Reifeprozess
Autor: Andreas Reissnauer
(19.09.2008)

Eine der heißesten Metalbands der Gegenwart meldet sich mit ihrem neuen Album zurück. Trivium beweisen mit "Shogun", dass sie einen erstaunlichen Reifeprozess durchgemacht haben. Das Album klingt musikalisch vielfältiger und kompositorisch ausufernder als "The crusade". "Das stimmt", bestätigt Frontmann Matt Heafy. "‚Shogun‘ enthält das melodischste, eingängigste Trivium Material überhaupt, gleichzeitig aber auch das brutalste und extremste und darüber hinaus alles, was dazwischen liegt. Es ist dementsprechend völlig normal, dass die Stücke etwas länger geworden sind." Meinst du denn, dieses komplexe Material wird auch live funktionieren? "Absolut! Wir haben bereits drei Songs live ausprobiert und die Reaktionen waren sensationell, diese Stücke werden auf der Bühne genauso knallen wie auf Platte." Wie seid ihr auf den Albumtitel gekommen, ein Shogun ist ja zu den Zeiten der Samurai ein General gewesen? "Ich habe das Wort in Japan aufgeschnappt. Natürlich wusste ich vorher schon, was es bedeutet, aber erst in dem Moment fiel mir auf, wie episch und majestätisch es klingt. Mir war sofort klar, dass das Wort einen geilen Albumtitel abgeben würde." Hattest du sogar die Idee, ein komplettes Albumkonzept zu dem Thema auszutüfteln? "Ich denke, wir sind als Band noch nicht reif für solch ein Mammutprojekt, möchte es für die Zukunft aber definitiv nicht ausschließen." Neben der kompositorischen Vielfältigkeit überrascht "Shogun" vor allem dadurch, dass du die tiefen Shouts wieder ausgepackt hast, nachdem du beim letzten Album noch sagtest, die Nase davon gestrichen voll zu haben. "Das stimmte zum damaligen Zeitpunkt auch, ganz einfach, weil zu viele Bands auf den Zug aufgesprungen waren. Zudem hätten die Shouts nicht zu den Songs von ‚The crusade‘ gepasst. Das neue Album lotet hingegen die Extreme viel weiter aus und bei einigen Passagen passen die Shouts einfach besser als normaler Gesang. Für uns klingt das ganz natürlich, zumal es mindestens genauso viel Gesang wie auf ‚The crusade‘ zu hören gibt. ‚Shogun‘ beinhaltet alles, was wir bis jetzt mit Trivium gemacht haben und dazu gehört ganz klar auch das Shouting." Von Neidern wurden Trivium mit "The crusade" als Metallica-Klone bezeichnet. Davon mal abgesehen, dass Metallica ein solches Brett in den letzten 20 Jahren gar nicht auf die Kette bekommen haben bzw. hatten, klingt "Shogun" dennoch deutlich eigenständiger, erwachsener. "Die Vergleiche hat es in der Tat gegeben, aber viele Leute haben sich so wie du sehr darüber gefreut. Das neue Album ist keine Antwort an unsere Neider, vielmehr glaube ich, dass wir als Band gewachsen sind und deutlich näher an dem ureigenen Sound sind, der uns vorschwebt. Jede Band findet irgendwann ihren Stil und ich denke, wir haben uns diesem Ziel mit einem Riesenschritt genähert." Was im Umkehrschluss bedeutet, dass der Sprung zum nächsten Trivium Album nicht ganz so gravierend ausfallen wird wie der von "The crusade" zu "Shogun". Aber warten wir es ab, diese Band ist immer für eine Überraschung gut!
Harte Arbeit
Autor: Andreas Reissnauer
(25.09.2006)
Die Geschichte von Trivium klingt wie ein Märchen. Vor drei Jahren hat die Band ihr erstes Album auf dem verhältnismäßig kleinen Label Lifeforce veröffentlicht – mittlerweile gilt das Quartett als eine der größten Metalbands der Welt. Sänger, Gitarrist und Sprachrohr Matt Heafy lässt sich davon aber kaum beeindrucken und hat sich an die großen Bühnen dieser Welt längst gewöhnt. "Ich habe schon immer genau gewusst, was ich will – nämlich in einer der größten Metalbands überhaupt zu spielen. Diesen Traum verfolge ich, seit ich zwölf Jahre alt bin. Nur war mir damals noch nicht klar, ob ich dieses Ziel auch erreichen würde. Ich hatte keine Ahnung von Plattenfirmen und dachte mir erstmal nur, dass eine nützlich wäre, um noch mehr Gigs an Land zu ziehen." Euer Durchbruch ist relativ schnell passiert. Anno 2006 habt ihr doch an die 100 mal mehr Fans, als noch vor drei Jahren. "Damals hatten wir überhaupt nur fünf Fans", scherzt Matt. "Es ist schon verrückt, denn für unser Debut haben wir fast keine Shows gespielt. Wir haben drei Gigs in Europa gespielt, zu denen niemand gekommen ist. Jetzt können wir an jedem Ort der Welt spielen und es kommen immer wenigstens ein paar hundert Leute." Oft behaupten Bands, dass es besser sei, langsam zu wachsen und kontinuierlich bekannter zu werden. Ihr seid das Gegenstück zu dieser These. "Ich habe lieber jetzt Erfolg als erst in fünf Jahren. Das gibt uns die Möglichkeit, auf einem viel höheren Niveau zu wachsen, da wir mehr finanziellen Spielraum haben. Davon abgesehen haben wir in den letzten zwei Jahren unglaublich viel in die Band investiert und ununterbrochen gearbeitet, sei es im Studio, im Proberaum oder an der Live-Front. Das schaffen andere Bands vielleicht in fünf Jahren." Bestand nie die Gefahr, dass einer der vier Musiker abhebt? "Nein, wir sind immer noch die selben Typen, nur mit dem Unterschied, dass wir die Welt gesehen haben und als Musiker besser geworden sind. Vielleicht sind wir sogar noch näher an der Realität, da wir wissen, was in der Welt vor sich geht und wir viele Orte gesehen haben." Mittlerweile sind Trivium bei ihrem dritten Album angelangt und "The crusade" ist ein Nackenbrecher geworden! Erstaunlicherweise wurden die 13 Stücke relativ fix komponiert. "Stimmt, wir haben damit erst ein halbes Jahr vor den Aufnahmen begonnen und das während einer unserer vielen Tourneen. Wir haben viele Ideen gesammelt, danach haben wir uns eine Woche eingesperrt und aus den Fragmenten die Songs entwickelt. Der eigentliche Aufnahmeprozess hat dann weitere fünf Wochen in Beschlag genommen." Der Sound des neuen Albums klingt wesentlich erdiger und weniger klinisch als noch der auf "Ascendancy". "Wir haben gar nicht so viel anders gemacht, aber die Produktion ist deutlich natürlicher und mir persönlich gefällt das wesentlich besser. Der Sound ist sehr basisch und alles was man hört, sind die vier Bandmitglieder. Es gibt keine Effekte, keine Keyboards und keine anderen Instrumente." Auf dem neuen Album gibt es nahezu kein Geschrei, sondern ausschließlich klaren Gesang zu hören. Wie kam es dazu? "Ich wollte schon immer der Frontmann sein, nur konnte ich früher nicht singen, deshalb habe ich überhaupt erst mit dem Gebrüll angefangen. Über die Jahre wurde mein Gesang besser, aber erst nach ‚Ascendancy’ habe ich mir einen Gesangslehrer genommen, bei welchem ich deutliche Fortschritte gemacht habe. Ich wollte schon immer lieber singen als brüllen und bin froh, dass das jetzt so gut klappt." Wenn ihr "Ascendancy" neu aufnehmen würdet, wäre dann mehr richtiger Gesang drauf als noch auf der Originalversion? "Es wären überhaupt keine Screams mehr drauf, sondern nur noch klarer Gesang. Ich singe die Songs ja live schon zum Teil ganz anders als noch auf der Platte, auch wenn das nicht jedem auffällt." Nicht nur deshalb ist "The crusade" eine hundertprozentige Metalplatte. Ihr wurdet in der Vergangenheit ja gerne in die Metalcore-Schublade gesteckt. "Ich hasse dieses Wort. Wir sind zu einer Zeit rausgekommen, als diese Musik groß wurde und durch meinen Brüllgesang wurden wir einfach in den Sack gesteckt. Metalcore ist aber die Verbindung aus Metal und Hardcore und wir haben nie Hardcore gehört. Wir sind vier Metalkids mit einem Sänger, der es damals nicht besser wusste." Was hat es mit dem Albumtitel (Zu deutsch: Der Kreuzzug) auf sich? "Jeder unserer Albumtitel beschreibt irgendwie die Band zu der entsprechenden Zeit. ‚The crusade’ deshalb, weil wir die letzten 18 Monate quasi ununterbrochen auf Tour waren und in aller Herren Länder gespielt haben." Auf dem neuen Album klaut ihr zwar keine Riffs von Metallica, versprüht aber eine ähnliche Stimmung wie jene vor 20 Jahren, ohne auch nur im Entferntesten altmodisch zu klingen. "Wir versuchen einfach nur nach uns selbst zu klingen und keine andere Band zu imitieren. Unsere Einflüsse setzen sich aus den großen Metal-Bands der letzten 15 Jahre zusammen und das sind für uns solche Gruppen wie Metallica, Megadeth, Pantera, Testament oder Slayer – mit all diesen Gruppen sind wir aufgewachsen." Ein sehr prägnanter Text ist "The rising" – klingt nach einer typischen Live-Hymne, bei welcher sich die Fans vor der Bühne verbrüdern. "Es ist ein Song, in den sich jeder hineinversetzen kann. Es geht darum, dass man zu einer Show geht, um seine Alltagsprobleme für ein paar Stunden zu vergessen und einfach eine gute Zeit haben soll." Der Abschlusssong und Titeltrack ist ein über achtminütiges Instrumental. "Die erste Idee dazu hatte ich vor über einem Jahr und seitdem ist der Song konstant gewachsen und länger geworden. Ich wollte schon immer ein monumentales Instrumental auf einer unserer Scheiben haben und diesmal haben wir es geschafft. Es ist gut möglich, dass wir den Song auch live spielen werden, aber wenn, dann nur bei den Headliner-Tourneen." Wenn das Album in Deutschland so gut aufgenommen wird, wie man es in England und den USA – Triviums stärksten Märkten – erwarten darf, steht auch einer Aufführung in unserem Land nichts im Wege! Zunächst einmal geht es aber im Herbst auf große Welt-Tournee im Vorprogramm von Iron Maiden!
Vogelschwärme ziehen hektisch über den trotz Tageslicht nachtdunklen Himmel. Tiere scharren in ihren Ställen aufgeregt mit den Hufen. Fast schon greifbar liegt Elektrizität in der Luft. Herabfallende Blätter tanzen über die Straßen, vermischen sich mit dem umherwirbelnden Staub, um sich wieder emporzuheben. Den sich türmenden Wolkenmassen entgegen. Ein Sturm liegt in der Luft.
Als am Vorabend des Hurrikan Charlie die Entscheidung anstand, ob man es wagen könne, nach einem Auftritt in Atlanta die Rückfahrt in die Heimatstadt mitten durch das Hurrikan-Gebiet anzutreten, wurde der jugendliche Irrsinn der Mannen um Matt Heafy deutlich sichtbar: Die Mitglieder von Trivium, einer jungen und doch schon sagenhaft talentierten Formation aus Orlando, Florida, ließen sich von ihrer Hingabe zur Kunst extrem weit treiben. Anstatt den wütenden Naturgewalten das Feld zu überlassen, entschieden sie sich dafür, die Erwartungen ihrer Fans nicht zu enttäuschen: Um die Show am nächsten Tag in ihrer Heimatstadt spielen zu können, entschlossen sie sich - allen gut gemeinten Warnungen zum Trotz - die Fahrt anzutreten.
"We drove a van with a trailer right through the eye of the hurricane," so der 18-jährige Sänger und Gitarrist Matt Heafy. "[Drummer] Travis [Smith] drove the whole way and he was like Tom Cruise in 'Mission: Impossible' or something. He just kept going and we made it for the show."
Selbigen Willen zum Musizieren, komme was wolle und ihre ungebremste Spielfreude wirft konsequenterweise auch lange Schatten auf das Privatleben: "We all live for this band. We wake up, practice a little bit on our own and then go to band practice and play for hours and hours. That's all we do, and all we want to do for the rest of our lives." beschreibt Sänger Matt Heafy den Bandalltag.
Doch man erliege nicht dem Irrtum, es hier mit einer Bande von ungestümen Jungspunden zu tun zu haben, deren Fokus sich auf den eigenen Tellerrand beschränkt. Die Intelligenz und Reife der Anfang 20er wird schon bei näherer Betrachtung des Bandnamens deutlich: 2000 gegründet, benannte man sich nach dem lateinischen Ausdruck für die Schnittmenge der drei sprachlichen Fächer der sieben Freien Künste: Grammatik, Rhetorik und Dialektik. Somit sollte zum einen ihre Offenheit gegenüber anderen Stilen und zugleich die Summe ihrer unterschiedlichen Einflüsse ausgedrückt werden.
Auch die Themen, welche Sänger Matt Heafy textlich beleuchtet, rangierten schon auf ihrem Debütalbum "Ember To Inferno" (Lifeforce, 2003) von romantischer Desillusionierung bis zu Kindesmissbrauch und gehen auf dem neuen Album "Ascendancy" noch einen Schritt weiter: Missbrauch in der Ehe, Depression, Tyrannei und Redefreiheit werden thematisiert. Sujets, über die offen gesprochen werden sollte, um sie fassen zu können: "I've found that when you have a negative aspect in your life, you can find so much negativity in other people's lives around you, and in the world. For me, it's good to write about the negativity to get some of it out of my system." so Heafy.
In den folgenden beiden Jahren nach ihrer Gründung schliffen die Mannen um Matt Heafy ihren Sound einem Diamanten gleich zur Perfektion und 2002 wurde ihnen somit bereits die erste Ehrerbietung zuteil: Heafy gewann den Best Metal Guitarist Award der Orlando Metal Awards Verleihung!
2003 wurde das erste Demoband aufgenommen, mit dem der Deal mit Lifeforce eingetütet werden konnte und bereits damals konnten sie mit innovativen Ideen und dem Können, unterschiedlichste Metalstile zu verbinden, verblüffen. So waren nur noch die üblichen Line-up-Wechsel zu vollziehen, die eine junge Band recht häufig benötigt, um mit den richtigen Menschen den eingeschlagenen Weg weiterverfolgen zu können. Gitarrist Corey Beaulieu fand scheinbar schlafwandlerisch seinen Weg zu Trivium, wo er durch seine brettharten Riffs eine wunderbare Ergänzung zu Heafys präzisem Spiel wurde. Einen passenden Bassisten zu finden, war allerdings nicht ganz so einfach, doch konnte man mit Paolo Gregoletto schlußendlich einen Mann verpflichten, welcher bereits mit Iron Maiden - Drummer Nicko McBrain gejammed hatte und seine eigene Band für Trivium verließ.
"Ascendancy" belebt die guten alten Zeiten des 80er und 90er Thrash, sowie die "glory days" von Metallica, Slayer und Testament wieder. Elemente des Melodic Death Metals und sogar Prog-Rock-Soli finden ihren Weg in die Songstrukturen und treffen auf hardcore-eskes Shouting und melodiöse Gesangparts. "We had so much more to work with this time," so Sänger Heafy über das von Jason Suecof in den Audiohammer and Morrisound Studios produzierte Album. "I had great guitar sounds, Travis is playing like a machine and the vocals are so much more multi-dimensional."
An Entschlussfreude, spielerischem Können, Charisma und Talent fehlt es unseren Burschen keineswegs, was also bleibt zu sagen?
Möge der Sturm auch kommen, sie sind gewappnet!