Korn
Zeit des Umbruchs
von: Marcel Anders
vom: Oktober 2005
Es ist ein glühend heißer Nachmittag in Los Angeles. Jonathan Davis liegt schlaff auf einer plüschigen Couch im bandeigenen Studio am Hollywood Boulevard, schlürft einen kühlen Eistee ...
Korn
Zeit des Umbruchs
von: Marcel Anders
vom: Oktober 2005
Es ist ein glühend heißer Nachmittag in Los Angeles. Jonathan Davis liegt schlaff auf einer plüschigen Couch im bandeigenen Studio am Hollywood Boulevard, schlürft einen kühlen Eistee und lässt die Seele baumeln. Kein Wunder: Erst vor einer Woche ist der Korn-Frontmann von einer langen Europa-Tour zurückgekehrt und sitzt nun an den Endmixen des neuen, siebten Albums "See you on the other side", das Anfang Dezember erscheint.
"Das war ein Riesen-Stück Arbeit",
stöhnt er und nimmt das Kassengestell von der Nase.
"Ganz einfach, weil wir diesmal etwas anderes machen wollten als nur ein weiteres Korn-Album. Das haben wir ja schon oft genug getan."
Eine Anspielung auf die letzten beiden Werke "Untouchables" (2002) und "Take a look in the mirror" (2003), mit denen Davis heute alles andere als zufrieden ist, weil sie auf Altbewährtes setzen und kaum Überraschungen aufweisen.
"Wir haben das gemacht, was man von uns erwartete, aber nicht das, was uns irgendwie weitergebracht hätte",
so der käsebleiche Mittdreißiger mit den Dreadlocks.
"Deswegen haben wir ja letztes Jahr diese Coverversionen von ,Word up' und ,Another brick in the wall' aufgenommen - weil uns nichts Besseres einfiel. Wir waren total in unserem Sound und Stil gefangen."
Folglich sind sie diesmal volles Risiko eingegangen und haben einen gewaltsamen, sprich experimentellen Umbruch herbeigeführt. Allein schon mit der Wahl des Produzenten, wofür sie so unterschiedliche big names wie Linda Perry, Glen Ballard, Dallas Austin oder The Matrix ausprobierten - nur um eine Enttäuschung nach der anderen zu erleben.
"Viele von ihnen wollten uns ihr Ding aufzwingen, und meinten: Entweder machen wir es so, oder gar nicht. Die haben wir sofort rausgeschmissen. Denn es ging uns ja nicht darum, gleich eine völlig neue Identität anzunehmen, sondern unseren typischen Sound in eine etwas andere Richtung zu führen. Und das, indem wir mit Leuten arbeiten, die sonst nichts mit hartem Rock zu tun haben, und deswegen mit neuen, frischen Ideen aufwarten."
Dadurch haben sich vor allem die Jungs von The Matrix ausgezeichnet, die sonst eher Britney Spears und Avril Lavigne betreuen.
"Kleine Mädchen mit schwerem Psycho-Schaden",
lacht Davis.
"Aber wir haben ihnen eine Chance gegeben - und sie haben uns regelrecht umgehauen. Sie hatten genau die richtige Mischung aus Härte und Harmonie."
Zwei Komponenten, die nach wie vor das Grundgerüst aller Korn-Songs ausmachen, genau wie die obligatorisch morbide Stimmung und - mit Abstrichen - die therapeutischen Texte, in denen Davis seine gebündelte Seelenpein serviert.
"Noch eine Sache, mit der ich diesmal gebrochen habe",
setzt der zweifache Familienvater an.
"Ich habe sechs Platten lang immer nur über mich geschrieben, und das wird irgendwann langweilig. Also singe ich jetzt über allgemeine Dinge."
Wie korrupte Politiker, ultra-konservative Medien, staatliche Panikmache und boomenden Patriotismus.
"Alles Sachen, die das Leben hier unerträglich machen, und ich bin mit Sicherheit nicht der einzige, der so fühlt."
Wobei Davis, der mit einem ehemaligen Pornostar verheiratet ist und laut über seinen Einstieg in die Adult-Industrie nachdenkt, auch noch andere lyrische Schwerpunkte setzt:
"Auf der Platte gibt es etliche Songs, die von hemmungslosem, dreckigem Sex handeln - je perverser, desto besser."
Etwa in der ersten Single "Twisted transistor", das von weiblicher Selbstbefriedigung beim Autofahren handelt - natürlich zu der Musik von Korn.
"Das ist doch eine nette Fantasie, oder?",
lacht er.
"Und wo sonst sollte ich die ausleben, wenn nicht in der Musik? Scheiße Mann, ich habe eine Familie, da kann man Zuhause nicht mehr alles machen, wozu man gerade Lust hat."
Weshalb er sich auch von seinen geliebten Schrumpfköpfen, Waffen und Kunstwerken legendärer Massenmörder wie Ted Bundy oder John Wayne Gacy trennen will.
"Ich bin da einfach rausgewachsen und kann damit nichts mehr anfangen. Wahrscheinlich stifte ich den ganzen Kram irgendeinem Museum - oder ich verkaufe ihn auf ebay. Da habe ich ihn ja auch her."
Bleibt nur noch eine gravierende Änderung im Dasein des exzentrischen Nu Metal-Millionärs: Der Ausstieg von Sandkastenfreund und Gitarrist Brian "Head" Welch, der sich Anfang 2005 aus dem Korn-Kontext verabschiedete und seitdem auf dem Jesus-Trip wandelt. Eine Sache, für die Davis kein Verständnis hat:
"Wir waren immer gegen jede Form von organisierter Religion. Ganz einfach, weil sie unglaubwürdig und falsch ist. Doch plötzlich tendiert er genau in diese Richtung und labert nur noch Schwachsinn. Ich glaube, er hat zu viel Speed genommen und dadurch einen schweren Hau bekommen."
Wobei sich Davis zwar über das Ausmaß seines Wandels wundert, nicht aber über Heads Entschluss, die Band nach 14 Jahren und sechs Alben zu verlassen.
"Er hatte schon lange keine Lust mehr aufs Touren, sondern wollte nur noch Zuhause bei seiner kleinen Tochter sein. Das hat er uns ganz deutlich spüren lassen, indem er sich immer weiter zurückzog. Auf der letzten Tour haben wir ihn nur noch auf der Bühne gesehen, ansonsten hat er sich in den Tourbus verkrochen und Drogen genommen."
Wovon Davis - wie auch der Rest der Band - längst runter ist.
"Ich trinke seit sechs Jahren keinen Alkohol mehr und rauche keine Zigaretten. Und weißt du was: Seitdem geht es mir viel besser. Außerdem kriege ich viel mehr mit. Etwa, dass wir jahrelang von unserer Plattenfirma verarscht wurden. Die hat uns wie eine Kuh gemolken. Und wir waren viel zu stoned, um das zu merken. Mittlerweile sind wir zum Glück etwas schlauer."
Tatsächlich haben sie gerade einen fetten neuen Deal mit Virgin abgeschlossen, der ihnen neben völliger künstlerischer Freiheit auch einen netten, dreistelligen Millionen-Betrag zusichert.
"Natürlich ist es schön, so einen Scheck zu bekommen - wer würde den ablehnen?",
rechtfertigt sich Davis.
"Aber das Entscheidende ist doch, dass er die Zukunft der Band sichert. Und zwar langfristig, und egal, was wir machen."
Also rosige Aussichten - selbst für notorische Schwarzmaler.