Die Line-Up Probleme sind Schnee von gestern: Rob Vitacca bereichert mit seiner Ausstrahlung und einer chamäleonartigen Stimme den gut ausbalancierten Gothic Rock der Süddeutschen. Hitpotenzial und Tiefenwirkung schließen sich bei ihnen nicht aus.
Never change a winning team? Zumindest Starproduzent John Fryer (HIM, Nine Inch Nails, Paradise Lost) sind die chartverwöhnten deutschen Gothic-Rocker treu geblieben. Bandintern waren einige Umstrukturierungen unumgänglich: Interimssänger Peter Kafka ist als Bassist weiterhin dabei, der zuvor unbekannte Rob Vitacca ersetzt Christopher Schmid endgültig. Keine leichte Aufgabe, möchte man meinen, doch der erst 21-jährige ist ein Rohdiamant, dessen Schliff für Fryer eine Herzensangelegenheit ist. Viele Stücke suggerieren mehrere Sänger, so leichtfüßig wechselt Rob von einer Pete Steele Gruft-Intonation zu rauem, forderndem Gesang oder zerbrechlichen hohen Klängen. Doch bis auf "The shadow I once kissed" ist von einer Duettpartnerin weit und breit keine Spur. "Songs for the last view" offeriert neben gewohnt trockenen Rockern ("A pearl") einen Rückblick auf die eigenen Doom-Wurzeln ("Veins"), verhaltenes Ethno-Flair ("Sacrificial lamb"), wunderschön dunkle Pop-Musik ("And God’s ocean") sowie ein unter die Haut gehendes Finale mit Pianobegleitung und sachter Orchestrierung. Weltklasse!
(Björn Thorsten Jaschinski / 27.12.2007)
Über den Dächern New Yorks
Autor: Markus Wosgien
(20.03.2010)

Seit ihrem starken "Ave end" Longplayer spielen Lacrimas Profundere in der ersten Liga der Gothic Rock Bands mit und mauserten sich ohne Skandale und Allüren, aber mit zwei weiteren fantastischen Alben im Gepäck, zur nationalen Speerspitze ihres Genres, die auch im Ausland immer größere Erfolge feiert. "The grandiose nowhere" ist ihr jüngstes Baby, abermals in den Händen von Produzent John Fryer (HIM, Depeche Mode u.v.m.) aufgezogen und das zweite mit Ziehvater Rob Vitacca am Mikro.
"Es schreit, ist in der Nacht hellwach und hängt an der Flasche! Wir sind also sehr stolze Eltern", resümiert Gitarrist und Gründungsmitglied Oliver Nikolas Schmid, nachdem der Sängerwechsel mit Bravour überstanden ist. "Wir gehen konsequent unseren Weg weiter. Rob hat sich super integriert und es fühlt sich alles gut an und entwickelt sich auf natürliche Weise, wie der erste Rausch, der erste Kuss, der erste Sex, das erste blaue Auge - man macht sich da keinen Kopf!" Der Ausstieg von Olivers Bruder Christopher, der als Frontmann die Band wesentlich geprägt hatte, kam zu einem Zeitpunkt als die Band raketenartig nach oben schoss und selbst die Charts knackte. Dennoch steuert er weiterhin Ideen bei. "Er ist glücklich und wir verstehen uns besser denn je, aber wenn er sieht, dass wir mit Acts wie Marilyn Manson oder Type O Negative spielen, bereut er es doch ein wenig." Musikalisch haben sich die Süddeutschen konsequent weiterentwickelt und stetig gesteigert. Die Arbeit mit einem Profi wie John Fryer tut ihr übriges dazu, denn dieser weiß genau, wie er die Jungs zu Höchstleistungen bringt. "Er hält unseren Chaos-Haufen gut zusammen und wir kommen am Ende mit einer fertigen Platte aus dem Studio. Dabei haben wir uns bewiesen, dass es möglich ist, sich von Schubladen zu lösen und eine melancholische Rockplatte aufzunehmen die unvergleichlich ist!" Den irreführenden Albumtitel "The grandiose nowhere" erklärt der Guitarrero durch die zahlreichen Tourneen und die vielen Schauplätze, an die er sich alkoholbedingt teils gar nimmer erinnern kann. "Wenn du ständig auf Achse bist und dich deine Kinder Onkel Theo nennen, wenn du zurück bist, macht man sich seine Gedanken. In dieser Situation befanden wir uns, weshalb ich froh bin, diese Scheibe gemacht zu haben, da ich niemals gedacht hätte, dass wir zu so etwas Großem imstande sind." Selbstfindung ist das Schlagwort, denn während der Touren hat man auch die Zeit in sich zu kehren. "Du siehst viele Städte und Filme und hast viel Zeit um zu grübeln und zu texten. Zusammenfassend beschreibt die CD für mich die Gefühle und Gedanken eines Spaziergangs über den Dächern von New York City. Klingt komisch, ist aber so." Die Tracks wuchsen, ohne dass anfangs klar war, wohin die Reise geht. "Es war wie ein Last-Minute-Ticket am Flughafen; man will weg und es ist egal wohin. Wir wollten uns von dem ganzen Druck und den Schubladen, die uns im Rücken saßen, befreien. Die Gitarren mussten wieder in den Vordergrund, alles sollte aggressiver, dreckiger und härter werden. Diese Spontanität und Coolness macht die Scheibe so besonders!" Musikalisch werden Lacrimas Profundere gerne mit Paradise Lost, HIM und The 69 Eyes in einen Topf geworfen, worüber man heute stehen kann und witzelt: "Ich sehe uns eher als den betrunkenen Bruder von HIM, der mit Nietengürtel und Bikerjacke bei keiner Familienfeier gern gesehen ist oder die Schwester von Paradise Lost, die gelegentlich in einer Tabeldancebar jobbt und immer Ärger an der Backe hat." Auch eine Sichtweise.
Piepen, Pfeifer, Dicke Eier
Autor: Björn Thorsten Jaschinski
(04.12.2007)
"Wenn man etwas selber geil findet, sollte man es machen.", so lautet das Credo von Lacrimas Profundere Gitarrist und Songschreiber Oliver Nikolas Schmid. Mit dieser Einstellung hat er "Songs for the last view" komponiert, ein Album am Scheideweg. Geht ein charismatischer Sänger, dazu noch der eigene Bruder, dann kann das jede Band ins Verderben stürzen. Bei den deutschen Vorzeige Gothic-Metallern – in ihrem Fall ergeben beide Genre-Komponenten Sinn – wird dieser Wechsel ganz bestimmt nicht den Anfang vom Ende markieren. Dafür sind die neuen Songs und der neue Sänger Rob Vitacca zu außergewöhnlich: Jung und fotogen – das mag Teile der weiblichen Zuhörerschaft verzücken. Darüber hinaus ein begnadeter Vokalist und unsagbar vielseitiger Interpret, der ohne Allüren mit einem Weltklasseproduzenten wie John Fryer über sich hinauswächst. "Im Proberaum ist immer nur eine grobe Gesangslinie entstanden. John hat sich extrem in die Songs reingelegt", bestätigt Vitacca. Als roter Faden des Albums erklingt der Piepton einer Herzfrequenz im ersten Song und wird nach dem letzten wieder aufgegriffen. "Ist blöd, Lindenstraßen-mäßig. Aber mir taugt's. Man sollte nicht zu lange überlegen. Was mir gefällt, mach ich", führt Schmid sein Lebensmotto aus. Die Balladen am Anfang und am Ende von "Songs for the last view" repräsentieren also das Leben bzw. die Rückkehr dorthin. Dazwischen liegt der Tod. Und das ist gut so. "Der Tod ist Rock. Nicht langweilig und Trauer. Wenn ich sterbe tobt hoffentlich der Bär", sinniert der Mann mit dem Doppelnamen, "Es wäre fair, wenn jeder mehrfach wiedergeboren werden würde: Einmal normal, einmal in den Slums und einmal mit goldenen Löffeln aus der Gebärmutter herausgeholt, so wie Paris Hilton. Sollte es nur ein Leben geben, dann finde ich es echt scheiße, dass Bon Jovi die Kohle machen und wir hier in den Lungfull-Studios sitzen." Sein Sangeskollege sieht das Jenseits pragmatischer: "Keine Ahnung, alles scheiße. Nutten for free, Bier und Zigaretten. Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod". Es geht noch tiefgründiger. "Der Vampir-Song, den ich geschrieben habe, hat mir nur Häme eingebracht", lacht Schmid über die Metamorphose "Suicide sun". "Ich war arbeiten, als mir der Song genommen wurde." Rob assistiert: "Der Text handelt von althergebrachten Themen: Liebe, Schmerz." Einen Stilbruch hat der Jungspund also nicht zu verantworten. Seine Duettpartnerin für "The shadow I once kissed" ist entgegen erster Kommentare keine Dame von der sündigen Meile in Hamburg, sondern eine gute Bekannte des Schlagzeugers. "Auch wenn Rob super hohe Sachen singen kann: Als Solopart sollte in diesem Song wirklich eine Frau ran", bemerkt Schmid, "Obwohl wir im Gothic Rock Wasser schwimmen, wollten wir härter werden. Deshalb die ganzen Flageolett-Töne. Ich liebe Zakk Wylde. Höre mal gezielt nur auf die Pfeifer!" Der Härte wegen geht es zum Mastering konsequent nicht nach Finnland, sondern "nach Amerika, einmal so richtig dicke Eier haben." Wohl bekommt's.
Gothic Romantiker
Autor: Markus Wosgien
(05.07.2006)
Lacrimas Profundere
Gothic Romantiker
von: Markus Wosgien
vom: 05.07.2006
Ehrlichkeit und Kontinuität führt am Ende doch zum Ziel. So auch bei Lacrimas Profundere, die mit ihrem neuen Studioalbum "Filthy notes for frozen hearts" ihr absolutes Meisterstück abgeliefert haben und verdientermaßen die Früchte des langjährig erkämpften Erfolges ernten dürfen. John Fryer (Depeche Mode, Nine Inch Nails, Cradle Of Filth u.v.m.) stand der jungen Combo aus Bayern als Produzent zur Seite und ist selbst davon überzeugt, dass seine Schützlinge den Erfolg von HIMs "Razorblade romance" übertreffen könnten. Euphorische Worte von jemandem, der es wissen muss. "Eigentlich halte ich nicht viel von Lobeshymnen", relativiert der sympathische Frontmann und Frauenschwarm Christopher Schmid. "Aber wenn es ein Typ sagt, der die ,Razorblade romance’ selbst produziert hat, dann ist das schon geil! Wir finden einfach, dass der Welt, was Gothic Rock angeht, ein Tritt in den Hintern fehlt und das haben wir geändert! Wir waren ein super Team, haben uns sehr gut verstanden und ganz nebenbei die mit Abstand beste Lacrimas Profundere Platte aufgenommen!" Zurecht schweben die sechs Jungs auf Wolke sieben, zumal der Hype um sie bereits mit dem Vorgängeralbum "Ave end" eingesetzt hat, dessen Titelsong sogar im Rock Votingpool beim damals noch Klingelton freien Musiksender Viva bis auf Platz eins schoss. "Es ist cool plötzlich auf Viva und VivaPlus zu laufen und mehr Platten zu verkaufen! Aber das ist noch immer nicht unser eigentliches Ziel. Die Magie besteht darin dieses Abenteuer zu haben, an verschiedene Orte zu fahren und neue Dinge zu sehen. In den letzten Jahren haben wir uns die Finger blutig gespielt, waren auf jeder noch so abgefuckten Bühne und in fast jedem Scheißhaus in ganz Deutschland, das neben der Autobahn liegt beim Pissen. Nun sind wir seit 1993 dabei und spielen immer noch Gothic weil wir Bock drauf haben. Wir haben schon viele Trends kommen und gehen sehen. Jeder Fan merkt eh ob die Musiker es ernst meinen, oder nur dem Trend hinterher hecheln." Vorab gab es noch die 6-Track EP "Again it is over", dem stärksten und hymnischsten Song auf dem neuen Opus. "Die Nummer hat sich erst im Studio und mit der Hilfe von John so entwickelt. Die Riffs waren schon fertig, aber als John dann mit den verschiedenen Spuren am Gesang gearbeitet und experimentiert hat, wurde der Track immer besser und besser. Er knallt einfach alles weg und hat trotzdem noch diesen Ohrwurmcharakter." Es steckt viel Herzblut in "Filthy notes for frozen hearts", dass die Jungs in München produziert, in London gemixt und schließlich in Finnland gemastert haben. Möglicherweise das Erfolgsrezept, warum ihr Sound internationaler klingt und es locker mit Größen wie Paradise Lost oder The 69 Eyes aufnehmen kann. "Wir haben das nicht so geplant, sondern uns einfach die Studios und den Produzenten ausgesucht die wir haben wollten", erklärt der Sänger, der selbst von der Qualität des Eisens vollkommen überzeugt ist. "Es ist einfach ein monströser Goth-Rock Trip geworden und ich denke, kein Fan wird von dem neuen Album enttäuscht sein. Wir haben eine Menge Schweiß und harter Arbeit in dieses Album gesteckt, und vor allem das Teamwork mit John werde ich nie mehr vergessen. Die Scheibe läuft bei mir seit dem Studioaufenthalt immer noch täglich im Autoradio. Ich würde sagen ,Filthy notes for frozen hearts’, ist unser ,Master of puppets’ geworden." Die Weichen sind gestellt und die schwarzen Tanztempel der Nation gehören eigentlich schon ihnen.