Interview
Von erleuchtender Dunkelheit
von Markus Eck (02.01.2012)So eine massive Dosis an Emotionen, wie diese Italiener in ihre neuen Kompositionen gepackt haben, findet sich eher selten in Veröffentlichungen des betont dramaturgisch ausgerichteten Alternative Rock-Genres. Doch mittels des aktuellen sechsten Albu...
WeiterlesenSo eine massive Dosis an Emotionen, wie diese Italiener in ihre neuen Kompositionen gepackt haben, findet sich eher selten in Veröffentlichungen des betont dramaturgisch ausgerichteten Alternative Rock-Genres. Doch mittels des aktuellen sechsten Albums "Dark adrenaline" gelang es Lacuna Coil erneut mit beachtlicher Bravour, auf der gesamten menschlichen Gefühlsklaviatur höchst versiert zu klimpern. Und diese bestechend variantenreiche Kollektion aus zwölf angenehm wonnig arrangierten Herzschmerz-Songs lässt den Hörer keine Sekunde in Ruhe, wenn man sich erst einmal darauf eingelassen hat. Das Melancholiker-Sextett erfindet sich damit abermalig neu. "Musik war schon seit jeher eine starke Antriebskraft für mich in meinem Leben, wenn nicht sogar meine allergrößte Leidenschaft überhaupt. Ich finde mich selbst bis heute noch immer ständig irgendetwas singend vor und das geht schon so, seitdem ich ein kleines Mädchen bin. Daher kriege ich auch niemals genug von Musik; gerade von der Musik, die ich mit Lacuna Coil mache. Wir lieben, was wir tun", lässt Sängerin Cristina Scabbia verlauten, auf die charismatisch emotionalisierten Inhalte des neuen Werkes ihrer Band angesprochen. "Der Titel des Albums entstand jedoch eher am Ende des Aufnahmeprozesses im Studio. Wir wollten dem Ganzen einen Namen beziehungsweise Titel geben, der dem Geist des Ganzen bestmöglich gerecht wird. Als wir uns über die obskuren Atmosphären und die energische Heavyness von ,Dark adrenaline' tiefere Gedanken machten, kam uns dieser perfekte Titel in den Sinn. Und in der Tat, die Lieder scheinen wie von ,dunklem Adrenalin' getränkt. Bereits beim Songwriting ging es schon regelrecht ,adrenalinisiert' zu", fügt die Frontfrau an und sie weiß flugs angeregt zu ergänzen: "Wenn man sich voll und ganz darauf einlässt, sind diese Tracks sogar imstande, das Empfinden im Innern in eine andere Dimension zu transformieren." Wie von der stimmstarken Dame noch zu erfahren ist, behandeln die Songtexte der frischen Scheibe allzu menschliche Themen wie Zorn, Liebe, (Seelen-)Schmerzen, Rachegefühle und damit verbundene Leidenschaften. "Als wir daran gingen, die Lieder zu schreiben, befanden wir uns als Band aufgrund diverser persönlicher Erlebnisse in einer mentalen Dunkelzone, was diverse wirklich ungute Stimmungen mit sich brachte. Doch wir sahen es als gewinnbringende Chance, umso authentischere Nummern zu komponieren. So drückten wir das Negative einfach entschlossen weg, um wieder Licht am Ende des Tunnels sehen zu können."
Mit den Waffen einer Frau
von Marcel Anders (03.04.2006)Zur Veröffentlichung ihres vierten Albums "Karmacode" muss Lacuna Coil-Sängerin Cristina Scabbia Krallen zeigen - gegen neidische Kollegen, ignorante Medien und billige Gothic-Klischees. Was die 33-jährige Italienerin auf ihre ureigene, charmante Wei...
WeiterlesenZur Veröffentlichung ihres vierten Albums "Karmacode" muss Lacuna Coil-Sängerin Cristina Scabbia Krallen zeigen - gegen neidische Kollegen, ignorante Medien und billige Gothic-Klischees. Was die 33-jährige Italienerin auf ihre ureigene, charmante Weise tut.
Nämlich mit viel weiblichem Charme, einer ausgesprochenen Redseligkeit und einem gesunden Selbstbewusstsein. Dabei geht es mit "Karmacode" doch um eine ganze Menge. Es ist der vielleicht alles entscheidende Release des Sextetts aus Mailand, der entweder für den endgültigen Durchbruch in den Mainstream sorgt, oder sie ein für allemal in die Gothic-Rock-Schublade zurückstößt. Und die ist Cristina und ihren Jungs längst zu eng. Schließlich haben sie von ihrem letzten Werk, "Comalies" von 2002, weit über 500.000 CDs verkauft. Die meisten davon in den USA, wo sie seit ihrem Support-Slot beim Ozzfest fast so etwas wie die zweiten Evanescence sind. Eben eine Band, die trotz ihrer Optik und ihres Backgrounds weitreichendes Airplay erhält und ein Publikum jenseits des angestammten Genres findet. "Für mich war das eine tolle Erfahrung", strahlt die 1,60 Meter große Schönheit mit den pechschwarzen, langen Haaren. "Es hat mir gezeigt, dass sich all die harte Arbeit, die wir über die Jahre investiert haben, sehr wohl auszahlt. Und dass wir Leute aus allen Lagern erreichen können. Das macht mich wahnsinnig stolz." Eine Situation, auf die Lacuna Coil zehn Jahre lang kontinuierlich hingearbeitet haben. Etwa mit endlosen Touren im Vorprogramm von Acts, die auf den ersten Blick so gar nicht zu ihnen passen (Type O Negative, Cradle Of Filth, Dimmu Borgir), sich aber letztlich stets als Glücksgriff erwiesen haben. "Ganz einfach, weil wir dadurch wahnsinnig viel gelernt haben, zu einer richtig guten Live-Band geworden sind, und nahezu jedes Publikum für uns gewinnen können." Das soll sich nun mit "Karmacode", ihrem ersten Album seit vier Jahren, fortsetzen. Mit einer mustergültigen Breitwandproduktion aus sphärischen Gitarren und Keyboards, die etwas Cineastisches hat. Dazu kommen der spannende Wechselgesang zwischen Cristina und Partner Andrea Ferro, sowie nicht zuletzt 13 Songs, die sehr aggressiv und heftig geraten sind, aber doch immer eine positive, hedonistische Botschaft verbreiten. Eben das Leben in vollen Zügen zu genießen, sich niemandem unterzuordnen und sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Etwas, das Cristina - so betont sie - nicht predigen möchte, aber wodurch sich Lacuna Coil doch von ganzen Heerscharen artverwandter Bands absetzen, die zumeist in verklärter Mystik, triefender Romantik und religiösen Metaphern schwelgen. Demselben Ansatz folgt übrigens auch der weitaus härtere, metallischere Sound des Albums. Den haben sie allein deshalb gewählt, um Spekulationen über eine mögliche Kommerzialisierung vorzubeugen. "Das war es doch, was jeder erwartet hat. Eben, dass wir nach dem Erfolg in den USA noch softer und weicher werden. Aber das genaue Gegenteil ist der Fall. Wobei wir jetzt nicht super-heavy sind. Das Ganze ist einfach nur sehr kraftvoll und dynamisch." Was den 13 Songs ausgesprochen gut tut. Vor allem dem einzigen Cover des Albums: Eine opulente Metal-Version des Depeche Mode-Klassikers "Enjoy the silence", die Cristina & Co. nicht etwa aufgenommen haben, um einen sicheren Hit zu landen, sondern um privaten Frust auszumerzen. "Ich bin ein Riesen-Fan", lacht sie. "Aber ich schaffe es einfach nicht, sie mir live anzusehen. Dabei habe ich zu Weihnachten wieder ein Ticket für ihre kommende Mailand-Show geschenkt bekommen. Und was passiert? Ich kann nicht hin, weil wir an dem Abend selbst irgendwo spielen. Es ist zum Heulen. Also dachte ich mir: Wenn ich nicht bei ihnen mitsingen kann, müssen wir halt einen Song von ihnen covern. Und die anderen fanden die Idee toll, zumal es sich prima als Zugabe bei Live-Konzerten eignet." Kein Wunder also, dass Lacuna Coil so viel Zulauf finden - sie sind das Bindeglied zwischen Gothic und Metal, und trotz aller Massenkompatibilität eben noch längst kein Mainstream. Was sich allein darin äußert, dass sie von der Lifestyle-, Mode- und Teenie-Presse bislang komplett ignoriert werden. Auch, wenn ihr Label alles daran setzt, in diese Bereiche vorzustoßen, und die sechs Italiener zu einem gängigen Produkt für die ganze Familie zu machen. Doch das wird erst dann funktionieren, wenn "Karmacode" die Verkaufszahlen des Vorgängers noch übertrifft und zudem einen veritablen Hit im Radio sowie Musikfernsehen landet. Dann könnten sie wirklich die nächsten Evanescence werden. Eine Band, zu der Cristina übrigens ein eher gespaltenes Verhältnis hat. Und sei es nur, weil in diversen Internet-Foren eine Art Rivalität zwischen ihr und Sängerin Amy Lee aufgebauscht wird, die de fakto aber gar nicht existiert. "Das sind alles nur Gerüchte", wehrt sie ab. "Ich habe die Frau nie getroffen, und kann mich insofern auch nicht mit ihr fetzen. Ich weiß nur, dass sie mal bei einem unserer Konzerte war, sich aber leider nicht vorgestellt hat. Und wenn du mich fragst, sind das einzige, was unsere Bands gemeinsam haben, die Person der weiblichen Sängerin und der Gothic-Look. Das war's auch schon. Ansonsten sind wir völlig unterschiedlich und haben ganz andere Karrieren erlebt. Wir haben uns über die Jahre langsam eine Fanbase erspielt - sie sind mit einem Album regelrecht explodiert. Wir werden sehen, was gesünder ist. Ich wünsche ihnen alles Gute", spricht's und lehnt sich zufrieden lächelnd zurück. Echte Gleichgültigkeit klingt anders - und doch Cristina kann es sich leisten bitchy zu sein. Sie hat ein starkes neues Album am Start, sieht einfach umwerfend aus, und wird 2006 zu einem ganz großen Star werden. Eine Vorstellung, die sie momentan noch amüsiert, deren Vorteile sie aber bereits zu erahnen scheint. "Kriege ich dann Freikarten für die Fußball-WM?", lacht sie. "Ich würde wahnsinnig gerne ein paar Spiele der italienischen Nationalmannschaft sehen. Aber wahrscheinlich klappt das eh wieder nicht, weil wir ganz woanders touren. Das wäre typisch für mein Leben ..."