Veröffentlichungen von Marilyn Manson sind journalistische Großereignisse.
Wenn der schrille Amerikaner am 12. Mai 2003 mit seinem aktuellen Album "The
golden age of grotesque" wieder in alle Medien einzieht, erhält das Wort
Provokation ...
Veröffentlichungen von Marilyn Manson sind journalistische Großereignisse.
Wenn der schrille Amerikaner am 12. Mai 2003 mit seinem aktuellen Album "The
golden age of grotesque" wieder in alle Medien einzieht, erhält das Wort
Provokation neue Nahrung. Denn Brian Warner, so der Geburtsname des Musikers,
liebt die Brüskierung klassischer Themen und Vorbilder. Für seinen Künstlernamen
Marilyn Manson ließ er sich von Alice Cooper alias Vincent
Furnier inspirieren, sein androgynes Äußeres hat unübersehbar namhafte Vorbilder
in der Geschichte der Rockmusik: Nicht nur der junge David Bowie läßt
grüßen, auch Marc Bolan dürfte beim Kunstprodukt MM-Modell gestanden
haben."Meine Kunst ist mehr als nur Musik",
erklärt er und verweist dabei auf seine Lust am Entertainment.
"Ich mag es, gegen die Regeln zu spielen. Mit 'The golden age of grotesque'
will ich die Türen für das Publikum öffnen. Nicht nur auf der Bühne findet die
Show statt, sondern auch vor der Bühne, und das Publikum ist ein wichtiger Teil
davon."
Die Alben des schrillen Amerikaners kokettieren von je her unverhohlen mit
Heiligtümern des öffentlichen Lebens. Auf "Smells like children" zog
er 1995 den seinerzeit noch nicht allzu lange beerdigten Kurt Cobain
und dessen Grunge-Hymne "Smells like teen spirit" durch den Kakao, um
mit dem ein Jahr später folgenden Album "Antichrist superstar", einer
bitterbösen Persiflage auf das berühmteste aller Rock-Musicals, die klerikale
Volksseele in Amerika zu erzürnen.
"'Antichrist superstar' ist die pure Wut auf die Kultur und Religion
meiner Landsleute",
wetterte er damals lauthals und legte sich wenig später mit einer weiteren,
geradezu heiligen Institution an: Die legendäre Filmfabrik am Rande von Los
Angeles stand unverkennbar Pate, als Manson sein 2000er Album "Holy
wood" betitelte.
"Natürlich lässt der Name des Albums gewisse Assoziationen zu Hollywood zu",
bemühte er vorgefertigte Erklärungsmodelle,
"aber er bezieht sich ebenso auf den Baum der Erkenntnis, aus dessen Holz das
Kreuz Jesus Christus gezimmert wurde. Durch diesen Vorgang wurde es gewissermaßen
zu heiligem Holz, zu 'Holy wood'."
Der sich mit Vorliebe in transsexuellem Outfit präsentierende Künstler,
dessen Haupt auf Pressephotos auch schon mal ratzekahl geschoren ist, fügte
damals - um diese Geschichte auch ja nicht zur Banalität verkommen zu lassen
- gleich noch einen weiteren wunden Punkt der amerikanischen Geschichte hinzu.
"Letztendlich wurde dieses Holz auch dazu benutzt, um das Gewehr von Lee
Oswald herzustellen."
Der empörte Aufschrei der US Gesellschaft war ihm damit sicher: Das Kreuz
Jesu in direktem Kontakt zu einer Waffe, mit der John F. Kennedy,
des Amerikaners liebster Präsident, erschossen wurde? Bei derartig kategorischer
Blasphemie ist es kein Wunder, dass Warner von amerikanischen Moralwächtern
gehasst, von einigen Fanatikern sogar indirekt für das High School Massaker
von Littleton im April 1999 mitverantwortlich gemacht wurde. Mit der Folge,
dass es in den Wochen nach dem Blutbad zu massenhaft Konzertabbrüchen, Festnahmen
und wütenden Demonstrationen kam, wo immer er und seine Band auftauchten. Aber
diesen Konflikt mit der Obrigkeit sucht Manson händeringend, um seinen
gen Industrial gebürsteten Glamrock an den Mann zu bringen. Denn kaum gibt er
sich einmal handzahm, schon vergessen ihn die Massen. Das '98er Opus "Mechanical
animals" war ein kommerzieller Flop: Der Titel zu unscheinbar, die Songs
zu brav, die Botschaft zum Gähnen. "Mechanical animal" sei als "... persönliche
Erfüllung, der größten Alternative zu Bands wie Korn und Limp Bizkit"
gedacht gewesen, erklärt er. Zu wenig, um wirklich zu schockieren. Also zog
Manson die Segel wieder straffer.
"'Holy wood' war eine Kriegserklärung, eine Attacke. Das Album schilderte
all meinen Hass, meine Verbitterung, die Isolation",
verkündete er lauthals und hetzte gegen die sogenannten "Disposable teens",
eine durch falsche Erziehung völlig verkorkste Jugend.
"Heutzutage behandelt man Jugendliche wie eine Wegwerfware: kalt, seelenlos,
konsumfreudig."
Er selbst würde dagegen alles viel besser machen, wenn er ein Kind zu erziehen
hätte, schwor er.
"Ich denke, ich wäre einer der besten Väter, die man sich nur vorstellen kann."
Doch die Welt beschäftigt im Jahre 2003 weit dringendere Probleme als eine
verfehlte Familienpolitik. Amerika befindet sich im Krieg. Damit werden alle
anderen Themen zur Nebensache. Patrioten danken dem amerikanischen Präsidenten
George W. Bush für dessen Verteidigung der westlichen Freiheit, Pazifisten
schimpfen den gleichen Mann einen Mörder und Imperator römischen Ausmaßes. Ein
groteskes Szenario, dass sich da zur Zeit im Irak abspielt. Dennoch behauptet
Manson, dass ".
'The golden age of grotesque' nichts mit Politik zu tun hat, sondern
einzig und allein von Beziehungen handelt. Sie beginnt mit einer Idee, so wie
jede Beziehung, kommt an den Höhepunkt und zeigt am Schluss, wie das Schöne,
die Liebe zerstört wird."
Kann man ihm diese Unbedarftheit abnehmen? Ein Land im Kriegszustand und
sein provokantester Rockmusiker singt von Liebe, Lust und Libido? Schwer vorstellbar,
allerdings hat Manson ein gewichtiges Argument für seine angebliche Harmlosigkeit
in der Hand:
"Als ich angefangen habe diese Platte zu schreiben, war Amerika noch nicht
im Krieg."
Dennoch behauptet er:
"'The golden age of grotesque' passt in keine Zeit besser als in die
Jetzige."
Denn:
"Die Geschichte wiederholt sich."
In der Tat ist alles einem Kreislauf unterworfen: Die Musik der Sixties
findet man bei Oasis wieder, Techno-Acts zitieren Jimi Hendrix und Led
Zeppelin "Kashmir" avancierte in modernisierter Form zum wichtigsten
Kino-Soundtrack der Gegenwart.
"Mit 'The golden age of grotesque' habe ich mich wieder gefühlt, als
wäre ich in der Anfangszeit dieser Band",
erklärt er ein Werk, auf dem angeblich Naivität und unverfälschte Kreativität
zusammenkommen und das nicht nur aufgrund seines spektakulären Gottfried
Helnwein-Covers (Helnwein illustrierte unter anderem auch das Rammstein-Album
"Sehnsucht") das beste in der Geschichte des US-Rockers sein soll.
"'The golden age of grotesque' ist die Platte, die ich als Musik-Fan
lieben würde",
sagt er und fügt hinzu:
"Das ist die stärkste Marilyn Manson-Platte, die wir hätten machen können,
und das meine ich nicht arrogant."