EMP Redaktion
von Stefan Woldach(09/03)Nach der zuletzt ungestöpselten "Rock'n'Roll Realschule" haben die Ärzte jetzt wieder voll in die Steckdose gegriffen. Und anscheinend haben Farin Urlaub, Bela B. und Rodrigo Gonzales dabei soviel Spaß gehabt, dass gleich ein Doppelalbum daraus entstanden ist. Viel Musik fürs Geld, mit einigen Überraschungen. Und damit ist nicht der obligatorische hidden track gemeint, sondern zum Beispiel die Liaison mit Country-Schlager-Star Gunther Gabriel in "Besserwisserboy". Oder ein Song wie "Das System", der als fröhliche afrikanische Pop-Nummer daherkommt oder die feurige Zigeuner-Jazz-Nummer "Stirb Jung" inklusive "weinender" Geige. Ärzte ohne Grenzen! Oder so. Die anderen Nummern klingen dagegen recht vertraut. Die erste Single "Unrockbar" ist ein typischer Ärzte-Rocker mit Blick auf die Charts. Am besten sind Die Ärzte jedoch immer, wenns nicht nur klamaukt, sondern wenns trotz heftigem Wortwitz inhaltlich sehr ernst zugeht, wie in "Deine Schuld". Die Botschaft ist unmissverständlich: Tu was! Denn den Traum von einer besseren Welt gibt's sowieso nur im Song "Wenn alle Männer Mädchen wären".
Interview
Nach der Kunstpause
von Michael Loesl (24.09.2007)"Quo Vadis, Ärzte?", fragten nach dem ambitionierten Doppel-Album "Geräusch", das 2003 eine Band präsentierte, die in ihrer Schaffenskraft ein wenig über das Ziel hinaus geschossen war, nicht nur devote Freunde des Trios aus Berlin. Auch innerhalb de...
Weiterlesen"Quo Vadis, Ärzte?", fragten nach dem ambitionierten Doppel-Album "Geräusch", das 2003 eine Band präsentierte, die in ihrer Schaffenskraft ein wenig über das Ziel hinaus geschossen war, nicht nur devote Freunde des Trios aus Berlin. Auch innerhalb der Band regte sich Unzufriedenheit. Vor allem an der mangelnden Interaktion untereinander. "Letztendlich beinhaltete die Platte zum Großteil die Arbeit von drei einzelnen Musikern mit dem Produzenten. Die Motivation zum Mitreden und Mitarrangieren innerhalb der Band war sehr gering", erzählt Bela B.! Die Folge der selbstkritischen Erkenntnis war eine lange Pause, die Farin - wie sollte es anders sein? - zum Urlaubmachen, Buchschreiben und Veröffentlichen des zweiten Soloalbums und einer Live-Platte nutzte. Rod widmete seine Zeit vornehmlich Abwärts. Bela schauspielerte, las Hörbücher und debutierte als Solist. Genügend Input also, um die Gedanken über die Zukunft von Die Ärzte mit frischen Eindrücken zu füttern. Im Spätherbst des letzten Jahres kam es dann zu einer gruppentherapeutischen Sitzung, in der sich über die Band ausgekotzt werden sollte. "Ich habe erstmal die anderen beiden reden lassen, was auch gut war, denn hätte ich als Erster geredet, dann wäre der Satz: ,Jungs, ich glaube das war es jetzt erst mal' gefallen. Weil ich keine Lust mehr hatte, da weiter zu machen, wo wir aufgehört hatten.", erinnert sich Farin Urlaub. "Das Zwischenmenschliche innerhalb der Band ließ nämlich zu Wünschen übrig." Verantwortung der eigenen Plattenfirma gegenüber und sämtliche Zwänge, die damit verbunden sind, empfand Bela B. als Stahlkorsett. "Das ist für einen kreativen Menschen tödlich. Es zu lockern und die Möglichkeit jedes Einzelnen, sich hinter dem breiten Rücken des Produzenten verstecken zu können abzublocken, in dem wir das neue Album selbst produziert haben, hat den Bock auf die Band wiederbelebt." Offensichtlich, denn "Jazz ist anders" folgt zu aller erst dem reinen Lustdiktat. Kurz, kompakt, knackig und so sehr nach Bandalbum klingend wie zuletzt bei "Planet Punk", ist den Ärzten eine Charme-Offensive gelungen, die den zweiten Karriere-Frühling der Band einläutet. Kein Wunder also, dass "Jazz ist anders" vor Optimismus strotzt und musikalische Albernheiten enthält, die sich nur erlauben kann, wem da eigene Kulturgut-Dasein wirklich völlig egal ist. Sogar lieb gewonnene Gewohnheiten wie das typische Farin Urlaub-Hasslied oder der Bela B.-Macho-Song, beides Ingredienzien jedes Die Ärzte-Albums seit Mitte der Achtziger, gehören nicht mehr zu den Pflichtaussagen der Ärzte. Stattdessen gibt es auf der Bonus-EP, die dem Album beiliegt, drei krude Selbstreflexionen der Besten Band Der Welt. Als Reggae, Gitarren-Nummer und in grotesker Schalalu-Abhandlung. Das klingt zu anstrengend? Von wegen! Das klingt so organisch und dermaßen nach spannender Scheißegal-Haltung, dass man Bela B. nur zustimmen kann, wenn er erzählt, "mit den Ärzten, so wie sie jetzt sind, extrem glücklich" zu sein.
Die bäste Band der Welt
von Michael Loesl (29.09.2006)
Ärzte, Die
Die bäste Band der Welt
von: Michael Loesl
vom: 29.09.2006
Deutsche Realität sah1993 so aus: hässliche Deutsche, die in vollgepissten Jogginghosen, vor brennenden Asylantenghettos, zum Hitlergruß anhoben. Lichterketten waren die ...
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Ärzte, Die
Die bäste Band der Welt
von: Michael Loesl
vom: 29.09.2006
Deutsche Realität sah1993 so aus: hässliche Deutsche, die in vollgepissten Jogginghosen, vor brennenden Asylantenghettos, zum Hitlergruß anhoben. Lichterketten waren die Antwort der inszenierungsbedürftigen Masse, "Rock gegen Rechts" die der betroffenen Gymnasiastenrocker. Mittenrein platzten die wiedergeborenen Ärzte mit dem blitzgescheiten, treffsicheren "Schrei nach Liebe". Plötzlich wusste das Land was Attitüde ist, wie rotzig Antagonismus wirklich zu klingen hatte. Vor allem wussten alle, dass es die Ärzte wieder gab. Nach fünf Jahren Tod. Bela B. und Farin Urlaub, formvollendet mit Rod Gonzalez. Das war der Anfang eines Phänomens, von dem es jetzt, mit der neuen "Bäst of", nach dreizehn Jahren, eine erste Bestandsaufnahme gibt. Zwei CDs, 50 Songs. Die besten B-Seiten der Welt, Unmengen A-Seiten, die Hit-Status verdient hätten, gut ein Dutzend echte Hits und ein Monstersong, der Die Ärzte kurzzeitig sogar ballermann- und feuilletonisten-kompatibel machte. Klar, das war "Männer sind Schweine". "Ein Motown-Song mit einem deutschen Text. Aber weil die Deutschen kein Motown kennen, ist es ... ähm ... ein Schlager geworden.", räusperte sich Farin Urlaub 1998. Dabei bewiesen Die Ärzte in den fünf Jahren davor und den acht Jahren danach, dass sie alles andere als eine Eskapisten-Band waren und sind. Statt dessen gab es richtig was zwischen die Augen und Beine. "Darüber kann man nicht singen, ist ein Satz, der bei uns nie gefallen ist", meinte Farin Urlaub 2001. Und so klang er auch, der Open-Sources-Kosmos der Ärzte. Bela brach eine Lanze für die Spezies Schlagzeuger, Rod croonte "Dinge von denen" und Farin brachte seine Verehrung für "Yoko Ono" auf den Punkt. Absurditäten nach dem Lustprinzip. Wer sich als Individuum in der Masse definieren will, war und ist bei den Ärzten bestens aufgehoben. Deswegen sieht Deutsche Realität 2006 ganz anders aus. Weil es die Option Die Ärzte gibt. Die beste Option, die es in diesem Land je gab, wie "Bäst Of" zeigt. Hoffentlich noch ganz lang.