Endlich beendet "Downburst" die längste Auszeit, die sich die deutschen Power-Metaller seit ihrem Debut "Hungry" gegönnt haben. Die liebevolle Wiederveröffentlichung eben dieses Erstlings und des Nachfolgers "Unholy" sowie die "Honey from the b's" Doppel-DVD versüßen die Wartezeit für die Fans. Jetzt stehen alle Zeichen auf Sturm. Brainstorm wollen sich mit ihrem siebten Album auch ein stückweit neu erfinden. Deutsche Texte, wie auf der einzigen Veröffentlichung ihrer Namensvettern aus den Achtzigern ("Overkill" Mini-LP, Wishbone), bleiben dabei weiterhin tabu. "Wegen der Aussprache assoziiert man Metal und deutsche Texte immer mit Rammstein, sonst hat das auch bei keiner Band funktioniert", winkt Andy B. Franck ab, "Im Studio muss ich als Sänger auch immer überbetonen. Die deutsche Sprache ist sehr hart, englisch oder französisch sind weicher. Lange Rede, kurzer Unsinn: Richtig Bock drauf hätte ich nicht." Mit seiner Gesangsstimme ist der ehemalige Ivanhoe-Vokalist, der mit Symphorce noch ein weiteres Eisen schmiedet, zufrieden. "Die Zwischenteile auf der DVD mit den Ansagen von mir oder die History, bei der ich erzähle – damit hab ich eher ein Problem", bekennt er. "Wenn ich im Studio Aufnahmen von mir ohne Musik höre, dann entdecke ich Fehler besser. Ich habe auch nie großartig Effekte oder etwa Pitch auf der Stimme, und kann alles zu 80% bis 90% so singen wie auf CD. Die DVD ist diesbezüglich z. B. nicht nachbearbeitet. Im Pop-Bereich denkt man oft wenn das Playback weg ist: Gute Nacht!" Nachdem "Ambiguity", Andys 2000er Einstiegsalbum bei Brainstorm, nur in den Gate Studios gemixt wurde, haben die Süddeutschen nun komplett auf die renommierte Tonschmiede gesetzt. "Es war für uns wichtig, mal nicht vor Haus und Hof zu produzieren, daheim zu schlafen und morgens vorher den Müll runterzubringen. Ein Song wurde erst freigegeben, wenn alle in der Band zu 100% zufrieden waren. Der Schritt zwischen ,Liquid monster' und ,Downburst' ist größer als zwischen den Vorgängeralben", betont Andy, "Wir sind mit 13 fertigen Songs hoch gefahren und haben dann mit den Jungs noch mal umarrangiert, neue Teile geschrieben, verändert." Mit "How do you feel" haben die Herren einen zweiten Single-Kandidaten in der Hinterhand. "Es ist wichtig, nicht erneut einen charakteristisch ähnlichen Song wie ,All those words' als erste Single auszuwählen, um den Fans zu zeigen, dass wir auch auf die Glocke geben und nicht auf den Kommerz schielen. ‚Fire walk with me' ist ein Banger – und in den kalten Tagen braucht man was Warmes für den Nacken." Brainstorm – die Vorreiter des Meteorologen Metal? "Der Begriff ,Downburst' bezeichnet eine Fallböe, die bei Gewitter und orkanartigem Wetter runtergeht und für verheerende Schäden sorgen kann", doziert der ehemalige Dauerwellen- und Ponyträger, "Das ist vergleichbar mit der Intensität eines Hurrikan: Nicht so lang, aber kurz und heftig." Eine vortreffliche Kurzbeschreibung des mit Death Metal-Growls angereicherten Bonustracks "Crawling in chains".
Gut Ding will Weile haben, sagt nicht nur der Volksmund. Das Motto gilt
auch als Philosophie für die süddeutsche Power-Metal-Band Brainstorm.
Vier Alben lang hatten die Mannen um Sänger Andy B. Franck immerhin die
Muße und Geduld, um ihr Flaggschiff für internationale Herausforderungen zu
trimmen. Mit dem vorherigen Album "Metus mortis" zeigte die Gruppe bereits,
dass das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist. Ihr neues Album
heißt "Soul temptation" und überzeugt erneut durch kraftvolle Rhythmen,
eingängige Melodien und eine superbe Produktion. Wir unterhielten uns ausführlich
mit Chef und Gitarrist Thorsten Ihlenfeld, auch über die künftigen Pläne
der Schwaben. Thorsten, noch in guter Erinnerung geblieben sind uns eure Touraktivitäten
im vergangenen Jahr mit Grave Digger. Jetzt bereits steht euer fünftes
Album in den Plattenläden. Kennt ihr keine Erschöpfung?
"Nein, die Tour mit Grave Digger im vergangenen Frühjahr erstreckte
sich zwar über drei Monate, bestand aber insgesamt nur aus 24 Shows. Das ermüdet
nicht so leicht. Im Sommer kamen dann ja nur noch einige Festivals in Deutschland,
Spanien und Griechenland hinzu."
Seid ihr mit den Verkaufszahlen von "Metus mortis" zufrieden?
"Ja, unbedingt. Wir haben uns vom Debut bis zur vierten Scheibe jedes Mal steigern
können. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Spanien, Skandinavien und
Japan. Ich tippe, dass wir mit der ,Metus mortis' insgesamt bei etwa
20.000 verkaufter Tonträger gelandet sind. Kein schlechter Wert für eine deutsche
Band in diesen schweren Zeiten."
Euer neues Album "Soul temptation" hat für meinen Geschmack stärkere
Progressive Metal-Anteile. Würdest du mir zustimmen?
"Progressiv ist meines Erachtens das falsche Wort, denn wir setzen ja nicht
so sehr auf technische Frickeleien. Ich denke, die neue Scheibe klingt vielseitiger
bzw. abwechslungsreicher. Es ist halt eher vergleichbar mit Queensryche
oder Savatage, bei denen auch immer der Song im Vordergrund steht, speziell
die Melodie, irgendein interessantes Riff oder eine packende Hookline."
Aber es gibt dennoch hörbare Unterschiede zum Vorgänger "Metus mortis",
oder? Die atmosphärischeren Sounds auf "Soul temptation" gab es auf der letzten
Scheibe nicht dermaßen offensichtlich.
"Ja, das mag stimmen. ,Metus mortis' war insgesamt wohl etwas schneller,
während ,Soul temptation' auch den einen oder anderen stimmungsvollen
Song im Midtempo-Bereich hat. Allerdings passierte das alles auf ganz natürliche
Art und Weise und nicht aus irgendeinem kommerziellen Kalkül. Es gab für uns
keine konkreten Vorgaben, alles sollte komplett aus dem Bauch heraus passieren.
Das einzige Ziel war es, die Trilogie hinzubekommen."
Wie habt ihr komponiert? Als gesamte Band? In kleinen Teams oder sogar jeder
für sich?
"Sowohl als auch. Eine Menge der Gitarrenriffs stammen natürlich von mir und
von Milan (Loncaric, Gitarre, Anm. d. Verf.). Das war oftmals
die Grundlage, auf die wir aufbauen konnten. Wenn die ersten Sachen standen
und die Stücke konkretere Züge annahmen, haben wir begonnen, sie mit der gesamten
Band zu arrangieren. Insofern stecken Ideen und Vorschläge von allen Bandmitgliedern
in den Stücken."
Wie würdest du die typischen Brainstorm-Trademarks beschreiben?
"Ich denke, bei allen bisherigen fünf Scheiben sticht vor allem das harte Gitarrenriffing
im Zusammenspiel mit den Gesangsmelodien hervor. Aber es ist wie immer eine
reine Momentaufnahme unseres Schaffens. Das hat sich in der Vergangenheit Stück
für Stück verändert. Das wird auch in Zukunft sicherlich noch um die eine oder
andere Nuance geändert werden. Wie gesagt: Es ist kein am Reißbrett entstandener
Metal, sondern ein organisches Gebilde, das aus dem Bauch heraus funktioniert.
Und auch nur so, anders könnten wir gar nicht arbeiten."
Die Melodien stammen allein von eurem Sänger Andy?
"Ja, größtenteils. Wir komponieren und arrangieren zumeist erst den Song ohne
Gesang und schicken dann Demo-Aufnahmen zu Andy. Natürlich haben wir
dann schon einige Vorschläge für Melodien gemacht, aber die letztendliche Ausarbeitung
macht Andy selbst."
Musikalisch wird die auf den beiden Vorgängeralben begonnene Trilogie abgeschlossen?
"Genau. Der fiktive Held wurde ja in den beiden ersten Kapiteln verschleppt
und gefoltert. Jetzt ist er in dem Kerker angekommen, erliegt dort aber den
Reizen der Shiva. Zum Glück kann er sich im letzten Moment von der Shiva befreien,
als er merkt, dass seine Seele nur dem Leben von Shivas Vater geopfert werden
soll. Ein spannendes Ende, mal schauen, ob es irgendwann eine Fortsetzung gibt.
Allerdings: Aus der heutigen Sicht der Dinge schließt die Geschichte mit ,Soul
temptation' ab."
Fortsetzungen gibt es auf jeden Fall hinsichtlich eurer Touraktivitäten.
Habt ihr schon konkrete Pläne?
"Nein, dafür ist es noch etwas früh. Wir haben ja auf dem Blind Guardian-Festival
gespielt, ,Bang Your Head' wird ebenfalls mit uns stattfinden und dann
soll im Herbst eine Tournee folgen, möglicherweise als Co-Headlining. Allerdings:
Die kommende Helloween-Tour wäre natürlich auch sehr interessant für
uns, ebenso Kamelot."
Überrascht hat mich, dass auf den Promo-CDs die ersten Songs nur angespielt
beziehungsweise relativ früh wieder ausgeblendet werden. Habt ihr Probleme mit
der Musik-Piraterie? Oder was es der Vorschlag der Plattenfirma?
"Nein, es war eindeutig der Wunsch der Band. Wir haben das ja auch nur bei
einigen Stücken gemacht. Die zweite Hälfte des Albums ist auf den Promos ungekürzt
zu hören. Ich meine: Es ist doch für alle ein Problem geworden, dass eine noch
nicht veröffentlichte CD nahezu immer schon Wochen vor dem Erscheinungsdatum
im Internet auftaucht."
Fürchtet ihr um euer Geld oder ist das eher eine ideologische Frage?
"Beides. Natürlich geht den Musikern viel Geld verloren. Und das ist umso ärgerlicher,
da man momentan als Metaller sowieso auf verlorenem Posten steht. Aber es geht
auch darum, für die Fans das eigentliche Produkt interessanter zu erhalten.
Wer findet denn ein neues Album noch spannend, dass er bereits als MP3-File
in seinen Computer herunterladen konnte?"