Nach dreijähriger Studio-Abstinenz präsentieren die finnischen Metall-Cellisten ihr neues Album "7th symphony". Wir sprachen mit Gründungsmitglied Paavo Lötjönen, um alles über die Entstehung der Disc zu erfahren.
EMP: Glückwunsch zu einem Kracher-Album. Einige der neuen Tracks dürften die heaviesten eurer bisherigen Karriere sein. War das so geplant?
Paavo Lötjönen: Wir haben uns natürlich vorher unterhalten, eine Richtung festgelegt haben wir allerdings nicht. Die tatsächlich beachtliche Härte eines Teils des Materials hat sich einfach so ergeben. Ebenso wie die Entstehung von ‚Beautiful‘ und ‚Sacra‘, der wohl melodischsten und eingängigsten Lieder, die wir bisher aufgenommen haben.
EMP: Wie lief der Kompositionsvorgang ab? Habt ihr alle zusammen im Proberaum geschrieben oder jeder für sich?
Paavo Lötjönen: Wir schreiben erst einmal für uns allein und bearbeiten die Stücke erst später als Band. Ich zum Beispiel, habe mich wochenlang in meiner Wohnung, die auch mein Studio ist, vergraben und gearbeitet, gearbeitet, gearbeitet. Das war sehr intensiv. An manchen Tagen habe ich vergessen zu essen und zu trinken. An anderen habe ich teilweise 40 Stunden nicht geschlafen oder vergessen, mal das Fenster zu öffnen.
EMP: Wow, nicht gerade gesund, oder?
Paavo Lötjönen: Das kann man wohl sagen (lacht). Aber ich habe dabei auch viel über mich selbst gelernt. Als Musiker und als Mensch.
EMP: Dennoch ist keine deiner Nummern auf "7th symphony" gelandet…
Paavo Lötjönen: Leider nicht. Das war im ersten Moment natürlich enttäuschend. Aber die Songs von Eicca und Perttu waren einfach besser als meine. Das kann ich problemlos anerkennen. Letztlich geht es darum, gemeinsam das bestmögliche Ergebnis abzuliefern und nicht das Ego Einzelner zu streicheln.
EMP: Ein spannender Aspekt eurer Arbeit ist nicht nur für den Fan, sondern sicher auch für euch, die Auswahl eurer Gastsänger. Dieses Mal sind u. a. Gavin Rossdale von Bush sowie Gojiras Joe Duplantier dabei. Wie ergeben sich diese Kollaborationen? Habt ihr eine Liste von Leuten, mit denen ihr zusammenarbeiten möchtet, die ihr nach und nach abarbeitet oder ergibt sich das eher spontan?
Paavo Lötjönen: Beides. Natürlich hat jeder von uns ein paar Sänger im Hinterkopf, die er gern auf einem unserer Songs hören würde. Direkt für diese schreiben, tun wir allerdings nur selten. Bei ‚End of me‘ etwa, stand der Song im Prinzip zu 100%. Wir alle fanden, dass die Nummer einen grungigen Charakter hatte. Da fiel mir Gavin ein. Wir hatten mal einen Bush-Song remixt und ihn dabei kennen gelernt. Er ist nicht nur ein toller Sänger und Texter, sondern auch ein netter Kerl. Zum Glück mochte er die Melodie und hatte Zeit. Das ging alles sehr schnell. Bei Joe hingegen kam die Idee von jemandem aus unserem Management, der auch für Gojira arbeitet. Joe war weit mehr in die Musik involviert als etwa Gavin. Die Entstehung von ‚Bring them to light‘ dauerte dementsprechend deutlich länger. Die Ergebnisse sind, unserer Meinung nach, aber ähnlich befriedigend.
Auch mit Album Nummer Sechs in elf Jahren gelingt es Apocalyptica, das eigene musikalische Konzept mit kleinen Schritten dem Risiko einer möglichen Stagnation zu entreißen. Eine Gefahr, die Paavo Lötjönen gar nicht erst wahrgenommen hat. Auf die Annahme, dass es sich bei "Worlds collide" um das Album handelt, das sich am stärksten an gängigen Songwritingstrukturen orientiert, antwortet der Finne während einer Probepause trocken: "Ja, es gibt drei Stücke mit drei verschiedenen Sängern. Wir haben seit drei Alben immer mal wieder versucht, mit verschiedenen Sängern zu arbeiten. Das ist für uns also etwas ganz Natürliches." Die Unterschiede sind nicht bei den aktiv in Erscheinung tretenden Künstlern, die auf dem aktuellen Album der Cello-Helden zu hören sind, zu suchen, sondern beim Personal im Hintergrund. Bisher griffen Apocalyptica nie auf die Hilfe von Co-Songwritern zurück und mit Jacob Hellner durfte erstmals ein Außenstehender Produzent Hand an die Kompositionen des Quartetts legen. Resultat: Noch nie wirkten Apocalypticas Stücke so kompakt, wie es auf "Worlds collide" der Fall ist. "Es stimmt, bei allen bisherigen Alben haben wir die Aufgaben eines Produzenten alleine gestemmt. Das ist harte Arbeit. Dieses Mal wollten wir uns ganz auf unsere eigentlichen Belange konzentrieren: Die Kompositionen und das Musizieren." Trotz dieser ungewohnten Freiheiten besannen sich die drei Cellisten auf ihre vertrauten Stärken. Klangexperimente vergangener Werke wurden weiterentwickelt und so gibt es auch auf "Worlds collide" einige Passagen, bei denen sich der Hörer verwundert die Augen reibt, was die Herren Toppinen, Lötjönen und Kivilaakso ihren Instrumenten entlocken. "Bei ,Life burns’ auf unserem vorigen Album zum Beispiel gab es bereits einige ziemlich abgefahrene Sound-Experimente. Aber Jacob und sein ganzes Wissen lassen unsere Kreativität in einem gänzlich neuen Licht erscheinen." Wie von Paavo bereits erwähnt, durften sich auf "Worlds collide" einige illustre Gäste am Mikrofon betätigen. Besonders bemerkenswert wirkt dabei der Auftritt von Rammsteins Till Lindemann, der mit seinem Organ die deutsche Version des Bowie-Klassikers "Heroes" passend veredelt. Es scheint eine enge Verbindung zwischen Apocalyptica und Rammstein zu bestehen: Die Finnen coverten "Seemann", es gab gemeinsame Tourneen und mit Jacob Hellner teilen sich auch beide Bands den gleichen Produzenten. "Wir waren von Anfang an große Rammstein-Fans. Der Vorschlag, ,Seemann’ neu zu vertonen kam von Nina Hagen. Seitdem wollten wir etwas mit Till starten, es hat also fast fünf Jahre gedauert, bis es geklappt hat." Wenn alles glatt geht, dann dürfen sich Fans von Apocalyptica auf einen ganz besonderen Event freuen. Denn die vier Musiker versuchen, ein Konzert mit allen Gastsängern auf die Beine zu stellen. Und das dürfte ein unvergesslicher Anlass für alle Beteiligten werden. Da dürfte dann wahrscheinlich auch Dave Lombardo, der bereits zum dritten Mal für die Vier die Stöcke schwang, mit von der Partie sein. Den etatmäßigen Trommler Mikko Siren würde es wohl kaum stören. "Auf einen Drummer wie Dave Lombardo kann man nicht eifersüchtig sein. Mikko ist selbst der Überzeugung, das Lombardo seinen eigenen Stil einfach am besten drauf hat."
Die Avantgarde des Metals schlägt wieder zu:
Apocalyptica sind wieder da. Doch so ausgefallen wie zu Beginn ihrer Karriere geht es auf "
Apocalyptica" lange nicht zu. Die Entwicklung zeichnete sich bereits bei "
Reflections" ab:
Apocalyptica rücken auch mit "
Apocalyptica" weiter von ihrem Exotenstatus ab, den die Truppe sich mit den ersten beiden Werken geschaffen hatte.
"Wir nehmen mit der neuen Platte die Entwicklungen von 'Reflections' auf",
stimmt Eicca Toppinnen zu,
"es geht inzwischen stärker um die Musik, als um die Tatsache, dass diese Musik mit Cellos erschaffen wurde. Wir konzentrieren uns darauf, dass ein Song optimal zur Geltung kommt. Das ist der Grund dafür, dass wir stellenweise sehr nah am Sound einer ganz normalen Rockband sind."
Ausgehend von ihrer klassisch gelagerten Ausbildung mussten Eicca Toppinen, Paavo Lotjonen und Perttu Kivilaakso Schritt für Schritt lernen, sich in klar strukturierten Arrangements zu artikulieren.
"Zu lernen, mich auf einfache Weise mit Musik auszudrücken, ist für mich persönlich die allergrößte Herausforderung. Mit einfach meine ich aber keineswegs langweilig. Mein erstes Stück, das ich für Apocalyptica geschrieben hatte, war 'Harmageddon'. Aus den zahlreichen Ideen, die in dieser Nummer stecken, würde ich heute zwei oder drei Nummern machen."
Damals fiel es Toppinen noch etwas schwerer, die Wurzeln seiner musikalischen Ausbildung hinter sich zu lassen. Klassische Musik lebt häufig von unzähligen Variationen und vielen Elementen. Rockmusik funktioniert anders.
"Die Struktur eines traditionellen Rocksongs ist viel klarer. Wenn du ein ganz einfaches Stück schreiben möchtest, bedeutet das in Konsequenz, dass die Grundidee über hervorragende Qualitäten verfügen muss. Sonst funktioniert es nicht. Eine etwas schwächere Idee kann durch zahlreiche Schnörkel aufpoliert werden."
Deswegen gab es für die Tracks des aktuellen Albums einen klaren Gradmesser für Eicca, ob ihn seine Ideen selbst überzeugen konnten oder eben nicht.
"Wenn ein Stück in seiner reduziertesten Form nicht funktionierte, dann wollte ich es nicht schreiben. Beim Schreiben für die neue Platte habe ich viele Ideen verworfen, weil ich feststellte, dass sie nur mit den eben erwähnten Schnörkeln funktionieren würden."
Zu einem Song gehört Gesang und der spielt auf "Apocalyptica" eine größere Rolle als jemals zuvor. Mit Ville Valo von Him und Lauri Ylönen von The Rasmus traten zwei der ganz Großen der finnischen Szene gemeinsam zum Duett bei "Bittersweet" ans Gesangsmikro. Apocalyptica arbeiteten zwar in der Vergangenheit mit Gastsängerinnen wie Sandra Nasic (Guano Apes), Linda Sundblad (Lambretta) oder Nina Hagen zusammen, doch dieses Mal gestaltete sich die Zusammenarbeit ein wenig anders.
"Wir wohnen alle in der gleichen Stadt, deswegen konnten wir wirklich gemeinsam an dem Song arbeiten. Ich habe sowohl mit Ville als auch mit Lauri seit Jahren immer wieder über eine mögliche Kooperation gesprochen."
Schließlich kennen sich die Herrschaften schon eine ganze Weile.
"Mit Him absolvierten wir einen unserer ersten Live-Auftritte. Sie spielten Songs von Type O Negative und wir coverten Metallica. The Rasmus traten in der gleichen Show wie wir erstmalig im finnischen Fernsehen auf."
Bei all den Veränderungen, die das eigentliche Konzept, das Apocalyptica bei den ersten beiden Alben ausgezeichnet hatte, aufweichen, stellt sich die Frage, ob denn nicht zu befürchten steht, dass sich der eine oder andere Fan aus früheren Tagen vor den Kopf gestoßen fühlt.
"Das Konzept war früher sehr begrenzt. Apocalyptica würde es heute nicht mehr geben, wenn wir versucht hätten, stur das gleiche Ding durchzuziehen."
Den Grund für diese Ansicht liefert Eicca direkt im Anschluss:
"Es würde niemanden mehr interessieren. Musikalisch und auch was den Sound angeht, hätten dieses Schema nicht mehr genügend Gehalt, immer wieder ein ganzes Album zu füllen. Deswegen verwenden wir jetzt ein Schlagzeug und schreiben Rocksongs. Vor 'Reflections' dachten wir, dass wir perkussive gespielte Cello-Samples als Ersatz für die Drums nehmen könnten. Heute denke ich: Was für ein Blödsinn! Das hätte vielleicht interessant geklungen, aber ein Schlagzeug klingt einfach besser, weil es dazu bestimmt ist, Rhythmen zu spielen."
Apropos Schlagzeug. Bereits zum zweiten Mal in ihrer Laufbahn griffen Apocalyptica auf die Dienste von Slayer-Trommelgott Dave Lombardo zurück, um "Betrayal/Forgiveness" die passende Portion Härte zu verpassen. Mikko Siren, der inzwischen etatmäßig die Stöcke bei den Cello-Rockern schwing bestärkte seine drei Mitmusiker in dieser Wahl.
"Er meinte, Lombardo könne das besser als er spielen. Schlussendlich lief alles ganz einfach. Ich rief Dave an und fragte, ob er sich vorstellen könnte, bei einem Stück zu spielen. Er sagte sofort zu. Als Slayer in Helsinki waren, schaute er dann kurz im Studio vorbei und nahm seinen Part auf."
Der aktuelle Weg, den die Finnen mit ihren eigenen Stücken beschreiten, eröffnet außerdem immer die Möglichkeit, wieder mal eine Scheibe, die ausschließlich mit Fremdkompositionen bestückt sind, auf den Markt zu bringen. Gibt es denn Herausforderungen, die Eicca in dieser Hinsicht besonders reizen?
"Eine wäre sicherlich, einmal ein komplettes Album von Metallica zu covern. Es gibt da tonnenweise ältere Stücke, die uns musikalisch reizen würden. Ich denke da an 'Orion', 'Call of Ktulu' oder 'Seek and destroy', das wir hin und wieder schon live gespielt haben."
Das Interesse daran, Metallica-Songs für Cello zu adaptieren scheint also noch nicht erloschen zu sein.
"Auf der Bühne macht es immer wieder Spaß, die Stücke von ihnen zu spielen. Wer weiß, vielleicht wird es ja einmal 'Apocalyptica plays Metallica part 2' geben. Was mich auch reizen würde, auch wenn wir das zum Beginn unserer Karriere kategorisch ausgeschlossen hatten, wäre, eine CD mit klassischen Stücken im Apocalyptica-Sound aufzunehmen. Das könnte so in der Art sein, wie sich unsere Version von Griegs 'Hall of the mountain king' anhört."