee, wollten sich Ministry eigentlich aus dem Musikbusiness zurückziehen. Der exzessive Lebensstil von Al Jourgensen forderte seinen Tribut, doch der Adrenalinjunkie konnte es nicht lassen und plant die neue Weltordnung auf seine Art und Weise. "Relapse" heißt die Geheimwaffe, mit der sich eine weitere Revolution der Marke Ministry ankündigt. "Nach dem Ende unserer letzten Tournee, war ich mir sicher, dass ich nicht mehr lange auf dieser Erde sein werde, denn meine Gesundheit lag sprichwörtlich in der Toilette und wartete darauf, heruntergespült zu werden", blickt Jourgensen nachdenklich zurück (der Ministry nun über 30 Jahre am Leben halten konnte). "Nach meinem Nahtod-Erlebnis im März 2010, wurden zwischen meiner Kehle und dem Darm 13 blutige Geschwüre festgestellt, doch die Doktoren konnten mich wieder herstellen." Mit neuer Lebenskraft begann das Szenenunikat aus Chicago, sich wieder der Musik zu widmen, die entsprechend intensiv und brachial ausfällt. "Die CD nimmt dich von Anfang bis zum Ende mit auf eine Reise und führt durch unterschiedliche Terrains. Es ist für jeden Ministry-Fan etwas dabei - und Ministry-Fans sind bekanntlich sehr verschieden." Unterstützung gab es abermals von den beiden Gitarristen Mike Scaccia und Tommy Victor sowie den Bassisten Casey Orr (ex-Gwar) und Tony Campos (Soulfly u.a.), deren Begeisterung und enormer Enthusiasmus sich auf Jourgensen übertrug. "Sie überrumpelten und unterwanderten mich, da konnte ich gar nicht mehr anders", schmunzelt der Amerikaner, dessen Texte abermals Biss und eine gesunde Provokation besitzen. Bestes Beispiel ist die erste Single "99%" - eine straighte, harte und Ministry-typische Nummer. "Darin drücke ich meine Sympathie gegenüber der OWS und der sogenannten 99-Percenters-Bewegung aus", erklärt der Freigeist. Diese neue Elite versucht der korrupten Minderheit ihre Privilegien zu entziehen. "Ich war schon immer auf der Seite der Underdogs - und mit der Nummer möchte ich ihnen den Rücken stärken." Ein weiteres Highlight ist das ultrabrutale und extrem schnelle "Double tap", worin Jourgensen all seiner Wut gebündelt den freien Lauf lässt. "Man muss dabei nur richtig angepisst sein und das ist heutzutage nicht schwer. Ich muss nur die CNN- oder BBC-Nachrichten schauen, schon bin ich bereit", so die zynische Antwort des Songwriters. Doch dies ist nicht die einzige aggressive Nummer. "Der Titelsong ist extrem; außerdem haben wir eine Coverversion des SOD-Tracks "United forces" aufgenommen - ein zeitloser Klassiker, mit einer ebenso zeitlosen Message." Nachdem zuletzt die Herren Bush das Artwork der Frontcover zierten, trifft es dieses Mal keinen Politiker. "Es ist mein Bodyguard, der komatös in einem Pool voller Kotze liegt. Der Titel "Relapse" hat viele verschiedene Bedeutungen. Einerseits unsere Rückkehr als Band, aber auch wie wir zu Geiz und Arroganz verfallen. Dank Obama muss die Welt nicht mehr den Zeigefinger auf die USA richten, sondern sollte nun geschlossen Widerstand gegen die Oligarchie, der gesetzlosen Herrschaft der Reichen, leisten."
Jetzt geht die Party richtig los!
von Oliver Kube (04.07.2007)Abschied ist ein scharfes Schwert? Nicht für den bald schon ehemaligen Ministry-Boss Al Jourgensen, der sich im Interview alles andere als traurig ob des anstehenden Begräbnis der legendären Industrial-Rocker gibt.
Es stimmt also, "The last sucker" ...
WeiterlesenAbschied ist ein scharfes Schwert? Nicht für den bald schon ehemaligen Ministry-Boss Al Jourgensen, der sich im Interview alles andere als traurig ob des anstehenden Begräbnis der legendären Industrial-Rocker gibt.
Es stimmt also, "The last sucker" ist das letzte Ministry-Album? "Ja, definitiv. Ich habe die Band 25 Jahre betrieben und will nicht wie die Stones oder Aerosmith enden, die mit über 60 immer noch die gleichen alten Nummern spielen. Denn Geld, Ruhm und Groupies sind mir schnuppe." Warst du besonders sorgfältig bei der Songauswahl und der Produktion? Wie geht man so ein Werk an, wenn man weiß, dass es das letzte sein wird? "Ich habe die Platte wie jede andere behandelt bis zur letzten Woche des Abmischens. Da habe ich auf einmal das realisiert, was ich während des Schreibens und Aufnehmens schön verdrängt hatte: ,Das hier sind die letzten Töne, die die Welt von dem Projekt hören wird, mit dem ich mich die Hälfte meines Lebens beschäftigt habe. Das hier sollte besser verdammt geil werden!" (lacht) Und was kommt jetzt? Zieht sich Al Jourgensen aufs Altenteil zurück? "Im Gegenteil, Mann. Wenn die Tour - für die wir uns so lange wie noch nie, nämlich ganze zehn Wochen, in Europa aufhalten werden - vorbei ist, geht's erst richtig los. Das ist ja der Hauptgrund, weshalb ich Ministry beende: Ich will endlich Zeit haben für all die anderen Dinge, die ich immer beiseite schieben musste." Die da wären? "Nun, zunächst werde ich endlich mein Label nach vorne bringen. Da sämtliche Rechte an unseren alten Alben in Kürze von Warner an mich zurückfallen, werde ich sie mit der Zeit alle remastern, mit Bonustracks versehen etc. In etwa zwei Jahren wird es dann ein großes Boxset mit jeder Menge Outtakes, unveröffentlichten Nummern und anderen Raritäten geben. Außerdem beginne ich jetzt ernsthaft, andere Künstler zu signen. Im Studio nebenan nehmen übrigens gerade Prong ihr erstes Album für mein Label auf, das ich zum Teil produziere. Außerdem sitze ich bei ein paar Nummern für Cheap Trick hinterm Mischpult. Dann werde ich noch ein letztes Revolting Cocks-Album machen und endlich mein bereits seit Jahren versprochenes Country-Album unter dem Namen Buck Satan & the 666 Shooters veröffentlichen. Ich bin für die nächsten sieben bis acht Jahre ausgebucht." Das ist eine Erleichterung; du hörst also doch nicht damit auf, selbst Musik zu machen? "Niemals. Ein neues Projekt von mir und Burton C. Bell, dem Fear Factory-Frontmann, der ja auch an ,The last sucker' beteiligt war, befindet sich ebenfalls bereits in der Vorbereitungs-Phase. Was erwartet uns da? Hat die Band schon einen Namen? "Ja, wir nennen uns Vimana, was das Hindu-Wort für UFO ist. Wer Ministry und Fear Factory kennt, weiß, wie schwer es sein wird, dies zu erreichen, aber wir haben uns vorgenommen, tausend Mal heavier und noch viel mehr Metal zu sein, als mit all unseren Projekten zuvor."
ZITAT
"...wir haben uns vorgenommen, tausend Mal heavier und noch viel mehr Metal zu sein, als mit all unseren Projekten zuvor."
In der Höhle des Löwen
von Oliver Kube (10.04.2006)
Ministry
In der Höhle des Löwen
von: Oliver Kube
vom: 10.04.2006
Das überragende, neue Ministry-Album "Rio grande blood" ist eine Rückkehr zu alter Topform für den nun seit über drei Jahren drogenfreien Industrial-Mastermind Al Jourgensen. ...
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Ministry
In der Höhle des Löwen
von: Oliver Kube
vom: 10.04.2006
Das überragende, neue Ministry-Album "Rio grande blood" ist eine Rückkehr zu alter Topform für den nun seit über drei Jahren drogenfreien Industrial-Mastermind Al Jourgensen. Kein Wunder also, dass der bestens gelaunt zum Interview antrat.
Al, in letzter Zeit kamen die Ministry-CDs nur kleckerweise; und bei deiner anderen Band, den Revolting Cocks, sind sogar 13 Jahre ohne Veröffentlichung ins Land gegangen. Dieser Tage erscheinen nun neue Scheiben von gleich beiden Projekten. Was ist die Wurzel dieser plötzlichen Arbeitswut?
"Ich konnte endlich aus meinem Plattenvertrag aussteigen, mein eigenes Label gründen und mir ein neues Studio bauen."
Auch auf "Rio Grande Blood" bekommt George W. Bush wieder sein Fett weg, oder?
"Allerdings, und das nicht zu knapp. Er ist einfach die perfekte Zielscheibe. Ich wüsste gar nicht, worüber ich schreiben sollte, wenn er die Wahl nicht gewonnen hätte."
Apropos: Du hattest angekündigt bei einer Verlängerung seiner Amtszeit nach Kanada auszuwandern. Offenbar lebst du aber immer noch in den USA ...
"Wir haben's versucht. Ehrlich. Meine Frau ist Kanadierin, es wäre also einfach für mich, ebenfalls Bürger dieses Landes zu werden. Nur gibt es einfach kein Entkommen. Kanada ist mittlerweile der 51. Staat der USA. Und in Europa, Australien oder Japan sieht es ähnlich aus."
Deshalb bist du nun ausgerechnet nach Texas umgezogen - in die sprichwörtliche Höhle des Löwen?
"Ha ha. Ja, wir versuchen den übelsten Staat der Union von innen auszuhöhlen. Im Ernst, ich liebe Chicago, aber ich musste weg von dort. Alles erinnerte mich an meine Zeiten als Junkie. Jeden Tag liefen mir meine alten Dealer und Drug-Buddys über den Weg. Außerdem sind die Immobilien in Texas unglaublich billig. Ich habe mir eine alte Farm außerhalb von El Paso gekauft, auf der ich soviel Lärm machen kann, wie ich will. Der nächste Nachbar lebt fast 20 Auto-Minuten entfernt."
Auf der neuen CD wirst du von Prongs Tommy Victor und Paul Raven von Killing Joke unterstützt. Weshalb kam es denn erst jetzt zu dieser stilistisch eigentlich doch schon seit langem zwingenden Kollaboration?
"Ha, das frage ich mich auch. Wir kennen uns schon ewig, hatten aber nie Zeit für eine Zusammenarbeit. Ich bin glücklich, dass es endlich soweit ist und die Jungs nun sogar mit mir auf Welttournee gehen. Ähnlich war es übrigens mit Billy Gibbons von ZZ Top. Wir sind seit den frühen Neunzigern Freunde; trotzdem haben wir es erst jetzt für die neue Revolting Cocks-CD geschafft, gemeinsam ins Studio zu gehen."