Xandria gehören mittlerweile zu den ganz Großen der Gothic-Szene und präsentieren dieser Tage ein ordentliches Best-Of Album. Die CD enthält 20 remasterte Songs. zusätzlich einiger Songs, die es nie auf ein Album geschafft haben. Die DVD zeigt den kompletten Summerbreeze 2007Auftritt der Band, alle Videoclips und ein brandneues Interview.
Seit Lisa Middelhauve Ende April die Band verlassen hat, suchen die verbleibenden vier Mitglieder der Bielefelder Gothic Metaller nach einer neuen Frontfrau. Bis diese gefunden und neues Material entstanden ist, überbrücken sie die Zeit mit einem opulent ausgestatteten Doppelpack aus CD und DVD: Letztere enthält, schön aufgemacht, nicht nur einen Mitschnitt des Auftritts vom Summer Breeze-Festival 2007, sondern auch Clips über Bandhistorie und Studioarbeit. Auf der CD sind Hits aus allen vier Alben vertreten, vom überraschend erfolgreichen Debut "Kill the sun" bis zum reifen 2007er Album "Salome – The seventh veil". Dabei fällt auf, welche Kraft Tracks wie "Kill the sun" noch immer besitzen, aber auch, wie weit sich die Band von den Anfängen bis zum komplex-exotischen "India" oder dem kraftvollen "Firestorm" entwickelt hat. Das gelingt umso besser, als alle Tracks sorgfältig digital remastert wurden, was etwa dem epischen "Ravenheart" besonders zugute kommt. Daneben gibt es noch Rares ("Lullaby", "Drown in me") und bisher Unveröffentlichtes ("One word").
(Sonja Angerer / 18.06.2008)
Zum Kern vorgedrungen
Autor: Lothar Landt
(28.03.2007)
2003 haben Xandria mit ihrem Debutalbum "Kill the sun" einen Senkrechtstart hingelegt. Seitdem ist dem Quintett viel Aufmerksamkeit geschenkt worden, auch weil sich die Band stetig weiterentwickelt hat. Nun gibt es mit "Salomé - The seventh veil" den vierten Longplayer von Xandria. Grund genug sich mit Sängerin Lisa zu unterhalten.
"Es ist alles ganz anders gelaufen als erwartet. ‚India’ wurde von José Alvarez-Brill produziert, der immer schnell ins Detail gegangen ist und alle Einzelheiten perfektionistisch ausgearbeitet hat. Diesmal haben wir selbst produziert, unter der Leitung von Marco (Gitarre). Wir haben sehr natürlich gearbeitet und oft lange Takes gemacht und auch aufs Album genommen. Und es war natürlich doppelt spannend, da wir für alles selbst die Verantwortung tragen. Da ist man auf das Feedback von außen natürlich noch mehr gespannt." Die Vorgehensweise funktioniert, denn "Salomé - The seventh veil" klingt knackig, frisch und auf den Punkt gebracht, was aber auch am sehr guten Songwriting liegt. Der Albumtitel lässt ein Konzeptalbum vermuten, was aber nicht stimmt. "Es ist allenfalls ein Minikonzept, aber kein Konzeptalbum", erklärt Lisa. "Ich habe den Text geschrieben, aber der ist eher eine Metapher. Ich mag zwar dieses Femme Fatal Bild von Salomé, aber es geht eher um die Fallstricke im Musikbiz. Salomé hat sieben Schleier, die einer nach dem anderen gelüftet werden. Der erste ist die Illusion, denn vieles ist anders, als ursprünglich gedacht. Der zweite ist die Unschuld, die man in diesem Geschäft schnell verliert. Es geht aber auch um Würde, Stolz, Freiheit, die Möglichkeit umzukehren und einen selbst. Etwas Verschleiertes kann man nicht erkennen. Wenn die Schleier aber weg sind, sieht man den Kern, so wie jetzt bei uns auf diesem Album. Wir sind mit ,Salomé - The seventh veil’ bei dem Ziel angekommen, das wir mit ,India’ gesucht haben." Die Erwartungen, die Lisa angesprochen hat, sind nicht alle erfüllt worden. "Ja, meine Erwartung war, dass wir nach einem Jahr mit Plattenvertrag total berühmt sind, viele Fans, sofort reich sind und alles problemlos läuft", lacht sie. "Lustige Vorstellung, aber wir haben einen tatsächlich für uns unglaublichen Erfolg, für den wir mit vielen Helfern hart gearbeitet haben. Dadurch ist der Erfolg aber viel schöner, denn er ist erarbeitet. Wir sind kein Kurzzeitphänomen oder Trendreiter im Bereich Gothic mit Frauengesang. Beim Debut gab es viele Vorschusslorbeeren, das hat uns fast überfordert. Wir sind aus dem Proberaum zum Plattenvertrag gekommen, und plötzlich erwarten alle, dass du professionell bist. Das ist sehr schwer. Aber wir haben da viel an uns gearbeitet, sind live besser denn je." Auch mit den Fans haben Xandria heute mehr Kontakt. Neben ihrer eigenen Homepage und einer Myspace-Seite betreiben sie auch ein Forum im Royal Artist Club (http://www.royalartistclub.com/xandria/). "Diese Technologien sind total spannend. Wir sind regelmäßig im Fan-Forum anzutreffen. Den Royal Artist Club nutzen wir vor allem für Bilder. Das finde ich toll, da ich nebenbei in einem Fotostudio arbeite. Ich finde den Kontakt zu Fans total wichtig und bin sehr froh, dass wir heute als Musiker solche Möglichkeiten haben.
Ein Hauch vom Zauber des Orients, eine fein dosierte Prise Verruchtheit und das Versprechen eines am Ende enthüllten Geheimnisses – das alles schwingt mit, wo vom Tanz mit sieben Schleiern die Rede ist, ganz gleich ob er wie im Titel des neuen Xandria Opus "Salomé – The Seventh Veil" mit der Tochter der Herodias oder mit ihren sagenumwobenen Vorgängerinnen in Verbindung gebracht wird. Schon die persische Göttin Ishtar soll ihn ausgeführt haben, um ihren Mann Tammuz aus der Unterwelt zurück zu rufen. Sieben Schleier müssen fallen, ehe sich ihr Wunsch erfüllt. Auch Isis wird mit der siebenfachen Enthüllung in Verbindung gebracht. Und heißt nicht bereits auf dem 2003 erschienenen Xandria-Debüt "Kill The Sun" einer der Titel "Isis/Osiris"? Ein gewisses Faible für Mythen mit exotischem Flair, soviel steht fest, ist der Band um Sängerin Lisa Middelhauve seit jeher zu Eigen.
Auch als die Bielefelder ein Jahr später auf den von keltischen Winden getragenen schwarzen Schwingen von "Ravenheart" die Albumcharts ansteuern, ist das Mystische ihr Begleiter. Ganze zwei Monate tummeln sie sich in den Charts, klettern bis auf Platz 36 und verzaubern mit dem Fantasy-Clip zum Titelsong eine wachsende Fangemeinde. Touren und Festivalauftritte folgen. Gastspiele in Süd-Korea inklusive. Xandria sind endgültig in der Spitzengruppe heimischer Gothic Acts angekommen. Doch statt es sich nun im Rabennest bequem zu machen und das einmal gefundene Erfolgsrezept ein weiteres Mal aufzukochen, wagt sich das Quintett mit seinem dritten Longplayer "India" auf neues Terrain. Ob im Titelsong, einer orchestral umspielten Uptemponummer in bester Nightwish-Tradition, oder in poppigen, mit orientalischem Gesang angereicherten Ausflügen ins stilistische Umland – die Band zeigt sich selbstsicher, gereift und entschlossen, ihr emotionsgeladenes Gegenangebot zum tristen Alltag ohne stilistische Selbstzensur auszureizen – sei es durch die Zusammenarbeit mit dem Filmorchester Babelsberg, das für ein gerüttelt Maß an quasi-cineastischem Bombast sorgt oder durch die stärkere Konzentration auf jenen rockenden Gitarrensound, der auf den Konzerten des Fünfers zu hören ist.
Mit "Salomé – The Seventh Veil", dass unter Leitung von Gitarrist Marco Heubaum gemeinsam mit der Band produziert wurde, enthüllen Xandria nun weitere überraschende Facetten, ohne dabei den roten Faden ihres bisherigen Schaffens aus dem Blick zu verlieren.
Wer sich im orientalischen Tanz üben kann, dem sei dringend zu "Sisters Of The Light" mit seinen vorderasiatischen Pop-Anleihen geraten. "Vampire" oder "Emotional Man" hingegen tönen gleichermaßen vehement und verführerisch aus den Boxen und vereinen zwischen drückenden Gitarren und packenden Melodien alle Stärken der Vorgängeralben. Letzteres wird (ebenso wie "Only For The Stars In Your Eyes") zusätzlich durch die Vocals von Gastsänger Mika Tauriainen (Entwine) bereichert. Apropos Vocals: Lisa nutzt nun auch verstärkt die tieferen Lagen ihrer Stimme, was die Ausdruckspalette der neuen Xandria-Songs nochmals entscheidend erweitert. Die kraftvolle Performance bringt zarte Momente wie die anrührende Pianoballade "The Wind And The Ocean" durch Kontrastierung noch stärker zur Geltung.
Am Ende sind es genau genommen nicht sieben, sondern gleich zwölf Schleier, die auf "Salomé – The Seventh Veil" Song für Song ablegt werden. Jeder gibt den Blick auf die Band frei – so wie sie ist. Und jedes Mal ist sie anders. Ihr Geheimnis bleibt dabei dennoch gewahrt. Der Herzenswunsch aber, zwei Jahre nach "India" ein neues hochkarätiges Album aus dem Hause Xandria in Händen zu halten, das einmal mehr den Aufbruch aus dem gewohnten Trott in wohltuende musikalische Welten erlaubt, ist mit diesem vierten Release zweifelsfrei in Erfüllung gegangen.