Amon Amarth
Teuflischer, als man denkt
von: Eugen Legat
vom: 14. Juli 2004
Die Drachenboote gehen wieder auf Kaperfahrt. Zwar ist ihre Zahl nicht
virtuell ins nahezu Unermessliche geklont, wie die Flotte der Belagerer im medial
hoch...
Amon Amarth
Teuflischer, als man denkt
von: Eugen Legat
vom: 14. Juli 2004
Die Drachenboote gehen wieder auf Kaperfahrt. Zwar ist ihre Zahl nicht
virtuell ins nahezu Unermessliche geklont, wie die Flotte der Belagerer im medial
hochgeputschten "Troja" Epos, aber dafür haben sich aus dem Norden Europas
nur die kampfstärksten Elite-Verbände formiert, als gelte es, dem verstorbenen
Viking Metal Genre-Begründer Quorthon, der mit Bathory zu den
bedeutendsten metallischen Grundsteinlegern gehörte, die letzte Ehre auf der
Überfahrt nach Valhalla zu erweisen. Die wiedererstarkten Unleashed kreuzen
erneut die tosenden Wellen und auch Amon Amarth haben die Segel gesetzt,
ihrem Fabelwerk "Versus the world" einen Nachschlag zu verpassen. Wie
man dem Review entnehmen kann bleiben sie ihrem darauf eingeschlagenen Kurs
treu, ja, sie forcieren ihn sogar - ohne ihrer eigenen Identität, die sie schon
seit der ersten MCD - 1996 von einem Label aus Singapur (!) zuerst aufgelegt
- wahren, den Schneid zu nehmen. Als Texter ist Fronthühne Johan Hegg
natürlich erste Wahl, wenigstens einige Einblicke in das lyrische Sujet von
"Fate of norns" zu geben.
"Auch wenn die Songs eigentlich unabhängig voneinander existieren können, gibt
es unterschwellig ein Konzept, welches sich mit dem Schicksal der Menschheit
auseinandersetzt. Die beiden letzten Stücke, 'Arson' und 'Once sealed
in blood' beziehen sich direkt aufeinander, sie sind angelehnt an eine alte
isländische Sage. Eine Familie und ihre Freunde werden angegriffen und fliehen
in ihr Haus. Die Angreifer setzen das Gebäude in Brand, um die Menschen aus
ihrem Versteck zu locken und niederzumachen, aber diese ziehen es vor, in den
Flammen zu sterben. Eine Person kann jedoch fliehen und kehrt später zurück,
um Rache zu nehmen. Mit dem Text von 'Death in fire' (der Über-Hymne
des letzten Albums - Anm. d. Verf.) gibt es trotz der ähnlichen Assoziationen
beider Titel keine Berührungspunkte inhaltlicher Natur, da dieses Lied sich
mit dem Ende der Welt in der nordischen Mythologie beschäftigte."
Wobei das Album mit der letzten Zeile "No remorse" den zusammenfassenden
Eindruck bestätigt, keine Gefangenen ernähren zu wollen.
"Das ist das Prinzip von straight forward fuckin' Metal. Auch wenn man es uns
mit einem Spaßvogel wie unserem Basser Ted Lundström oder dem eher ruhigen
Johan (Söderberg, zweiter Gitarrist neben Urgestein und Hauptkomponist
Olavi Mikkonen - Anm. d. Verf.) nicht zutrauen will - wir sind manchmal
teuflischer, als man denkt. 'The beheading of a king' entstand ganz spontan
im Studio, also habe ich in nur zwei Stunden den Text dazu niedergeschrieben.
Er handelt von einer wahren Begebenheit unserer Geschichte und ist inspiriert
von den Erzählungen eines etwas älteren Mannes, der Führungen durch ein nach
originalen Bauplänen rekonstruiertes Wikingerdorf anbietet, welches als Touristenattraktion
in der Nähe des Berno Studios in Malmö liegt und Einblick in Architektur
und Lebensweise der Menschen hier an der schwedischen Ostseeküste in der Zeit
rund um das Mittelalter ermöglicht. 'Pursuit of Vikings' ist es, die
Segel zu setzen und in den Krieg zu ziehen, Ruhm zu erlangen und schließlich
den Tod zu finden. Wenn der Sommer Einzug hält, können Wikinger es nicht länger
in ihren Heimatdörfern ertragen, sie folgen dem Ruf der Wellen."
Oder können sie etwa auf Dauer ihre angetrauten Weiber nicht ertragen, denen
sie nach Monaten der Abwesenheit zur Wiedergutmachung alsbald Tand und Geschmeide
anschleppen? Johan mag nur den historischen Bezug bestätigen.
"(meckernd lachend)Exakt. Ich wollte es nicht so direkt formulieren.
Aber damals war eben nicht alles gut und schön ."
Heute eigentlich auch nicht. Mittlerweile sind Amon Amarth Teil einer
Maschinerie geworden, die das Arrangement mit dem Privatleben jenseits der Musik
und den Jobs der Beteiligten zunehmend komplizierter gestaltet. Trotz kontinuierlichem
Wachstum stellt sich die Frage, wie groß man in ihrem Genre werden kann und
wie dieser Status zu halten ist.
"Das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht. Wir haben jede Gelegenheit
ergriffen und über die Jahre sehr hart gearbeitet, um voran zukommen, und das
zahlt sich gerade aus. Zwei Jobs zu halten ist nicht gerade leicht, einerseits
die Band durch Touren zu stützen und andererseits die Rechnungen zu Hause im
Griff zu behalten."
Mit einem stählernen, problemlos abgreifbaren Backkatalog und einer festen
Gefolgschaft gesegnet, dürften nach weit mehr als zehn Jahren Bandgeschichte
auch die Medien Live-Album und DVD zunehmend attraktiver werden.
"An letzterem arbeiten wir schon länger, so wird auch die kommende Tour gefilmt,
um nachher aus umfangreichem Material wählen zu können. Zudem gibt es noch viele
nicht veröffentlichte Archivaufnahmen."
Doch zunächst steht die erfreulich entzerrt entworfene Headliner-Tour mit
den Landsmännern Impious und den Labelkollegen Disillusion an,
deren experimentelle Performance und wahrhaft progressives Songwriting Johan
aus erklärlichen Gründen noch kein Begriff ist.
"Ich sollte unseren Ansprechpartner bei Metal Blade etwas würgen - bislang
habe ich keine Disillusion CD erhalten. Von dem, was du mir erzählt hast,
dürfte ihr Stil vor allem unserem ex-Drummer Martin (Lopez, nunmehr
seit Jahren bei Opeth in Lohn und Brot - Anm. d. Verf.) gefallen. Ich
bin jedenfalls sehr gespannt darauf; selbst Impious sind mir nur vom
Namen her bekannt, aber sie wurden mir schon von vielen Seiten als absolut mörderische
Live-Band empfohlen. Für uns kann es nur ein willkommener Antrieb sein, unser
Bestes zu geben."
Und als sei dies als Lebensaufgabe zumindest für die nächsten Monate nicht
genug bietet Johan sogar einen kleinen Ausblick auf zu erwartende Heldentaten
jenseits des Horizontes an.
"Ich arbeite bereits an einem Konzept für das nächste Album, wobei ich noch
nicht weiß, ob es alle Songs umfassen wird. Momentan stehen eine Menge Nachforschungen
an, um es historisch fundiert zu verwirklichen. Manchmal werfe ich komplette
Texte in den Mülleimer, weil sie sich nicht stark genug von alten Songs abheben."