Cannibal Corpse
Hackbrett-Melodien für Millionen
von: Eugen Legat
vom: 15.01.2004
Von der Merchandising Präsenz auf Szene-Veranstaltungen und selbst im normalen Stadtbild her war es schon zu ahnen, jetzt ist es zumindest was den US Mark...
Cannibal Corpse
Hackbrett-Melodien für Millionen
von: Eugen Legat
vom: 15.01.2004
Von der Merchandising Präsenz auf Szene-Veranstaltungen und selbst im normalen Stadtbild her war es schon zu ahnen, jetzt ist es zumindest was den US Markt angeht bewiesen: Cannibal Corpse - im New Yorker Dunskreis blutig entbunden, später in die Heimat ihres mit dem fünften Album "Vile" an die Stelle von Chris Barnes getretenen Frontmanns George "Corpsegrinder"
Fisher nach Florida gezogen - sind seit der Einführung des Scan-Systems
die mit Abstand am besten verkaufende Death Metal Band und haben zudem alle
Veröffentlichungen summiert die Millionengrenze überschritten. Drummer Paul
Marurkiewicz zeigt sich bodenständig, aber auch selbstbewußt, diesen Status
mit "The wretched spawn" weiter zu untermauern.
"Wir sind uns bewusst, privilegiert zu sein und eben nicht in dieser 9 to 5
Mühle zu stecken, aufzustehen und ins Büro oder die Fabrik zu müssen. Da die
Band nun schon seit 15 Jahren sehr engagiert dabei ist, fehlt natürlich etwas
von der ursprünglichen Begeisterung für alles Neue, aber das bezieht sich nicht
auf die Musik an sich und die Gigs. Der Enthusiasmus für unsere Songs ist der
Schlüssel zum Erfolg und unsere persönliche Motivation."
Diese können sie im Frühjahr auf den zur Institution gewordenen No Mercy
Festivals und später erneut als Headliner einer weiteren Tour mit den stilistisch
abgestimmten Vorbands Kataklysm und Aborted in entspannterer Atmosphäre
beweisen.
"Mit 'The wretched spawn' werden wieder einige Klassiker und auch jüngere
Stücke aus dem Set gedrängt, aber wir versuchen innerhalb unseres bestreitbaren
Limits von eineinviertel Stunden einige unerwartete, seit zehn Jahren nicht
mehr gespielte Tracks einzustreuen. Es gibt die Option, Songs auszuwechseln,
aber es hat sich bewährt, in einem bestimmten Groove zu bleiben. Für Deutschland
hat unser wachsender Backkatalog den Vorteil dass mehr Titel zur Auswahl stehen,
deren Darbietung nicht per Vertragsstrafe untersagt ist. Früher war es manchmal
schwer, die zur Verfügung stehende Zeit der weitgehenden Zensur unserer ersten
Alben wegen angemessen zu füllen. Unsere Fans lieben alle Veröffentlichungen,
und wir versuchen soweit möglich diesem Bedürfnis entgegenzukommen."
Auf manchen deutschen Underground Konzerten hört man bisweilen gleich von
mehreren Newcomern im Genre an einem Abend Cover von Cannibal Corpse
Tunes, z.B. von Jack Slater, und mit der innerhalb der letzten Dekade
gefestigten Vorbildfunktion der Band wird dies im Ausland kaum anders sein,
so dass bereits seit längerem auch ein Kannibalen Tribute-Album angekündigt
war.
"Ich weiß, dass einige der dafür vorgesehenen Cover schon länger existieren,
wenn ich mich recht entsinne, haben sich Dying Fetus 'Born in a casket'
vorgenommen. Jedenfalls sind uns solche Aktionen schon im Internet begegnet
und es hat auch immer wieder aus allen Herren Ländern kleinere Bands gegeben,
die uns ein Tape geschickt oder bei einem Gig überreicht mit ihrer Version von
'Stripped, raped and strangled' beispielsweise, wobei der Klassiker
schlechthin 'Hammer smashed face' bleibt, wie auch eine Aktion auf unserer
Hompeage anzeigte. Eigentlich sollten die Fans aus einigen Vorschlägen den Songtitel
wählen, der ihren momentanen Zustand am besten ausdrückt, aber die meisten haben
die Aufgabe wohl ignoriert und einfach ihren Favoriten angeklickt."
Zumindest können einige Moralapostel zumindest insofern beruhigt sein, als
dass die etwas bizarreren sexuellen Praktiken offenbar nicht favorisiert werden.
Abgesehen davon sind die meisten diesbezüglichen Texte vor allem den frühen
Phantasien ihres ehemaligen Sängers entnommen, der nun mit Six Feet Under
im US Death Metal ein völlig anderes Pflaster beackert, als "The wretched
spawn". Nach einer schnellen Folge von erbarmungslosen Songs von unterdurchschnittlicher
Länge bedeutet das träge, an Morbid Angels "Where the slime live"
angelehnte "Festering in the crypt" einen Bruch, da auch das folgende
"Nothing left to mutilate" statt peitschender Blast Beats eine um so
zerstörerischere Mission im breiten Bolt Thrower Walzenformat erfüllt.
"Wie immer seit 'Tomb of the mutilated' bemühen wir uns um Abwechslung,
Intensität und Brutalität. Diese lassen sich auf verschiedenen Wegen erreichen.
Mit drei charakteristischen Songwritern ergibt sich eine gewisse Streuung von
selbst. Die beiden angesprochenen Songs repräsentieren Jacks Stil und
heben sich von den Beiträgen aus der Feder von Alex und Pat ab.
So decken wir in den 13 neuen Stücken die Formate vom Geknüppel über das gegenteilige
Extrem im doomigen Sektor und auch die Zwischentöne ab. 'Slain' mit seiner
eigentlich einfachen, aber immer wieder aufgebrochenen rhythmischen Struktur
ist ebenfalls von Jack. Vieles daran ist old school und sehr basisch,
aber die Zerrissenheit macht auch einen modernen Touch aus."
Metal Blade, deren Death und zumindest in Spurenelementen
existierendes Black Metal Programm sich erst in den letzten Jahren gegenüber
dem traditionellen Metal und einigen Ausflügen in andere Stilistiken schlagkräftig
formiert hat, haben stets an Cannibal Corpse geglaubt, sei es, als die
Newcomer mit "Eaten back to life" von der oft arroganten Presse belächelt
wurden, sei es, als sie mit dem darauf exekutierten "Butchered at birth"
Streich die Grenzen des "guten" Geschmacks dehnten und so erfolgreich wurden,
dass sie fortan unter strenger Beaufsichtigung weltweiter Tugendwächter standen.
"Eigentlich wären wir nach der nächsten, unserer zehnten vollständigen Veröffentlichung,
wieder einmal vertragsfrei gewesen, aber letztens haben wir für ein weiteres
Album bei unserem Traditionslabel unterschrieben. Sie legen sich für uns ins
Zeug und wir haben nie ernsthaft daran gedacht, mit anderen Partnern zu arbeiten
- zudem ist das persönliche Verhältnis zu Brian Slagel, Michael Trengert
und den vielen Mitarbeitern nicht so einfach zu ersetzen. Wir haben 1989 bei
ihnen unterschrieben und ihnen viel zu verdanken - wie auch umgekehrt."
Eine lange keimende dämonische Saat geht mit der Geburt von "The wretched
spawn" weiter auf.