Vor rund einem Jahr hat Tobias Sammet (Edguy) sein Projekt Avantasia in der Szene vorgestellt und damit einige Wellen geschlagen. Denn die ambitionierte Fantasy-Metal-Oper verweilte mehrere Wochen in den Charts und wurde ein überraschender Verkaufser...
Vor rund einem Jahr hat
Tobias Sammet (Edguy) sein Projekt
Avantasia in der Szene vorgestellt und damit einige Wellen geschlagen. Denn die ambitionierte Fantasy-Metal-Oper verweilte mehrere Wochen in den Charts und wurde ein überraschender Verkaufserfolg, ohne jedoch kommerziell zu sein. Vielmehr handelte es sich dabei um eine wohl gereifte künstlerische Idee, die der Sänger und Keyboarder abseits von
Edguy verwirklichte. Jetzt hat er, wie bereits beim ersten Teil angekündigt, die Fortsetzung dieser Oper - kurz
"Avantasia - The metal opera Pt. II" betitelt - nachgeschoben. Im Interview gibt sich
Tobias Sammet locker, als er anfängt von dem gelungenen Nachfolger zu erzählen.
"Ich muss mich selber erst mal wieder in die Geschichte rein denken, aber ich habe mir noch gar nicht überlegt, wie man die Geschichte effektiv kurz zusammen fassen kann", gesteht er, ist dies doch eines der ersten Interviews, die er anlässlich der Albumveröffentlichung gibt.
"Ich habe mir die Geschichte natürlich ausgedacht, aber einige der
Charaktere wie z. B. den Papst hat es wirklich gegeben. Und in Mainz ist es im Mittelalter bei der Hexenverfolgung wirklich rund gegangen, aber was im Land Avantasia passiert, ist natürlich Fiktion. Beim ersten Teil war die Geschichte ja schon detailliert aber auch kompliziert dargestellt. Bei dieser CD ist das nicht ganz so."
Die Komplexität der ersten CD wurde inhaltlich nicht, musikalisch aber sehr wohl, beibehalten. Zum Vergleich zieht Tobias Opern-König Wagner heran.
"Nimm Opern von Wagner wie den Nibelungenring, die sind nicht annähernd so detailliert beschrieben, da müssen sich die Hörer auch etwas dazu denken. Ich kann diesem Zwang, alles im Booklet zu erläutern, im zweiten Teil nicht nach kommen. Es sind auch viele Leute zu mir gekommen und haben gesagt, dass sie die Erläuterungen angefangen hätten zu lesen, sie es dann aber
aufgegeben hätten, weil es zu kompliziert wurde oder sie nicht so gut
Englisch konnten. Und das ist ja auch nicht Sinn der Sache. Es reicht völlig, dass die Leute die Stimmung der Story erfassen."
Auch wenn es sich bei Avantasia zum großen Teil um ein Fantasy-Konzept handelt, so ist inhaltlich doch ein Bezug zu realen
gesellschaftlichen Entwicklungen gegeben.
"Die Idee zur Story kam durch verschiedene Aspekte zustande. Einerseits habe ich mich damals sehr für Verschwörungstheorien interessiert, das tue ich heute auch noch. Wenn du weltpolitische Dinge beobachtest und versuchst die Zusammenhänge dahinter zu sehen, warum manche Sachen passieren, dann kann man auf die Idee kommen, dass das so ist, weil jemand ein Interesse daran hat", führt er aus.
"Du brauchst nur den Fernseher anmachen und sehen, was da läuft. Ich habe mir also nicht gedacht, ich möchte eine Geschichte erfinden, sondern hatte gewisse Fragen, die ich mir dann so quasi selber beantwortet habe. Und die Hintergründe habe ich mit historischen Fakten ausgefüllt und meiner eigenen Fiktion verwoben. Ich wurde oft gefragt, ob ich damit speziell die katholische Kirche irgendwie angreifen will, aber dem ist nicht so. Das ist nicht ausschließlich auf die Kirche gemünzt. Sie ist für mich eher ein
Pendant zur Presse heute. Es ist ein Mittel, Wissen willkürlich zu
kanalisieren und weiter zu geben an die Stellen, an die man das weiter geben will und Wissen auch zu portionieren, damit der obersten Instanz nicht Schaden kann. Wissen ist definitiv Macht und vielleicht sind wir sogar froh drum, dass wir nicht alles wissen. Ich wollte in erster Linie eine Heavy Metal-Platte machen mit Konzept dahinter."
Wobei sein Mißtrauen gegenüber den Medien ja durch die Pleite des Kirchkonzerns von einer gewissen Aktualität zeugen.
"Bei der Kirchpleite bin ich geteilter Meinung, da ich auch Fussball-Fan bin, wobei es mich ein bisschen freut. Aber Schadenfreude ist was ganz ungesundes. Warum soll ich mich freuen, wenn es jemand anderem schlecht geht? Andererseits saßen die schon etwas auf dem hohen Roß. Die Politik des Konzerns hat den Konzern letztlich da hingeführt, wo der Konzern heute ist und von daher ist Schadenfreude etwas naheliegend. Sie waren durchaus arrogant und hatten in manchen Bereichen schon fast eine Monopolstellung", gibt sich Tobias zurückhaltend. Trotz dieser interessanten Story
steht bei Avantasia aber die Musik im Vordergrund.
"Es ist jetzt nicht so, dass die Geschichte völlig gestanden hat und ich dann anfing einen Song für Avantasia zu produzieren. Musik ist für mich immer noch eine emotionale Momentaufnahme. Man hat eine Idee im Kopf, musikalisch, und will die zum Ausdruck bringen. Man spielt das einfach mal und nimmt es auf mit einem Diktiergerät. So hatte ich viele Songideen fertig. Damals arbeiteten wir mit Edguy am Re-Release von "Savage poetry", also altes Material, und deshalb konnte ich alle neuen Ideen für Avantasia nutzen", wirft Tobias noch einmal den Blick zurück zur Entstehungsphase.
"Und dann fängst du an die verschiedenen Momente und die Emotionen der Geschichte mit der Musik zu verbinden. Du hast einen düsteren Teil in der Geschichte und dann schaust du, was musikalisch am besten dazu passt. Zum Teil habe ich kleinere Parts auch bewusst komponiert, aber das meiste war schon vorher da und habe es dann mit der Geschichte in Einklang gebracht."
Aber nicht alle Songs sind wirklich inhaltlich mit dem Konzept verbunden. Entscheidend ist die Musik und die mit ihr verbundene Emotion, wie Tobias erklärt.
"Manche Songs drücken auch einfach nur eine Stimmung aus, ohne konkret mit der Geschichte verbunden zu sein. Es gibt zum Beispiel eine Ballade, die heißt "Anywhere", wo es um das Gefühl geht jemand anderen zu vermissen. Es ist nicht so, dass du die Platte hörst und die komplette Geschichte darin wieder findest."
Natürlich hat Tobias auch bei diesem Album wieder jede Menge prominente Mitstreiter für das Projekt gewinnen können. Neben den Metalkollegen von der ersten Scheibe (u.a. Kai Hansen, Timo Tolkki, André Matos, David DeFeis) konnte er noch Magnum-Sänger Bob Catley und ex-Kiss Sänger Eric Singer für eine Mitarbeit gewinnen.
"Bei Bob habe ich einfach seine Managerin angerufen und ihm dann Musik zugeschickt. Das hat ihm gefallen und so war er mit von der Partie. Er singt zwei Songs fast alleine. Bob war bei mir im Studio und wir haben die Nummern dann dort gemeinsam aufgenommen. Das war schon toll, denn ich bin ein echter Magnum-Fan", gerät Tobias ins schwärmen.
"Eric Singer habe ich auf einem Festival getroffen, und da habe ich ihn gefragt. Ihm gefiel, was wir mit Edguy gemacht haben und so hat er sich dazu bereit erklärt den letzten Song einzuspielen. Eric hat die Nummer bei Gilby Clarke(Ex-Guns 'N Roses) im Heimstudio aufgenommen."
Eine Bühnenaufführung ist für Avanatasia übrigens nicht geplant, da Tobias das zu risikoreich ist.
"Mit Edguy haben wir zwei Songs live performed, mehr nicht. Ich will auch nicht zu den Leuten gehören, die jetzt definitiv etwas verneinen und sich dann in einem halben Jahr anders entscheiden. Aber ich gehe eher davon aus, dass das nicht passiert. Denn wenn man so etwas macht, dann muss man es auch richtig machen. Es bringt keinem was, wenn man für ein paar Mark Gewinn etwas halbgares auf die Bühne bringt und den guten Namen dieses Projekts damit ruiniert."
Wohl war, das ist Credibility zur rechten Zeit!