Auf eine erleuchtende Gemütserhellung durch "Nordlys", übersetzt "Nordlichter", hatten die Anhänger dieser deutsch/norwegischen Folk Metal-Band lange zu warten. Doch nun endlich ist das neue Studioalbum der emotionalen Mystiker im Kasten – und Midnattsol erweisen sich als ambitionierte Formation, welche an ihren edlen musikalischen Idealen festhält. Gerne ließ ich mich mit Bassistin Birgit Öllbrunner und auf ein Gespräch zum neuen Sehnsuchtswerk ein – da durfte auch Sängerin Carmen Elise Espenaes, die jüngere Schwester von Liv Kristine Espenaes Krull, nicht fehlen.
Drei Jahre Veröffentlichungspause sind eine lange Zeit. Erst recht für eine relativ neue Gruppe wie Midnattsol. Wie Birgit in diesem Zusammenhang resümiert, musste die Band eine recht lange Pause einlegen, da fünf von sechs Bandmitgliedern ihr Studium beendet haben – und natürlich auch nicht alle zur gleichen Zeit sondern immer um einige Wochen oder Monate versetzt. "Das war eine harte Zeit für uns, denn eigentlich wollten wir nach der letzten Platte und den folgenden Konzerten Vollgas geben, aber man schmeißt auch nicht einfach so ein circa sechsjähriges Studium kurz vor Schluss über den Haufen. Zudem waren wir nach der Veröffentlichung und dem überraschendem Erfolg von ,Where twilight dwells’ erstmal vollkommen mit Live-Aktivitäten beschäftigt, so dass hier nicht viel Zeit fürs Songwriting blieb." Die Lieder von "Nordlys" sind verspielter und vielschichtiger als zuvor, so Birgt. "Die neuen Songs sind voll von schönen Melodien, die sich oft erst nach mehreren Durchgängen erschließen. Eine Platte ist in meinen Augen dann gut, wenn ich sie auch noch nach dem 112ten Mal hören gut finde und vielleicht auch immer besser finde." Carmen dazu: "Midnattsol hat absolut keine Idealband als unbedingtes Vorbild, sondern es ist mehr unsichtbar in uns drin. Wir haben natürlich alle jeweilige Lieblingsbands und solche, die wir bewundern, doch diese bewirken nur indirekten Einfluss. Das, was wir sehr gut finden, ist, dass alle bei uns diese verschiedenen indirekten Einflüsse ineinander fließen lassen – genau das führt dazu, dass man verschiedene Richtungen heraushören kann. Dieser Mix macht etwas Interessantes aus bei uns. Andere unserer Inspirationen sind persönliche Gefühle, Stimmungen, Erlebnisse sowie Erfahrungen, und, nicht zu vergessen die nordische Natur, Kultur und Sprache."
Midnattsol
Tanz der Schatten
von: Markus Wosgien
vom: Januar 2005
Feen und Trolle begegnen sich und begleiten einen auf dieser Reise durch die verborgenen Wälder des Nordens
Es heißt, dass die Zeit der Mitternachtssonne diejenige ist, in der hinter skandinavischen Öfen die meisten Geschichten erzählt werden und eine geheimnisvolle Stimmung herrscht. Jede Menge Mythen und Sagen finden sich auf dem grandiosen Erstlingswerk von Midnattsol wieder, deren Magie sich ebenso schnell verbreitet und einen auf fantastische Weise in andere Welten versetzt. Feen und Trolle begegnen sich und begleiten einen auf dieser Reise durch die verborgenen Wälder des Nordens. Carmen Elise Espenaes's Stimme verzaubert einen jeden und schafft es der jungen Band einen enormen Impuls zu verleihen.
"Where twilight dwells" ist ein Opus voller Mystik und Magie, von einem fesselnden Spirit durchzogen, der ein unbeschreibliches Feeling kreiert.
"Ich denke die Bezeichnung Nordic Folk Metal beschreibt unsere Art Musik zu spielen ganz treffend und wurde von uns natürlich nicht umsonst gewählt",
berichtet Christian Hector, der neben der Gitarre und noch auf der Maultrommel musizierte. Dabei reicht ihr Schaffen vom melodischen Black Metal bis hin zu düsterem Gothic, stets mit Folk Elementen angereichert.
"Was uns bei Midnattsol verbindet, ist die Vorliebe für große aber einfache Melodien. Keine Musik setzt so sehr auf zeitlose Melodien wie Folk. Nimm beispielsweise Amorphis' mit deren frühen Alben wie 'Tales from a thousand lakes' oder 'Elegy'. Unsere Songs haben mit der Zeit eine Art Eigendynamik entwickelt und es macht unheimlich Spaß sich auf das Abenteuer der Entstehung neuer Songs einzulassen. Im Metal-Bereich sollten die Kompositionen nicht planbar sein, da es für mich nichts Schlimmeres als konstruierte und vorhersehbare Musik gibt."
Dem setzen sich Midnattsol hörbar entgegen, auf jeder der elf Nummern gibt es Unmengen zu entdecken und zu erleben.
Das Besondere an Midnattsol ist zudem ihre komplexe Einheit aus Musik, Text, Konzept und Image. Man taucht in eine perfekte Harmonie ein, aus der die Liebe zum Detail und die Überzeugung dahinter, spürbar ist.
"Die größte Inspiration Musik zu schreiben ist für mich mit Erinnerungen an Aufenthalte in Småland und Lappland verbunden. Seit ich in diesem Jahr mit eigenen Augen die Mitternachtssonne auf den menschenleeren Seen-Inseln erlebt habe, spuken mir solche Bilder ständig im Kopf herum. Die Faszination liegt möglicherweise in der Verquickung der Realität mit märchenhaften Geschichten. Ich fliehe manchmal ganz gern in meine teilweise ziemlich strange Gedankenwelt, um mit bestimmten Dingen klar zu kommen, oder mich von Problemen abzulenken bevor ich sie löse. Es tut manchmal einfach gut jemand anderes zu sein."
Zwei Drittel der Band musizierte schon einige Jahre unter dem Namen Penetralia, doch durch den Kontakt zu Sängerin Carmen Elise Espanaes entstanden neue Visionen und Ideen, wie Christian erzählt.
"Carmen hat die Arbeit insofern verändert, dass sie mit ihren Gesangsmelodien das Schreiben der Songs maßgeblich beeinflusst. Heutzutage ist es für mich nicht mehr wichtig, wie kompliziert ein Riff ist, oder wie schnell die Drums prügeln. Der Song an sich ist alles was zählt. Jeder in der Band bringt ein Quäntchen des Ganzen mit ein und wie sagt man so schön, das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile."
Mit Carmen haben Midnattsol eine charismatische Sängerin an der Front, welche die Stilistik entscheidend prägt.
"Carmen ist voll und ganz Norwegerin",
beschreibt Christian seine Sängerin.
"Sie ist extrem zuvorkommend, bedankt sich und entschuldigt sich sehr oft und mit ihrem Mix aus den unterschiedlichsten Sprachen, sorgt sie oft für sehr nette zweideutige Redewendungen. Wenn sie trinkt, dann trinkt sie ihren Landsmannen angemessen",
schiebt der Gitarrist mit einem Schmunzeln hinterher.
Wer es märchenhaft, mystisch und dennoch metallisch liebt, der wird Midnattsol schnell ins Herz schließen.
"Where twilight dwells" ist ein erstklassiges Album, das Midnattsol garantiert schnell nach ganz oben bringen wird.