EMP Redaktion
von Björn Thorsten Jaschinski(07.01.2008)Verschwörungstheoretiker aufgepasst: Die Reunion des Cavalera-Clans zerschmettert - sprich thrasht - alle Vorurteile zu Kleinholz und Sägespänen. Die ultrafette Produktion, das Songwriting zwischen "Arise" und "Chaos A.D." mit vielen neuen Ideen z. B. im Gesang von "The doom of all fires", oder dem epischen Ende von "Bloodbrawl" kidnappen sofort. Die alte Aggression, der Speed mit Hardcore-Note ("Hex", "Never trust"), die Max-imale Thrash-Röhre ist wieder da. Die Cavaleras holen jeden zurück ins Boot, der seit "Roots" und Soulfly lieber schwimmt. "Inflikted" und "Sanctuary" tragen den magischen Sepultura-Groove vor der Weltmusikzäsur in sich. Dezente Tribal-Rhythmen klingen im knüppelharten "Terrorize" (weniger) und "Dark ark" (mehr) an. Kein Wunder, dass Basser Joe Duplantier (Gojira) im letztgenannten Song und dem massiven Monotonie-Hüpfer "Ultra violent" mitbrüllen darf. Andreas Kisser wird angesichts der Killerriffs von Max - an "Must kill" zerschellt Ministrys "Psalm 69" - und den abartig genialen melodischen Soli von Marc Rizzo (Soulfly, ex-Ill Nino) vor Neid grün anlaufen.
Interview

Metal aus der Notaufnahme!
von Thomas Clausen (22.03.2011)Mit dem zweiten Album seines Nebenprojekts Cavalera Conspiracy veröffentlicht die brasilianische Metal-Ikone Max Cavalera einen massiven Schlag ins Gesicht: "Blunt force trauma" nennt sich der Silberling; der pathologische Fachbegriff für stumpfe Gew...
WeiterlesenMit dem zweiten Album seines Nebenprojekts Cavalera Conspiracy veröffentlicht die brasilianische Metal-Ikone Max Cavalera einen massiven Schlag ins Gesicht: "Blunt force trauma" nennt sich der Silberling; der pathologische Fachbegriff für stumpfe Gewalteinwirkung oder auch Schädel-/ Hirntrauma, wie der bedreadlockte Headbanger vom Zuckerhut grinsend erzählt. "Wir haben mit Sepultura oder Soulfly schon alles Mögliche gemacht, aber ich habe noch nie einen Longplayer nach einem Fremdwort aus der Medizin benannt", freut sich Max. "Es hat sich ziemlich gut angehört und einfach richtig angefühlt. Der Titel passt zum Sound und zu der Energie der Stücke." Und so liefert man mit "Blunt force trauma" das schnellste und härteste Stück Eisen ab, welches Mr. C. jemals aufgenommen hat. "Eine Menge schnelles Zeug, das stilistisch zu unseren Wurzeln zurückgeht: Diese goldene Thrash Metal-, Punk- und Hardcore-Ära der '80er Jahre. Bisher waren meine eigenen Lieblingsplatten ,Arise' und ,Beneath the remains' - rohe Power, reine Energie. Wir haben versucht, den Geist und die Atmosphäre dieser großartigen Scheiben wiederzubeleben. Der alte Spirit mit einem neuen, frischen Sound von heute. Es ist keine simple Reanimation von etwas Totem, es ist eine Art Neuerfindung", bei der der Begriff Abwechslung eine riesige Rolle spielt. "Besonders wenn ich zusammen mit meinem Bruder Iggor Musik mache. Wir verstehen uns blind - gerade wenn es um schnelle Songs geht, sind wir wirklich wie eineiige Zwillinge. Bei uns geschieht dies immer automatisch, wenn wir zusammen Krach machen. Außerdem hatte das Sepultura-Zeug schon damals sehr viel Groove - das war immer ein Max & Iggor-Groove-Ding. Ich glaube, diese beiden Sachen liegen uns einfach im Blut - es war großartig, beides auf dem Album vereinen zu können!" Alten Traditionen folgend, finden sich auch auf "Blunt force trauma" wieder hochkarätige Gäste: Diesmal u.a. Agnostic Front-Shouter Roger Miret. "Wir wollten ganz klar jemanden, der in frühen Jahren einen großen Einfluss für unsere Entwicklung dargestellt hat - Roger war in jeder Beziehung der perfekte Mann! Er ist in meinen Augen der Pate des New York-Hardcore und es war extrem cool mit ihm zusammen zu arbeiten. Solange ich denken kann, waren Agnostic Front für uns eine wichtige Größe. Sie hatten schon auf Sepultura enormen Einfluss und auch bei Soulfly ist ein kleines bisschen davon spürbar", während sich Cavalera Conspiracy auf dem Track "Burn Waco" mit dem damaligen Massaker an der Davidianer-Sekte beschäftigen. "Eines Tages habe ich im Studio zwischen den Aufnahmen diese Dokumentation im Fernsehen angeschaut: Interviews mit den überlebenden Gläubigen, dem FBI und Betroffenen über die Hintergründe, wie die Dinge so außer Kontrolle geraten konnten. Das hat mich sehr berührt..." Als leichte Beute für irgendwelche obskuren Kulte sieht sich Max allerdings nicht, wie man lachend den Kopf schüttelt. "Ich habe doch längst meinen eigenen Kult gegründet - jeder ist herzlich eingeladen, uns beizutreten! Ganz ohne Jahresbeitrag..."
Voodoo-Fakir vs. Eddie
von Björn Thorsten Jaschinski (06.03.2008)Der Konflikt zwischen Max und Sepultura, seine Karriere mit Soulfly, schließlich die Gründe für die Versöhnung mit seinem Bruder Igor sind in anderen Medien bis ins kleinste Detail ausgebreitet und analysiert worden. Um den familiären Zusammenhalt zu...
WeiterlesenDer Konflikt zwischen Max und Sepultura, seine Karriere mit Soulfly, schließlich die Gründe für die Versöhnung mit seinem Bruder Igor sind in anderen Medien bis ins kleinste Detail ausgebreitet und analysiert worden. Um den familiären Zusammenhalt zu demonstrieren haben die sich beiden nach mehr als zehn Trennungsjahren als Cavalera Conspiracy zusammengerauft und mit "Inflikted" ein überraschend hartes, direktes Debut aus den Ärmeln geschüttelt. "Der Albumtitel bezieht sich auf ein Ritual, welches Igor und ich vor vielen Jahren in Indonesien gesehen haben", führt der Sänger aus, "Die Beteiligten haben sich in Trance ohne Narkose Piercings verpasst oder sich in Betten voller Messerklingen und Scherben gewälzt, ohne dass ihnen etwas passiert ist. Wenn ich musiziere ist es ähnlich: Es sind schmerzhafte, aggressive Worte und Rhythmen, man blutet innerlich. Aber es fühlt sich gut an, diese Kraft zu spüren." Die Schreibweise des Titels mit "k" folgt einer Eingebung, deren tieferen Sinn Max selbst nicht kennt. "Igor hat sich um das Artwork gekümmert. Es zeigt ein ziemlich abgefucktes Voodoo-Monster mit zwei Köpfen, geboren in Brasilien, aber mit Zigeunerwurzeln. Es wird Iron Maidens Eddie herausfordern und auf Tour unser Bodyguard sein." Die Einordnung der elf "Inflikted"-Songs zwischen die Sepultura-Großtaten "Arise" und "Chaos AD" mit der spontanen Energie Nailbombs dementiert Max nicht. "Heute schreiben sich so viele Bands Thrash Metal auf die Fahnen, die mit dieser Musik nichts zu tun haben. Igor und ich sind zu ,Necromancer' und ,Troops of doom' zurückgegangen. Ethno-Elemente und brasilianische Einflüsse haben wir beinahe komplett zurückgefahren. Metal und echter Hardcore waren unsere Leitlinien: Discharge, Doom, Dead Kennedys. Der Klang ist dabei sehr europäisch, auch bei unserem Coversong ,The exorcist' von Possessed", lacht der Musiker, der sich in den frühen Achtzigerjahren selbst den Beinamen Possessed gab über seine Punk-Version eines Death Metal-Klassikers. "Marc Rizzo hat das Kirchenorgel-Intro auf der Konzertgitarre gespielt, mit einem echten ,Ride the lightning'- Feeling. Von mir aus hätten wir auch ,Cryptic remains' von Massacre oder einen Hellhammer-Song covern können, z.B. ,Massacra'." Die antichristlichen Schwingungen der alten Sepultura bringen auch "Terrorize" zum Vibrieren: Der Jesse Pintado (Terrorizer, R.I.P.) gewidmete Song hieß zuvor "Holy poison". "Die Kirche als Machtinstitution hasse ich immer noch, nur in manchen Klöstern habe ich Priester gefunden, die ich bewundere. Der Chorus spielt mit dem Wort terrorize - terror arise. Obwohl Igor ein phantastischer Drummer ist spielt er einen sehr langsamen, kindischen Rhythmus im Intro, den ich auf meiner Brust klopfen kann, oder du auf einem Tresen. Diesen Minimalismus mag ich. ,Inflikted' ist eine Kollektion meiner simpelsten Riffs. Mein Liebling ist das zweite in ,Sanctuary' - drei lächerliche Noten, wie früher. ,Must kill' besteht sogar weitgehend aus einem einzigen Riff."