Der gerockte Mittelfinger
von Marcel Anders (24.09.2008)Wer seit 35 Jahren im Geschäft ist, 15 Studioalben aufgenommen, über 200 Millionen Alben verkauft und die größten Stadien der Welt gefüllt hat, darf es ruhig mal ein bisschen langsamer und lockerer angehen lassen. Acht Jahre sind seit "Stiff upper li...
WeiterlesenWer seit 35 Jahren im Geschäft ist, 15 Studioalben aufgenommen, über 200 Millionen Alben verkauft und die größten Stadien der Welt gefüllt hat, darf es ruhig mal ein bisschen langsamer und lockerer angehen lassen. Acht Jahre sind seit "Stiff upper lip", dem letzten Lebenszeichen des australisch-britischen Hardrock-Schlachtschiffs, vergangen und das ist selbst Brian Johnson zu viel, der bei Kaffee und Kippen in einem Düsseldorfer Luxushotel sitzt, die Schiebermütze tief ins Gesicht zieht und schimpft wie ein Rohrspatz: "Ich habe keine Ahnung, warum die Jungs diesmal so lange gebraucht haben. Und ich habe irgendwann aufgehört, danach zu fragen - weil es mir zu blöd wurde. Also habe ich zuerst jede Menge Kreuzworträtsel gelöst und auf sie gewartet. Aber als dann nichts passierte, habe ich versucht, die Zeit so gut wie möglich zu nutzen." Worunter die 61-jährige Reibeisenstimme Oldtimer-Rennen (Die geilste Sache der Welt), eine Musical-Produktion (das dauert noch länger als AC/DC!) und einen Ausflug ins Film-Geschäft mit "Totally Baked" (ein Fass ohne Boden!) versteht, dabei aber immer schön unauffällig geblieben ist. Aus gutem Grund: "Wir sind die schlechtesten Promis, die du dir vorstellen kannst. Einfach, weil wir ganz normale Menschen sind, die ein ganz normales Leben führen und auf offener Straße nie erkannt werden. Ich brauche nur die Mütze abzunehmen und schon weiß kein Schwein, wer ich bin. Das ist toll - ich genieße es in vollen Zügen." Womit es in den nächsten Monaten erst einmal vorbei sein dürfte. Denn die Hardrock-Pioniere gehen Ende Oktober auf ausführliche Welttournee. Zuerst durch die Footballstadien der USA und dann - via Australien und Asien - nach Europa, wo sie im April/Mai 2009 aufschlagen werden. Und das mit einer Produktion, die alles Bisherige in den Schatten stellt: "Wir haben 4,5 Millionen Dollar in die Show gesteckt. Der größte Betrag, der je für eine Rock-Tournee ausgegeben wurde. Und ich darf zwar keine Details verraten, aber ihr könnt euch auf etwas gefasst machen. Das wird der absolute Hammer! Und darauf freuen wir uns wie kleine Kinder. Wir können es kaum erwarten da rauszugehen und richtig Spaß zu haben." Und wie steht es mit der Pyrotechnik? Wird die noch lauter als beim letzten Mal? "Na klar, was denkst du denn? Wir pusten euch das Hirn frei. Und zwar richtig!" Eine charmante Drohung. Genau wie der Titel des neuen, 16. Studio-Albums "Black ice". Damit ist keineswegs eine neue, leckere Speiseeisvariante von Onkel Johnson gemeint, sondern eine besonders fiese Variante von Glatteis, mit der der Sänger seine ureigenen Erfahrungen gemacht hat. "Es ist dieses verfluchte Blitzeis, das im Norden von England, also da, wo ich aufgewachsen bin, an der Tagesordnung ist. Und ich weiß nicht, wie oft ich mich als junger Mann mit meinem Motorrad auf die Fresse gelegt habe, weil ich mal wieder über Blitzeis gefahren bin. Denn das sieht man ja nicht und man hat insofern auch keine Chance, da entsprechend zu reagieren. Es ist wahnsinnig gefährlich - und es kann dich töten, einfach so. Deshalb hielten wir das für einen tollen Titel. Er passt hervorragend zu den Songs." Die sind auf den ersten Blick typisch AC/DC: 15 Stücke zwischen erdigem Power-Rock, dreckigen Blues-Licks und großen Stadion-Hymnen. Alle druckvoll, dynamisch, bewusst rau produziert und so wuchtig und frontal, dass man davon regelrecht geplättet wird. Dampfhammer-Rock der alten Schule, ohne moderne Irrungen und Wirrungen, aber mit fester Marschrichtung: Voll auf die 12! Wobei die Melodien deutlich stärker als auf den Vorgänger-Alben sind und sich das Quintett ohnehin so frisch und ungestüm präsentiert, wie lange nicht mehr. Genauer: Seit "Back in black" von 1980, das gleich an mehreren Stellen des 55-minütigen Tonträgers durchschimmert. "Scheiße Mann, das empfinde ich genauso", so Brian. "Einfach, weil es dieselbe Spontaneität und Power hat. Es ist wie damals - und das gilt auch für meinen Gesang. Als ich den zum ersten Mal gehört habe, kam es mir vor, als ob das eine jüngere Version von mir wäre. Also wie vor 25 Jahren. Was aber nicht beabsichtigt war. Wir haben uns da nicht hingestellt und wollten ,Back in black II' machen oder so einen Quatsch. Auf keinen Fall. Es lag am Produzenten, der das Beste aus uns heraus gekitzelt und uns in dieselbe Stimmung versetzt hat. Nämlich allen zu zeigen, dass wir noch keine alten Säcke sind, die ihren Zenit überschritten haben. Wäre das der Fall, würde ich sofort kündigen!"
Womit Brian nicht nur gegen alle Kritiker schießt, die AC/DC allein wegen der langen Wartezeit abgeschrieben haben, sondern auch gegen alle, die meinen, der Fünfer würde eh immer dieselben Platten machen. Da kann das untersetzte Männchen, das in Saratoga, Florida lebt, nur lachen: "Das kommt von diesen Musik-Nomaden, die immer nur hören, was gerade hip ist und irgendeinem Trend entspricht. Die überhaupt keine Loyalität und Treue besitzen. Auf die können wir getrost verzichten. Wir bedienen Leute, die auf richtig echte Rockmusik stehen. Das ist unser Ding. Und da kann uns niemand etwas vormachen. Dafür machen wir das schon zu lange - und zu gut." Eine gesunde Halsstarrigkeit, mit der sie sich auch gegen eine "Best of"-Kopplung ihrer zahlreichen Hits zur Wehr setzen ("das ist Geldschneiderei - so lange es uns gibt, wird das nicht passieren"). Genau wie gegen den digitalen Vertrieb ihrer Musik durch einen Multi der Marke iTunes. "Wir lassen nicht zu, dass so ein mächtiges Unternehmen die Kontrolle über unsere Songs bekommt - und damit wer weiß was macht. Das ist absolut Big Brother-mäßig. Also ein richtiges Monster, das immer größer, gieriger und unberechenbarer wird. Mit dem kooperieren wir nicht - selbst, wenn wir die letzte Band auf diesem Planeten sind, die da nicht mitspielt. Aber wir wollen richtige Alben machen - keine Files zum Downloaden. Bei AC/DC bekommst du richtige Platten, die du in die Hand nehmen, riechen und fühlen kannst. Nenn uns altmodisch, aber wir stehen darauf. Und unsere Fans sowieso." Was für ein Schlussplädoyer!