Sinn für Sehnsucht
von Markus Eck (02.07.2012)Mit ihrem fünften Album-Spektakel "Unsung heroes" werden die finnischen Viking Folk Metal-Superstars triumphal erobernd zu vielen neuen Ufern gelangen können. Denn der Faktor "Extremität" wurde für dieses neue Langspielwerk so massiv gedrosselt, dass...
WeiterlesenMit ihrem fünften Album-Spektakel "Unsung heroes" werden die finnischen Viking Folk Metal-Superstars triumphal erobernd zu vielen neuen Ufern gelangen können. Denn der Faktor "Extremität" wurde für dieses neue Langspielwerk so massiv gedrosselt, dass es nun auch Hörern der nicht ganz so harten Schwermetall-Sounds absolut problemlos in Ohren und Herzen flutschen sollte. So immens sehnsüchtig, so hochgradig erhaben und opulent episch erklingend hat man Ensiferum bislang noch nicht vernommen. Teilweise erreichen die aktuellen Kompositionen mit ihrem cineastischen Einschlag sogar ganz großes Filmsoundtrack-Flair, wie beispielsweise der monumentale Titeltrack verdeutlicht. "Auch wenn sich ,Unsung heroes' von den vorherigen Alben insgesamt merklich abhebt, so war das natürlich so überhaupt nicht von uns beabsichtigt. Denn das neue Songmaterial entstand wie immer bisher bei Ensiferum auf sehr natürlichem und unverkrampftem Wege. Wir fühlten ganz einfach genau so die letzten Jahre und so hören sich eben die neuen Tracks an. Wir trugen Idee um Idee zusammen, arbeiteten weiter an den ersten Resultaten und entdeckten dabei neue Melodien und Strukturen etc. Und schließlich sind ja auch Songs mit auf der neuen Platte, die teilweise vor bis zu fünf Jahren von uns geschrieben worden sind und nun endlich veröffentlicht werden", erklärt Tieftoner Sami Hinkka zum Klangbild von "Unsung heroes". Und wie der hauptsächliche Songtexter von Ensiferum, welcher seit 2004 in der Band am wirken ist, im Weiteren darlegt, nahm der eigentliche Songwriting-Prozess zum neuen Album-Auswurf konkret gesehen zwei Jahre ein. "Wir sind ja immer sehr viel live unterwegs, sammeln und dokumentieren aber dennoch kontinuierlich die besten der uns in den Sinn kommenden Lied-Ideen." Nachfolgend darauf angesprochen, dass sich das Material auf "Unsung heroes" auffallend ästhetisch anhört und gefragt, ob die Mitglieder der skandinavischen Populär-Band selbst leidenschaftliche Ästheten sind, zeigt sich der gute Sami angenehm irritiert. Er bläst die Backen auf und entgegnet dann: "Eine wirklich sehr gute Frage, darüber habe ich noch niemals nachgedacht! Aber das kann schon tatsächlich sehr gut möglich sein ... ja, ich denke, wir sind Ästheten, sonst würde sich unsere Musik wohl auch nicht genau so anhören, wie sie ist."
Schwertlilie Lindroos
von Björn Thorsten Jaschinski (02.04.2007)Misst man sie an der Anzahl der Alben, dann könnte man Ensiferum mit ihrem dritten Streich "Victory songs" als Nachzügler im finnischen Pagan/Folk Metal ansehen. Dabei haben die Schwertschwinger mit Kriegsbemalung keine Konkurrenz zu fürchten. Das sa...
WeiterlesenMisst man sie an der Anzahl der Alben, dann könnte man Ensiferum mit ihrem dritten Streich "Victory songs" als Nachzügler im finnischen Pagan/Folk Metal ansehen. Dabei haben die Schwertschwinger mit Kriegsbemalung keine Konkurrenz zu fürchten. Das sah nach dem Ausstieg von Frontmann Jari Mäenpää, der direkt nach der Veröffentlichung von "Iron" 2004 seine eigene, sehr erfolgreiche Band Wintersun gründete, kurzfristig anders aus. Doch mit Petri Lindroos etablierte sich flugs ein neuer Sänger und Gitarrist im Zentrum der Band. Spätestens nach der Wacken Roadshow-Tour 2006, deren Zugpferd Ensiferum waren, hat sich der schlaksige Petri in die Gemeinschaft eingefügt. Beim letzten Auftritt in Stuttgart zog er nicht nur während des regulären Konzerts das Publikum in seinen Bann: Mit ungeahnten Entertainerfähigkeiten konnte er sich sogar für eine Zweitkarriere als Stripper empfehlen. Schmunzelnd erinnert sich Lindroos an den besagten Abend. "Unser Basser Sami Hinkka hatte Geburtstag und es ergab sich die wunderbare Gelegenheit, Napalm Death zu covern: Der Mann unserer Keyboarderin Meiju war ebenfalls anwesend, er ist der Schlagzeuger von Finntroll. Weil sie dieses schwierige Stück Musikgeschichte schon einstudiert hatten, wusste er, was zu tun war." Wobei man bemerken sollte, das jene einst kürzeste Single der Welt kaum mehr als eine Sekunde Spielzeit auf die Wage bringt. "Das haben wir bei unserem Blast sogar noch unterboten. Immerhin war mein erstes Napalm Death-Album ihr Debut ,Scum'. Meine Schwester ist zehn Jahre älter als ich, also wurde ich als Kind immer mit Michael Jackson und Madonna zugedröhnt. Diese Art von Musik mag ich immer noch", zeigt sich Petri schmerzlos. "Meine erste selbstgekaufte Kassette war Megadeth's ,Countdown to extinction'. Von diesem Album und von ,Rust in peace' habe ich Gitarren-Songbooks. Es wird wahrscheinlich noch weitere zehn Jahre dauern, bis ich die irrwitzigen Soli von Marty Friedman und Dave Mustaine nachspielen kann, was mich ziemlich anpisst. Chris Poland, der Vorgänger von Marty ist auch genial." Gegen diese hochkomplexe Musizierkunst ist Uriah Heep's ,Lady in black' ein lagerfeuertauglicher, anfängerfreundlicher Rock-Evergreen. "Uriah Heep waren lange vor unserer Geburt schon Legenden und wir mögen diese wunderschöne folkige Ballade wirklich. Wir haben den Song als Bonus für die finnische Single und die limitierte Erstauflage von ,Victory songs' neu aufgenommen und mit einigen traditionellen Instrumenten etwas modifiziert." Mit seinem Einstieg bei Ensiferum eröffnete sich für Petri eine neue musikalische Welt. Als Gitarrist und Frontmann von Norther war er zuvor weder mit den Texthintergründen, noch mit der stark an alte Musiziertraditionen angelehnten Kompositions- und Spieltechnik vertraut. "Es dürfte 2001 gewesen sein, als ich Ensiferum das erste Mal live gesehen habe. Die Demos sind mir damals nicht bekannt gewesen. Seither sind wir uns immer wieder begegnet, zumal wir später im selben Gebäudekomplex mit Norther probten. Nach Jaris Ausstieg hatten sie händeringend nach einem kurzzeitigen Ersatz für die Tour gesucht. Innerhalb von zwei Wochen habe ich die Songs gelernt und stückweise Gefallen daran gefunden. Zuvor habe ich weder Folk gespielt noch gehört. Für mich war es eine Herausforderung - außerdem macht das Touren Spaß." In einem Bus mit den Landsleuten Finntroll und The Wake wurde schnell Brüderschaft getrunken. "Für mich war sofort klar, dass ich nur den klaren Gesang übernehmen konnte. Zwischendurch unverzerrt Gitarre zu spielen war damals definitiv nicht meine Stärke. Das Zusammenspiel hat mich als Sänger und Musiker verbessert. Durch häufiges Proben bekomme ich auch die komplizierteren Riffs und Gesangslinien vom Timing her übereinander. Ursprünglich hatten die anderen einen Allrounder wie Jari gesucht, aber Markus und Sami haben sich gut damit arrangiert, die Chöre ohne meine Unterstützung zu meistern." Petris erste Studio-Bewährungsprobe war die "Dragonheads" Mini-CD mit einem neuen Song aus der Feder von Bandgründer und Gitarrist Markus, dem fantastischen Amorphis-Cover "Into hiding" und älterem bzw. traditionellem Material. "Wie auf dem neuen Album habe ich beinahe alle Gitarren im Studio alleine eingespielt. ,Dragonheads' ist eine Wikinger-Hymne, also hatten wir auch das Drachenschiff auf dem Cover, statt die Saga um unseren bärtigen Krieger weiterzuführen. Weil wir alle gemeinsam an den Texten schreiben und diese Mythologie mit einem starken fiktionalen Anteil vermischen, habe ich auch keine Probleme damit, mich mit ihnen zu identifizieren." Obwohl Ensiferum stets von heroischen Schlachten singen, mussten sich die Musiker Waffen, Rüstungen und Kettenhemden für die Fotosession im Freundeskreis zusammenleihen. "Für uns ist es unmöglich, den ganzen Plunder während eines Konzertes zu tragen. Es ist schon schwer genug, mit einem Kettenhemd von über 20 Kilo für mehrere Stunden auch nur halbwegs gerade zu stehen. Man glaubt gar nicht, wie befreit man sich fühlt, es wieder ablegen zu können. Dabei bin ich von meinem Job im Lagerhaus, den ich einige Jahre hatte, körperliche Arbeit gewohnt." Verdrängt man die schweißtreibenden Konzerte und obligatorischen Trinkgelage, dann sind Petris Prioritäten in Zukunft eher geistiger, kreativer Natur. Befürchtungen, dass Ensiferum einmal die lyrischen Inspirationen oder Melodien ausgehen, hegt er nicht. Schließlich verausgabt man sich nicht in unzähligen Seitenprojekten. "Hey, wir haben einen Plattenvertrag zu erfüllen. Neben mir mit Norther ist nur unser Drummer Janne Parviainen anderweitig musikalisch unterwegs." Ähnlich wie Roppe bei Children Of Bodom oder Marko bei Nightwish, haben Ensiferum in ihm einen Mitstreiter der frühesten finnischen Metal-Generation an Bord. "Er ist eine Art Vaterfigur für uns und kann uns immer mit coolen Geschichten, z.B. von der 1992er Tour mit Waltari, erzählen. Janne kennt das Geschäft, weiß um die Probleme, die auf Touren auftreten können und ist ein umwerfender Schlagzeuger. Ihn lockt immer noch das Abenteuer und er ist auf keinen Fall die ruhigste und zurückhaltendste Persönlichkeit von uns. Auf unserer Japan-Tour 2005 haben wir uns z. B. völlig besoffen aufgemacht, die U-Bahn von Tokio zu erkunden. Nach fünf Stunden in völliger Desorientierung haben wir wieder zum Hotel zurückgefunden und weitergetrunken." Der Text der neuen Single "One more magic potion" greift das Thema Alkoholkonsum auf, verlegt das Gelage aber von der Großstadt in den Wald. Seinen persönlichen magischen Trank hat Petri bereits gefunden. "Gin Tonic ist der Glückstropfen für alle Lebensmomente. Damit fühle ich mich nicht nur gut, auch meine Umgebung erstrahlt. Der Song handelt zwar von Trollen und Göttern, aber eigentlich geht es nur darum, dass Bier ziemlich gut schmeckt. Ob ich an Trolle glaube? Da ich zumindest sechs Finntrolle kenne muss ich die Frage wohl bejahen." Nun denn, "Ahti" ist nicht nur der Gott des Meeres und der Fischerei, sondern auch der Name eines Black Metal Projekts von Ville (Moonsorrow) und Henri Sorvali (Finntroll und Moonsorrow). "Oh, das wusste ich nicht. Ich fühle mich jedenfalls auf der Lichtung beim Bier wohler als auf hoher See. Schließlich war ich seit Jahren nicht mehr schwimmen. Ahti wird für die gute Beute beim Fischen gepriesen, aber er kann dir auch das Leben zur Hölle machen, wenn du dich zu weit aufs Meer rauswagst. Darum geht es in dem Song. Man muss die See respektieren: Pinkelt nicht ins Wasser!" Momentan muss sich Petri allerdings keine Sorgen um sein leibliches Wohl machen: "Victory songs" ist ein einziger Siegeszug, der mit "Ad victoriam" beginnt und mit dem Titelsong ruhmreich beendet wird. "Wir haben nach einem kräftigen und coolen Titel für die Overtüre gesucht und uns ist die Nähe zu Bolt Throwers , ... for victory' bekannt. Es gibt einen roten Faden davon, in den Krieg zu ziehen, im Krieg zu bleiben, blablabla. Am Ende sind wir die mächtigen Sieger, auch wenn unsere Freunde gefallen sind. Wir behalten ihr Angedenken in Ehren und trinken auf sie." Zu ernst scheint Petri das eigene Image nicht zu nehmen - wenn das nicht die Pagan Metal-Szenepolizei auf den Plan ruft. "Uns ist es egal, ob man nun 100% true sein muss oder niemals lachen darf. Wer diese Musik zu ernst nimmt, der muss an der Welt verzweifeln und kann sich nur noch umbringen. Obwohl wir sehr hart an unseren Kompositionen feilen, sehen wir vieles um uns herum mit einem Augenzwinkern. Nach den Aufnahmen haben wir festgestellt, wie viel fröhliche Melodien auf ,Victory songs' vereint sind. Wie kann man da auf der Bühne stehen und nicht grinsen", lautet die rhetorische Frage. "Die meisten Stücke stammen wieder von Markus. Mit ,The new dawn' habe ich den kürzesten Song beigesteuert, Meiju hat neben dem Intro ,Ad victoriam', welches viele Melodien des Albums vereint, noch ,Raised by the sword' komponiert." Das Sonic Pump Studio kann Petri aus mehreren Gründen empfehlen. "Der größte Vorteil ist die exzellente Sauna. Außerdem ist es in unmittelbarer Nähe des Zentrums von Helsinki. Ich kenne den Produzenten seit sieben Jahren. Er ist selbst auch Musiker und spielt in der Heavy Metal-Band Thunderstone. Man kann jeden Abend Partys feiern und zu Hause schlafen - vielleicht sollten wir uns demnächst in die Einöde zurückziehen." Ein Plan den Lindroos als Privatmann immer wieder verschieben musste, seit ihm zwei professionelle Bands auf Trab halten. "Daran denke ich fast täglich. Aber ich muss 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche rocken. Wahrscheinlich wurde ich dafür geboren. Wenn ich mich in nächster Zeit in eine einsame Hütte im Wald zurückziehen würde, dann hätte ich gar keine Musik im Gepäck. Nur das Zwitschern der Vögel und das röhren eines Elches oder das brummen von Bären hier und da im Ohr. Ein paar Bierchen und einige Flaschen Gin wären natürlich dabei." Womit die Ruhe und Abgeschiedenheit dahin wäre - "One more magic potion" und Petri würde im Abendrot inmitten von Trollen über eine Lichtung torkeln.
ZITAT
Daran denke ich fast täglich. Aber ich muss 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche rocken
Der Song handelt zwar von Trollen und Göttern, aber eigentlich geht es nur darum, dass Bier ziemlich gut schmeckt.