Vier Jahre nach dem Streicher-Pathos von "S&M" vollziehen die Herren
Metallica eine überraschende Kehrtwendung: Auf ihrem neuesten Epos "St.
Anger" beschwören sie den brachialen Thrash- und Speed-Sound der frühen
'80er - und klingen so, ...
Vier Jahre nach dem Streicher-Pathos von "S&M" vollziehen die Herren
Metallica eine überraschende Kehrtwendung: Auf ihrem neuesten Epos "St.
Anger" beschwören sie den brachialen Thrash- und Speed-Sound der frühen
'80er - und klingen so, als hätte es das legendäre schwarze Album, die 80 Millionen
verkaufter Tonträger und den Triumphzug durch die Welt der Fußballstadien nie
gegeben. Das weitläufige Industriegebiet von San Rafael, eine halbe Autostunde
von San Francisco, ist die perfekte Tarnung für ein zweistöckiges Lagerhaus,
in dem sich die wohl beeindruckendste Ansammlung von Equipment und Memorabilia
befindet, die je ein Mensch gesehen hat. Eben mehrere Hundert Quadratmeter Spielwiese
der Herren Ulrich, Hetfield und Hammett - bestehend aus
einem kompletten Studio, Rehearsal-Space, Werkstatt, Küche, mehreren privaten
Räumen sowie Büros für Merchandise, Fanclub und Metallica-Online. Eine
Traumwelt aus Platinscheiben, vergilbten Postern, Hightech und natürlich Gitarren.
Da Hetfield und Hammett nie aussortiert und sich von keinem einzigen
Stück ihrer 20jährigen Karriere getrennt haben, sind es inzwischen Hunderte
- von seligen "Kill 'em all" - Tagen, als man abgeschabte Billig-Klampfen
malträtierte, bis hin zu edlen ESP-Editionen, die man sich inzwischen nach eigenem
Gusto bauen lässt - nur um damit denselben Krach zu machen wie Anno 1983-88."St. Anger" ist ein offenkundiges back to the roots. Wie kommt's?
Seid ihr dafür nicht schon zu alt und vielleicht auch zu erfolgreich?James
(lacht):
"Nicht wirklich. Sobald wir anfangen, tiefer in unseren Köpfen zu wühlen, kommt
dabei immer noch viel Mist zum Vorschein. Eben Sachen aus der Vergangenheit,
Probleme untereinander und auch pure Wut. Weißt du, es gab Zeiten, da hatte
ich echt Angst, dass ich Jemanden töten könnte. Ich habe Lars angeschrieen
und dabei nur fünf Zentimeter vor ihm gestanden. Das ist einfach so passiert
- ich hatte richtige Blackouts. Einfach nur davon, dass ich in diese wütende
Stimmung gekommen bin. Und dieses Album setzt sich auf eine gesunde, positive
Weise mit ihr auseinander. Eben, in dem man sie in der Musik rauslässt. Schnell
und laut zu spielen, fällt uns ja nicht wirklich schwer." (lacht)
Gleichzeitig präsentiert ihr Neuzugang Robert Trujillo. Ein permanenter
Ersatz für Jason Newstead?
"Das ist er. Und Mann, das war eine der schlimmsten Sachen seit langen - eben
sich für einen neuen Bassisten zu entscheiden. Damals bei Ron McGoveny
war das eine ganz andere Voraussetzung. Wir wussten von Anfang an, dass er der
Falsche war. Dann sahen wir Cliff - und wussten: Er passt. Als er dann
starb, kam Jason - eben wie eine neue Freundin, an die man sich nur klammert,
weil es so weh tut, die alte zu vergessen. Und das sage ich jetzt nicht, um
Jason runterzuputzen. Es ist nur so, dass wir es ihm nicht wirklich leicht
gemacht haben. Wir haben unsere Wut, unseren Hass und unsere Launen an ihm ausgelassen.
Und davon hat er sich nie richtig erholt."
Wobei Jason jetzt zum Rundumschlag ansetzt: Er nennt euch einen Sell-out
und das Album eine Entombed-Kopie. Wie stehst du dazu?
"Ich finde das traurig. Aber wahrscheinlich hat er die letzten Monate nur auf
den einen Anruf gewartet, mit dem wir ihn bitten, wieder zurückzukommen. Dabei
hatten wir nach seinem Ausstieg eine klare Entscheidung getroffen. Eben, uns
nicht sofort einen neuen Bassisten zu suchen, sondern die nächste Platte mit
Bob Rock zu machen. Weil das aber so lange gedauert hat, mehrten sich
die Gerüchte, dass Jason vielleicht doch zurückkommt - aber das war eben
nie der Plan. Außerdem müsste er inzwischen selbst am besten wissen, dass seine
Bedürfnisse ganz anders sind, als unsere. Er ist eher der Typ, der mit vielen
unterschiedlichen Leuten an genau so viel unterschiedlicher Musik arbeitet.
Und weil das nicht unser Ding ist, glaube ich auch nicht, dass er bei Metallica
jemals richtig glücklich war."
Wie steht es mit den Touraussichten für dieses Album?
"Wir proben gerade. Und es fühlt sich wahnsinnig gut an. Es ist wie ein Fitnessprogramm,
denn die Songs sind so intensiv. Wenn ich sie spiele, bin ich hinterher völlig
platt. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein bisschen aus der Form bin - und
wir werden schließlich auch nicht jünger (lacht). Am liebsten würde ich alle
spielen. Aber sobald wir auf die Bühne gehen, bringen wir eben 'Master of
puppets' oder 'For whom the bell tolls' - Sachen, die die Leute hören
wollen, weil das sonst kein Metallica-Konzert für sie ist. Du siehst
die Begeisterung in den Gesichtern und weißt, warum du sie spielst."
Wenn die neuen Song so physische sind - ist es nicht eine erschreckende
Vorstellung damit auf zweijährige Tour zu gehen?
"Das ist es ganz bestimmt. Und es gibt auch keinen Grund, zwei Jahre zu touren,
schon gar nicht am Stück. Und da sind wir auch alle einer Meinung. Lars
und ich haben Familie. Insofern ist es wichtig, dass auf Tour ein familienmäßiger
Vibe herrscht. Das ist viel gesünder - gerade für mich und meine Alkoholprobleme.
Ganz abgesehen davon, dass wir auch nicht mehr fünf Abende hintereinander auftreten
müssen. Wir könnten auch nur drei Shows pro Woche spielen - dafür aber richtig
die Sau rauslassen. Zu touren ist ja kein Ausdauertest, mit dem wir uns irgendetwas
beweisen müssen. Wir wollen auf die Bühne gehen, uns wohl fühlen und eine gute
Show abliefern."
Da du dein Alkoholproblem selbst ansprichst: Wie lange trägst du das schon
mit dir rum und wann hast du gemerkt, dass du etwas dagegen tun musst?
"Als ich die absolute Talsohle erreichte - deswegen habe ich etwas dagegen
getan. Mein Leben war kurz davor, auseinander zubrechen. Mein Familie stand
vor dem Aus, und ich habe nichts mehr auf die Reihe bekommen. Dabei war ich
das, was man einen ausdauernden Trinker nennt. Ich habe mich nicht voll laufen
lassen, sondern brauchte immer ein bestimmtes Level - und habe konstant getrunken."
Und jetzt reagierst du dich musikalisch ab?
"So schlimm ist es auch wieder nicht. Es geht eher darum, sich mit seinen Ängsten
zu befassen - mit tonnenweise Ressentiments, die nie in der Band diskutiert
wurden. Da haben sich viele Sachen angestaut, und zu trinken war eine Art, damit
umzugehen. Ich schätze, jeder hat irgendeine Art von Abhängigkeit - das müssen
nicht immer die großen Drei sein: Alkohol, Drogen oder Sex. Es gibt immer etwas,
in das man sich flüchten kann - eben, weil es in dieser Welt so viel Druck gibt
und die Leute auf ganz unterschiedliche Weise damit umgehen. Ich für meinen
Teil bin davor weggelaufen - bis ich es leid war, zu laufen. Also habe ich mich
umgedreht und mich den Problemen gestellt."