"Die Fans wollen die Freude mit anderen teilen", beschreibt Lacrimosa-Mastermind Tilo Wolff eine Konzert-Situation in Südamerika, "sie machen eine richtige Party. In Nord- und Mitteleuropa wirkt es dagegen oft, als würde jeder einzelne Besucher die Band am liebsten in seinem Wohnzimmer zu Gast haben, wo sie nur für ihn allein spielt ..."
Es sind Beobachtungen wie diese, die "Lichtjahre", die erste Live-DVD der Schweizer Bombast/Gothic-Rocker zu einer Besonderheit machen: Für den über drei Stunden langen Bericht über die zwei Jahre dauernden "Lichtgestalten"-Tour. In zwölf Ländern auf vier Kontinenten wurden rund 1.000 Stunden Material aufgenommen. Nicht nur Konzerte, etwa in China, Russland und Mexiko, sondern auch Hintergrund-Szenen und unverstellte Blicke auf die besuchten Länder. Tilo: "In China wirken die Menschen sehr kontrolliert. Sie laufen in Totenstille in den Konzertsaal, doch in dem Moment, in dem das Intro beginnt, fangen sie an zu schreien und brüllen einen wirklich nieder. Und nach dem Konzert gehen sie muxsmäuschenstill wieder raus – das fand ich sehr spannend, aber auch befremdlich. Man fragt sich: Ist das in Ordnung für sie, oder fühlen sie sich unterdrückt? Wenn man etwa in Shanghai durch die Straßen läuft, sieht man Luxuspaläste und Pracht ganz dicht neben bitterarmen und sterbenden Menschen. Und man fragt sich: Wie gesund ist das? Oder auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking: Oberirdisch sieht man nur ein paar spielende Kinder und in den Unterführungen vegetieren die Penner. Es war uns wichtig, auch solche Szenen festzuhalten." An freien Tagen war die Band für Aufnahmen daher stets mit Dolmetschern unterwegs, oft genug allerdings ohne formale Dreherlaubnis – ein Versäumnis, das sie auf dem Roten Platz in Moskau in Schwierigkeiten brachte. Tilo: "Wir hatten gerade die Kamera ausgepackt, da kamen aus dem Nichts Männer in Anzügen mit Knopf im Ohr, entrissen dem Kameramann das Gerät und waren in wenigen Augenblicken wieder verschwunden." Doch trotz solcher Vorkommnisse hat sich die Produktion gelohnt: Im Rahmen des W(ave)G(othic)T(reffen) in Leipzig wurde ein Ausschnitt im Cinestar Filmpalast mit großem Erfolg uraufgeführt – einige Szenen der Premiere wurden der Produktion nachträglich noch hinzugefügt, sie geben der Doppel-DVD noch den letzten Schliff. "Ich war vorher sehr nervös, denn ich kenne mein Publikum ja nur von der Bühne, aber nicht aus dem Kino. Doch nach dem Ende der Vorstellung gab es minutenlang stehende Ovationen in dem total ausverkauften Haus – das war schon sehr bewegend", freut sich Wolff.
Lacrimosa
Uneingeschränkter Souverän
von: Manuela Liefländer
vom: April 2005
Nachdem Tilo Wolff dank seines Nebenprojektes Snakeskin psychisch gesundet ist und seine Sinnkrise mitsamt Schreibblockade überwunden hat, zeigt sich der Lacrimosa Frontmann ausgeglichener und kampfeslustiger als je zuvor. Anlässlich des 15jährigen Jubiläums seiner Band kehrt er noch einmal zu seinen Wurzeln zurück und lässt E.M.P. an Lacrimosas Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft teilhaben.
Tilo, was für Erwartungen hast du, wenn du dich tagelang den Fragen der Journalisten stellst?
"Ich hoffe, dass ich die Dinge verständlich rüber bringe und so das nötige über das Album sagen kann. Das Wichtigste ist, dass die Kommunikation stimmt. Damit meine Aussagen auch richtig wieder gegeben werden können. Deshalb versuche ich, so gut wie möglich, auf die Person einzugehen. Außerdem hoffe ich natürlich, dass Fragen gestellt werden, die ich nicht schon zigfach beantwortet habe."
15 Jahre Lacrimosa - Hättest du nach der ersten Platte gedacht, dass du so lange Musik machen würdest?
"Seitdem Lacrimosa einen so großen Stellenwert in der Szene hat, muss ich zugeben, ich kann mir ein Leben ohne Lacrimosa nicht mehr vorstellen. Ich bin, vor zehn Jahren davon ausgegangen, dass es Lacrimosa auf jeden Fall noch weitere zehn Jahre geben wird und genauso ist es auch jetzt."
Wieso diese Zehner Schritte
"Zum einen bin ich nicht gut im Kopfrechnen und zum anderen, ist dieser Zeitraum noch überschaubar!"
Wirst du das Jubiläum feiern?
"Ja. In der Form, dass wir ein Album rausbringen und auf Tour gehen werden. Also, im Prinzip das, was man sonst auch macht. Bloß dieses Mal geschieht es in dem Bewusstsein, dass Lacrimosa schon 15 Jahre auf dem Buckel hat. Es wird aber kein spezielles Event geben, weil man dann ja wieder bestimmte Leute ausklammern würde. Angenommen man würde eine Jubiläumsfeier in Deutschland machen, dann wären die Fans in Mexiko traurig, dass sie nicht dabei sein können und umgekehrt."
Gibt es eine private Feier?
"Das habe ich nicht vor. Es wird lediglich so sein, dass ich am Abend der Veröffentlichung mich mit einem Glas Rotwein hinsetze und mir vorstelle, wie all die Menschen sich nun das Album anhören. Auf die Art kann ich eine Verbindung zu ihnen herstellen. Wie man merkt, bin ich nicht der große Feierhase. Ich feiere so etwas lieber für mich allein."
Was würdest du heutzutage anders machen?
"Gar nichts. Ich höre mir die ganzen alten Alben an und liebe sie nach wie vor. Außerdem bin ich dankbar, dass ich erst langsam in dieses ganze Business hineingerutscht bin. Ich habe mit dem ersten Album in einem Jahr hundert Stück verkauft und hatte dadurch entsprechend viel Zeit mich an alles zu gewöhnen und zu lernen. Bis heute hatte ich nie einen Manager oder einen Labelchef. Ich bin vollkommen souverän und mache alles alleine. Das ist ein unglaubliches Privileg, was es momentan kein zweites Mal gibt."
Was sind die wichtigsten Dinge, die du in dieser Zeit gelernt hast und die dich geprägt haben?
"Auf die Musik bezogen - und das hat vor allem mit Hall Of Sermon zu tun - habe ich gelernt, a) mich selbst zu erkunden und b) immer ehrlich und aufrichtig zu sein. In Bezug auf das Business, gilt für mich, man darf sich ihm nicht mit Haut und Haaren verschreiben, wenn man nicht untergehen will."
Was sind deiner Meinung nach die größten Veränderungen innerhalb der Gothic Szene in den vergangenen 15 Jahren?
"Im Großen und Ganzen würde ich sagen, die Szene ist oberflächlicher geworden. Als ich 1994 mit 'Schakal' einen Song produziert habe und dann das Album mit 'Inferno', haben die Gothics gesagt, das sei viel zu hart. So etwas würde in der Szene niemand hören wollen. Die Metaller waren der Meinung, das Material sei zu düster und deshalb würde es niemand hören wollen. Heute weiß man, dass es die Geburtsstunde des symphonischen Gothic Metal war. Inzwischen hat das Album Kultstatus und jeder ist auf diesen Trend aufgesprungen. Das zeigt die Oberflächlichkeit dieser Szene: Probiert man etwas Neues, wird das von den anderen total auseinander gerissen. Orientiert man sich daran, was der andere macht, wird das von dem Rest als richtig empfunden."
Fühlst du dich durch diese Vorreiterrolle als Star?
"Nein. Aber natürlich ist mir bewusst, dass so das öffentliche Bild von mir aussieht. Ich weiß jedoch, wer ich bin. Ich habe einen so ausgeprägten Charakter, dass bei mir nicht die Gefahr besteht, abzuheben. Vielleicht hat das auch mit meiner Religion zu tun, denn ich bin ja praktizierender Christ."
Das klingt nun nicht so, als hättest du schon Erfahrungen mit Stalkern gemacht ...
"Leider ist das auch schon vorgekommen. Es gab einige Mal Leute, die vor meiner Tür standen. Da bin ich dann ganz schnell umgezogen. Auch bin ich mal von einer Stalkerin überall hin verfolgt worden. Zum Glück ist das in letzter Zeit nicht mehr vorgekommen. Aber ich versuche auch, mein Privatleben noch mehr abzuschotten."
Was spielt sich bei dir emotional ab, wenn du merkst, dass du verfolgt wirst?
"Mich macht so was aggressiv, weil mir mein Privatleben nun mal enorm wichtig ist. Den Leuten gegenüber reagiere ich dann auch recht vehement. Ich kann mit solchen Dingen wirklich nicht gut umgehen."
Gibt es zwischen dem neuen Album und dem Jubiläum eine Verbindung?
"Nein. Das sind ja Dinge, die von außen kommen. Im Prinzip wäre das so, als würde ich einen Song über die Chartplatzierungen des letzten Albums machen. Bei Lacrimosa geht's einfach um was Höheres, da sollen Emotionen transportiert werden."
Wird es bestimmte Jubiläumsveröffentlichungen oder Goodies geben?
"Wir werden auf jeden Fall eine Live DVD veröffentlichen. Aber die kommt erst nach der Tour. Außerdem wird es eine DVD mit allen bisher veröffentlichten Clips geben."
Du wirkst sehr ausgeglichen. Ist das nur auf das Album zurückzuführen oder gibt es dafür auch noch andere Gründe?
"Mir gibt das Album wahnsinnig viel Selbstsicherheit, weil ich weiß, dass es gut ist. Das soll jetzt nicht überheblich klingen. Aber ich habe ja nur eine Messlatte und das ist meine eigene. Als Fan würde ich dieses Album auf jeden Fall kaufen."