Für ihr neues "Werk 80 II" griffen die langjährig aktiven Schwaben Atrocity wieder ganz tief in die Hitparaden-Mottenkiste der guten alten ’80er. Frontmann und Haarmonster Alex Krull und seine treue Musikermannschaft liefern damit den lange überfälligen Nachfolger zum 1997 erschienenen erfolgreichen ersten Teil dieser Edition. Wo also "Werk 80" schon damals mutig ansetzte, genau da macht der neue Langspieler des vielseitigen Quintetts weiter: Unvergessene Pop-Klassiker von Interpreten wie beispielsweise Depeche Mode, Bronski Beat, Frankie Goes To Hollywood, Simple Minds oder auch Icehouse werden im ureigenen düster-ästhetischen Atrocity-Stil schwermetallisch reizvoll umgesetzt. Intensiver und emotional abgedunkelter gehen Alex & Co. dabei vor, was aus den "Werk 80 II"-Nummern richtig mächtige Versionen der Originale macht.
"Im Endspurt zur Fertigstellung der aktuellen Platte waren wir schon ganz schön von Hektik geplagt, aber letztlich wurde glücklicher Weise alles doch noch so wie wir es uns vorgestellt hatten. Eigentlich wäre die neue Atrocity-Scheibe ja schon viel früher erschienen, doch aufgrund unserer jüngsten umfangreichen Live-Aktivitäten mit Atrocity und Leaves’ Eyes im Doppelpack verzögerte sich das Ganze doch um einige Zeit", lässt uns Alex in bester Laune und dabei wie immer recht redefreudig zu Beginn wissen. Aus Erfahrung heraus meißelte sich die Band daher ganz bewusst kein definitives Datum in den Terminkalender, wann der Tonträger fertig gestellt zu sein hatte. Ganz im Gegenteil, so Alex: "In diesem Punkt gingen wir gezielt nach einer eher lockeren Prämisse vor, und hielten uns alle nötigen Zeitpuffer frei. Eigentlich war es schon vor circa einem Jahr geplant, für Werk 80 II’ ins Studio zu gehen, aber dann kam uns wieder die US-Tour mit Blind Guardian dazwischen, welche wir verständlicher Weise nicht sausen lassen wollten. Ich bin mir bei allem aber durchaus bewusst, dass wir den zweiten Teil schon des Öfteren angekündigt hatten, was den verantwortlichen Leuten unserer Plattenfirma und auch nicht wenigen unserer Fans wohl einige graue Haare sprießen ließ – doch für uns zählt primär ganz einfach nur die Qualität des Materials sowie der damit verbundenen Aufnahmen, und da wird eben nicht gehudelt. Zeitlos soll es sein, und das dauert eben auch seine Zeit", gibt mir der enorm langhaarige Hüne mit einem erneuten lauthals ausgestoßenen Lachen zu verstehen. Apropos, Zeit – wie Alex dazu noch erfreut anmerkt, ist diese inhaltlich programmatische Angelegenheit namens "Werk 80" in gewissen Kreisen mittlerweile schon zur Marke avanciert: "Ja, darüber denke ich oft nach – ursprünglich war es ja unsere tragende künstlerische Intention, damit den Leuten ihre schönsten Erinnerungen an die Pop-Zeit der ’80er wieder näher zu bringen. Jetzt hat sich das Ganze unerwartet aber derart entwickelt, dass vor allem die jüngeren Werk 80’-Hörer damit ihre beste Zeit der letzten zehn Jahre bis heute verbinden. Letztlich bin ich also nicht wenig froh darüber, dass wir doch so lange mit dem zweiten Teil gewartet haben." In der Tat, ein nicht wenig amüsanter Fakt, darin waren wir zwei uns einig. Nicht wenige Fans, Bekannte und auch enge Freunde rieten dem Frontmann und Studiobetreiber damals, eine Sache wie "Werk 80" bloß nicht anzufangen. Alex resümiert: "Ihr seid ja vollkommen verrückt, das kann niemals funktionieren! Das war der überwiegende Grundtenor der Leute dazu. Uns war das jedoch weitgehend egal, wir zogen unser Ding durch. Der Erfolg gab uns am Ende Recht."
Atrocity
Soundtrack ohne Film
von: Sonja Angerer
vom: 19 April 2004
Wie ein Soundtrack ohne Film, so charakterisiert Sänger und Produzent Alexander
Krull das neue Atrocity-Werk "Atlantis". Mit dem Konzeptalbum behandelt
die Band ein Thema, das ihm schon seit Jahren im Kopf herumspukt.
"Als ich 18 war, hatte ich eine Freundin, deren Stiefmutter behauptete, ein
Nachkomme der Atlantier zu sein. Das ist gar nicht so ungewöhnlich, es gibt
eine Reihe von Leuten, die so was glauben. Deshalb habe ich damals versucht,
herauszufinden, wie man auf so etwas kommt. Seitdem beschäftigt mich das Thema
immer wieder - mal mehr, mal weniger. Als wir mit der Konzeption des Albums
begannen, waren schon einige sehr düstere Ideen vorhanden. Ich hielt die Gelegenheit
für günstig, endlich das Atlantis-Album zu machen, und stellte der Band
ein Konzept vor, das begeistert angenommen wurde",
erklärt er. Rund dreieinhalb Jahre sind vergangen, seit der Vorgänger "Gemini"
auf den Markt gekommen ist. Doch die lange Produktionszeit lag nicht nur an
der Komplexität des Themas.
"Zum einen hatte der Gitarrist Thorsten Bauer die Band für ein Jahr
aus persönliche Gründen verlassen. Mit seinem Nachfolger Sebastian Schult
hatten wir schon eine Reihe Songs für das neue Album geschrieben. Doch Thorsten
hinterließ ein großes Loch, er gehörte dem Line-up ja zuvor sieben oder acht
Jahre an. Der persönliche Kontakt ist nie abgerissen. Als er schließlich in
die Band zurückkam, war wieder diese Ausgeglichenheit da, das wirklich schöne
Bandfeeling, das so wichtig ist, wenn man kreativ zusammenarbeitet. Nichts gegen
Sebastian, doch wir haben nicht hundertprozentig harmoniert. Und deshalb
empfand ich es als unfair, die mit ihm geschriebenen Songs für das Album zu
verwenden, und wir fingen mit Thorsten zusammen noch einmal komplett
neu an. Weitere Verzögerungen entstanden dadurch, dass wir unsere eigenen Mastersound-Studios
komplett neu aufbauen mussten. Das war schön, hat aber viel Zeit gekostet."
Da fällt es kaum mehr ins Gewicht, dass "Atlantis" nicht wie der
Vorgänger bei Motor Music, sondern bei Napalm Records erscheint,
eine Folge, so Alex, der unbefriedigenden Vertriebssituation bei Motor
Music im nicht-deutschsprachigen Ausland. Seit "Gemini" hat sich
auch in seinem Privatleben einiges getan: Er ist Vater eines kleinen Sohns,
den seine Ehefrau Liv Kristine Espanes (ex-Theatre Of Tragedy)
am 18. Dezember unmittelbar nach dem Ende der Produktion ihres eigenen Albums
"Lovelorn" zur Welt brachte. Möglicherweise ist es eine Folge all dieser
Veränderungen, dass sich "Atlantis" eher wieder den Black Metal-Wurzeln
der Band annähert, wenn auch in sehr opulenten Songs. Die Elektroniktendenzen
von "Werk 80" und "Gemini" haben dagegen vor allem in atmosphärischen
Zwischensequenzen überlebt.
"Atrocity ist alles andere als die typische Heavy Metal-Band. Wir waren
schon immer im Sound recht wandelbar. Die Beatles oder Pink Floyd
haben auch immer wieder Alben gemacht, die sich sehr stark voneinander unterschieden.
Eine aktuelleres Beispiel sind Laibach - in jeder anderen Musikart scheint
Wandelbarkeit kein Problem zu sein. ,Gemini' war ein sehr rhythmusorientiertes
Werk, sexy, es ging um erotische Träume und dunkle Erotik. Das Themenalbum 'Atlantis'
ist etwas völlig anderes, eine großartige Geschichte mit großartigem Hintergrund.
Dazu passt der ganze Bombast, und auch die raue Härte, mit dem wir die Tracks
umsetzen."
Ein Teil der Stücke entstand während seiner Hochzeitsreise nach Irland -
kein Zufall, wie Alex erzählt:
"In Irland gibt es eine alte Legende, dass die Kelten von einem 'gläsernen
Volk' aus dem Westen angegriffen worden seinen. Ich bezweifle stark, dass
die Angreifer aus Amerika kamen. Es gibt auf der ganzen Welt in vielen unterschiedlichen
Kulturen Mythen über eine große Sintflut. Darüber gibt es eine ganze Reihe sehr
kontroverser Erklärungen, die zu uns musikalisch absolut harmonieren. Viele
Leute glauben ja, dass okkultes Wissen ganz andere Zeitepochen umfasst und möglicherweise
auf Atlantis zurückgeht. Das hat mich sehr gereizt. Sollte es Atlantis
gegeben haben, war es ein sehr gewalttätiges Imperium, das seinen Nachbarn absolut
überlegen war. In einem gewaltigen Kampf, den wir mit 'Clash of titans'
abzubilden versuchen, werden sie von den anderen Völkern zurückgeschlagen. Eine
'Strafe der Götter', heute vermutet man, dass es sich um einen Asteroideneinschlag
gehandelt hat, vernichtet schließlich ihren Kontinent. Die Überlebenden suchten
mit Booten eine neue Heimat. In 'Sunken paradies' habe ich diese Szene
ausgemalt. Das ist eine sehr traurige, apokalyptische Vision, die durchaus Parallelen
zu Gegenwart hat. Die Kaugummi-Hollywood-Form von Atlantis als 'Goldenem
Zeitalter' sehe ich dagegen nicht. Wenn es eine solche Zeit gegeben haben
sollte, war sicher für die Bevölkerung sehr hart - nur die zehn atlantischen
Könige dürften im Luxus gelebt haben. Trotzdem ist es durchaus möglich, dass
Atlantis auch die Vorlage für das christliche Paradies lieferte. Wir
haben versucht das Thema sehr differenziert darzustellen, das Album enthält
harte, metallische Endzeitvisionen wie 'Apocalypse' genauso wie das nachdenkliche
'Cold black days', eine Klage über die schlechten Zeiten."
Besonders mag Alex derzeit den Opener "Reich of Phenomena",
"da geht es voll auf die Zwölf",
grinst er,
"so stelle ich mir Atlantis vor - dieses raue und brutal starke".
Fans, die sich mit dem komplexen Thema "Atlantis" noch nicht eingehend
beschäftigt haben, erwartete ein ganz besonderer Leckerbissen: Die CD bietet
einen umfangreichen Multimediateil. Er entstand zusammen mit Daniel Fleck,
der auch die Webseite Atlantia (www.atlantia.de) betreut und als
Experte auf diesem Gebiet gilt. Im Multimediateil findet man nicht nur alle
Texte und eine Fülle von Hintergrundmaterial, sondern auch einen Computerfont
für und PC und Mac, der die atlantischen Schriftzeichen darstellen soll. Alex
gibt sich überzeugt:
"Ich will den Leuten einfach mehr geben als eine neue Platte mit Liedern drauf."
Das allerdings ist ihnen mit "Atlantis" gelungen.