Die Avantgarde des Metals schlägt wieder zu: Apocalyptica sind wieder da. Doch so ausgefallen wie zu Beginn ihrer Karriere geht es auf "Apocalyptica" lange nicht zu. Die Entwicklung zeichnete sich bereits bei "Reflections" ab: Apocalyptica rücken auc...
Die Avantgarde des Metals schlägt wieder zu:
Apocalyptica sind wieder da. Doch so ausgefallen wie zu Beginn ihrer Karriere geht es auf "
Apocalyptica" lange nicht zu. Die Entwicklung zeichnete sich bereits bei "
Reflections" ab:
Apocalyptica rücken auch mit "
Apocalyptica" weiter von ihrem Exotenstatus ab, den die Truppe sich mit den ersten beiden Werken geschaffen hatte.
"Wir nehmen mit der neuen Platte die Entwicklungen von 'Reflections' auf",
stimmt Eicca Toppinnen zu,
"es geht inzwischen stärker um die Musik, als um die Tatsache, dass diese Musik mit Cellos erschaffen wurde. Wir konzentrieren uns darauf, dass ein Song optimal zur Geltung kommt. Das ist der Grund dafür, dass wir stellenweise sehr nah am Sound einer ganz normalen Rockband sind."
Ausgehend von ihrer klassisch gelagerten Ausbildung mussten Eicca Toppinen, Paavo Lotjonen und Perttu Kivilaakso Schritt für Schritt lernen, sich in klar strukturierten Arrangements zu artikulieren.
"Zu lernen, mich auf einfache Weise mit Musik auszudrücken, ist für mich persönlich die allergrößte Herausforderung. Mit einfach meine ich aber keineswegs langweilig. Mein erstes Stück, das ich für Apocalyptica geschrieben hatte, war 'Harmageddon'. Aus den zahlreichen Ideen, die in dieser Nummer stecken, würde ich heute zwei oder drei Nummern machen."
Damals fiel es Toppinen noch etwas schwerer, die Wurzeln seiner musikalischen Ausbildung hinter sich zu lassen. Klassische Musik lebt häufig von unzähligen Variationen und vielen Elementen. Rockmusik funktioniert anders.
"Die Struktur eines traditionellen Rocksongs ist viel klarer. Wenn du ein ganz einfaches Stück schreiben möchtest, bedeutet das in Konsequenz, dass die Grundidee über hervorragende Qualitäten verfügen muss. Sonst funktioniert es nicht. Eine etwas schwächere Idee kann durch zahlreiche Schnörkel aufpoliert werden."
Deswegen gab es für die Tracks des aktuellen Albums einen klaren Gradmesser für Eicca, ob ihn seine Ideen selbst überzeugen konnten oder eben nicht.
"Wenn ein Stück in seiner reduziertesten Form nicht funktionierte, dann wollte ich es nicht schreiben. Beim Schreiben für die neue Platte habe ich viele Ideen verworfen, weil ich feststellte, dass sie nur mit den eben erwähnten Schnörkeln funktionieren würden."
Zu einem Song gehört Gesang und der spielt auf "Apocalyptica" eine größere Rolle als jemals zuvor. Mit Ville Valo von Him und Lauri Ylönen von The Rasmus traten zwei der ganz Großen der finnischen Szene gemeinsam zum Duett bei "Bittersweet" ans Gesangsmikro. Apocalyptica arbeiteten zwar in der Vergangenheit mit Gastsängerinnen wie Sandra Nasic (Guano Apes), Linda Sundblad (Lambretta) oder Nina Hagen zusammen, doch dieses Mal gestaltete sich die Zusammenarbeit ein wenig anders.
"Wir wohnen alle in der gleichen Stadt, deswegen konnten wir wirklich gemeinsam an dem Song arbeiten. Ich habe sowohl mit Ville als auch mit Lauri seit Jahren immer wieder über eine mögliche Kooperation gesprochen."
Schließlich kennen sich die Herrschaften schon eine ganze Weile.
"Mit Him absolvierten wir einen unserer ersten Live-Auftritte. Sie spielten Songs von Type O Negative und wir coverten Metallica. The Rasmus traten in der gleichen Show wie wir erstmalig im finnischen Fernsehen auf."
Bei all den Veränderungen, die das eigentliche Konzept, das Apocalyptica bei den ersten beiden Alben ausgezeichnet hatte, aufweichen, stellt sich die Frage, ob denn nicht zu befürchten steht, dass sich der eine oder andere Fan aus früheren Tagen vor den Kopf gestoßen fühlt.
"Das Konzept war früher sehr begrenzt. Apocalyptica würde es heute nicht mehr geben, wenn wir versucht hätten, stur das gleiche Ding durchzuziehen."
Den Grund für diese Ansicht liefert Eicca direkt im Anschluss:
"Es würde niemanden mehr interessieren. Musikalisch und auch was den Sound angeht, hätten dieses Schema nicht mehr genügend Gehalt, immer wieder ein ganzes Album zu füllen. Deswegen verwenden wir jetzt ein Schlagzeug und schreiben Rocksongs. Vor 'Reflections' dachten wir, dass wir perkussive gespielte Cello-Samples als Ersatz für die Drums nehmen könnten. Heute denke ich: Was für ein Blödsinn! Das hätte vielleicht interessant geklungen, aber ein Schlagzeug klingt einfach besser, weil es dazu bestimmt ist, Rhythmen zu spielen."
Apropos Schlagzeug. Bereits zum zweiten Mal in ihrer Laufbahn griffen Apocalyptica auf die Dienste von Slayer-Trommelgott Dave Lombardo zurück, um "Betrayal/Forgiveness" die passende Portion Härte zu verpassen. Mikko Siren, der inzwischen etatmäßig die Stöcke bei den Cello-Rockern schwing bestärkte seine drei Mitmusiker in dieser Wahl.
"Er meinte, Lombardo könne das besser als er spielen. Schlussendlich lief alles ganz einfach. Ich rief Dave an und fragte, ob er sich vorstellen könnte, bei einem Stück zu spielen. Er sagte sofort zu. Als Slayer in Helsinki waren, schaute er dann kurz im Studio vorbei und nahm seinen Part auf."
Der aktuelle Weg, den die Finnen mit ihren eigenen Stücken beschreiten, eröffnet außerdem immer die Möglichkeit, wieder mal eine Scheibe, die ausschließlich mit Fremdkompositionen bestückt sind, auf den Markt zu bringen. Gibt es denn Herausforderungen, die Eicca in dieser Hinsicht besonders reizen?
"Eine wäre sicherlich, einmal ein komplettes Album von Metallica zu covern. Es gibt da tonnenweise ältere Stücke, die uns musikalisch reizen würden. Ich denke da an 'Orion', 'Call of Ktulu' oder 'Seek and destroy', das wir hin und wieder schon live gespielt haben."
Das Interesse daran, Metallica-Songs für Cello zu adaptieren scheint also noch nicht erloschen zu sein.
"Auf der Bühne macht es immer wieder Spaß, die Stücke von ihnen zu spielen. Wer weiß, vielleicht wird es ja einmal 'Apocalyptica plays Metallica part 2' geben. Was mich auch reizen würde, auch wenn wir das zum Beginn unserer Karriere kategorisch ausgeschlossen hatten, wäre, eine CD mit klassischen Stücken im Apocalyptica-Sound aufzunehmen. Das könnte so in der Art sein, wie sich unsere Version von Griegs 'Hall of the mountain king' anhört."