Abschiedstourneen von Kiss gab es bereits diverse. Immer wieder
zogen die Schminkerocker durch die Lande und verkündeten, dies würde ihre letzte
Konzertreise sein. Was folgte, waren Comebacks, Reunions und ähnliches Zinnober.
Den Fans ka...
Abschiedstourneen von Kiss gab es bereits diverse. Immer wieder
zogen die Schminkerocker durch die Lande und verkündeten, dies würde ihre letzte
Konzertreise sein. Was folgte, waren Comebacks, Reunions und ähnliches Zinnober.
Den Fans kann dies nur Recht sein, wollen sie doch noch lange nicht auf Schlabberzunge
Gene Simmons, Brusthaar-Träger Paul Stanley und ihre Gefolgschaft
verzichten. So kommt wohl auch das neue Bühnenwerk "Kiss Alive IV" gerade
richtig, um ein weiteres Mal die Kiss-Hysterie anzuheizen. Diesmal haben
sich die Musiker etwas ganz Besonderes einfallen lassen. In Australien, genauer
gesagt in Melbourne, veranstalteten Kiss mit dem dortigen Symphonie Orchester
ein Konzert mit ausschließlich eigenen Songs. Kein leichtes Unterfangen, mussten
doch die Stücke erst auf Orchestertauglichkeit umarrangiert werden."David Campbell, unser Dirigent, der all die Arrangements und Noten
verfasst hat, machte einen fabelhaften Job",
lobt Stanley den wichtigsten Mann des Unterfangens.
"Wir wussten seine Verdienste zunächst gar nicht so richtig zu schätzen. Erst
als wir nach Australien gingen und die Songs aufführten, merkten wir, wie wichtig
seine Arbeit war. Zuerst dachten wir, wir könnten ihn nur die Arrangements machen
lassen und uns einen Dirigenten vor Ort suchen. Doch als wir anfingen mit dem
Orchester zu arbeiten, stellten wir fest, dass da völlig unterschiedliche Welten
aufeinander prallten. Wir reden in zwei total unterschiedliche Sprachen. Davids
Job war der des Übersetzers. Wir sind Musiker, die aus dem Bauch heraus spielen,
die Orchestermusiker hingegen sind studierte Instrumentalisten. Sie spielen
alles von einem technischen Standpunkt aus mit Noten und Zählzeiten. Wir dagegen
sagen immer nur: Lass uns mit der Strophe anfangen."
Das Unternehmen gelang dennoch. "Kiss Alive IV" ist ein ganz besonderes
Album, das bei den europäischen Anhängern garantiert den Wunsch nach einer Orchestertour
wecken wird. Ob es dazu allerdings kommt, steht zurzeit noch in den Sternen.
Obwohl Kiss nicht im Entferntesten ans Aufhören denken.
Gene: "Die einzige Wahrheit einer Band liegt in ihrer Show. Am Ende
einer jeden Nacht, wenn wir uns verabschieden und die Leute hartnäckig genug
eine Zugabe fordern, kommen wir zurück auf die Bühne. Das machen wir so oft
wie die Leute uns zurückfordern. Das ganze Leben sollte nur aus Zugaben bestehen."
Doch in diesem speziellen Fall einer Orchester-Show ist natürlich alles
eine Frage des Geldes, denn Orchestermusiker sind teuer und Veranstalter, die
das finanzielle Risiko auf sich nehmen, nur dünn gesät. Logistisch allerdings
wird es zukünftig leichter:
"Wir haben sicherlich eine ganze Menge gelernt und wären jetzt besser als jemals
zuvor dazu in der Lage",
weckt Stanley Hoffnungen.
"Doch die ökonomische Seite ist immens schwierig. Man darf gar nicht daran
denken, was das alles gekostet hat. Würden wir es noch einmal machen? Wir haben
darüber nachgedacht und werden möglicherweise einige Erkundigungen einziehen.
Denn so mühsam es war so viel Spaß hat es gemacht."
Diese Aussage lässt aufhorchen, zumal Stanleys Worte kaum wie die
Ankündigung eines kompletten Rückzuges klingen. Auch wenn Kiss mittlerweile
nicht mehr in Originalbesetzung unterwegs sind. Ace Frehley hat in der
Zwischenzeit seinen Dienst quittiert - man spricht von finanziellen Ungereimtheiten
- und wurde durch den früheren Black'N Blue-Gitarristen Tommy Thayer
ersetzt. Nun steckt Thayer in dem gleichen Spaceman-Kostüm wie Frehley
früher, denn: the show must go on.
"Was wir gelernt haben ist: Sag niemals nie",
erläutert der schwerreiche Gene Simmons, der bei jeder Tour Millionen
in die eigene Tasche stecken darf.
"Leben bedeutet das, was passiert, während du Pläne schmiedest."
Eine Philosophie, die auch von Woody Allen stammen könnte. Simmons
fährt fort:
"Jeder muss für sich selbst sein eigenes Lebensskript erstellen. Er muss herausfinden,
was er in seinem Leben erreichen will und was das Leben von ihm fordert. Hier
stehen wir jetzt, und dabei sah es vor drei Jahren noch so aus, als ob wir alles
hinschmeißen würden. Die Fans wollen uns noch immer und wir haben ebenfalls
noch immer unseren Spaß. Es kommt nicht häufig vor, dass man so viel Freude
an dem hat, was man macht. Und wir werden auch noch dafür bezahlt. Also: Wir
haben den Hauptgewinn gezogen, wer will sich denn da noch über Steuern beschweren?"
Apropos Steuern: Die wollen Kiss in Zukunft so weit wie möglich vermeiden.
Hatte die Band bislang all ihre Geschicke in die Hände einer riesigen Plattenfirma
gelegt, gründeten Simmons und Co. jetzt ihr eigenes Label "Kiss Records"
und kümmern sich mehr denn je auch um die geschäftlichen Belange ihrer Mega-Band.
Die Gründe dafür?
"Was zurzeit überall passiert ist die Tatsache, dass Plattenfirmen immer mehr
zu unberechenbaren Geschäftsunternehmen werden",
beschwert sich Stanley.
"In diesem Jahr kannst du irgendein unbedeutendes Praktikantinnenhühnchen sein
und schon im nächsten Jahr gehört dir der ganze Laden. Es gab Zeiten, da wurden
Plattenfirmen von Leuten geführt, die Musik wirklich liebten und die einer Band
auch dann eine zweite Chance gaben, wenn das erste Album nicht richtig lief.
Außerdem hielten sie alle getroffenen Vereinbarungen tatsächlich ein. Wir hatten
damals das Glück, dass wir bei einer Plattenfirma waren, die es gut mit uns
meinte. Doch das alles hat sich geändert. In gewisser Hinsicht herrscht eine
Art Apathie. Deswegen ist es wohl im Interesse Aller sich weiterzuentwickeln
und die glorreichen Zeiten in guter Erinnerung zu behalten."
Ein nicht ganz uneigennütziges Motto, rechnen die Kiss-Verantwortlichen
nun erst recht mit einem warmen Geldregen. Mit "Kiss Alive IV" und der
Idee, all die großen Hits in Orchesterversionen zu präsentieren, haben Simmons,
Stanley & Co. die Weichen schon mal in Richtung einer multimedialen Zukunft
gestellt. Denn eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Vom Konzert mit
dem 'Melbourne Symphony Orchester' wird in absehbarer Zeit auch eine
DVD erscheinen.